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Die Gretchenfrage: 80 oder 48?

Altenheim Richtsberg Die Gretchenfrage: 80 oder 48?

Noch immer steht das Zukunftskonzept für das Altenheim in der Sudetenstraße nicht: Der Aufsichtsratsvorsitzende, Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD), wartet auf eine präzise Kostenschätzung.

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Unklare Zukunft: Das Altenzentrum der Marburger Altenhilfe in der Sudetenstraße am Richtsberg.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Vaupel hatte in der letzten Sitzung der Stadtverordnetenversammlung gesagt, er strebe den Umbau des Altenheims in der Sudetenstraße für 48 vollstationäre Pflegeplätze an. Vaupel vertritt damit die Haltung, die im Besonderen von Grünen vertreten wird: Eine kleinere Einheit in der Sudetenstraße und den Ausbau ambulanter Pflegeangebote. „Wir müssen raus aus den Heimen, hin zu den Menschen“, sagte Vaupel der OP.

Zentrale Größe in der seit Jahren schwelenden Debatte ist die Wirtschaftlichkeit der Einrichtung. Das Kuratorium Deutsche Altenhilfe (KDA) geht in einem Gutachten von einer Wirtschaftlichkeitsgrenze bei etwa 80 vollstationären Plätzen aus.

Zweite zentrale Zukunftsentscheidung ist die Frage: Sanierung oder Neubau? Der CDU-Stadtverordnete Manfred Jannasch, Mitglied im Aufsichtsrat der Marburger Altenhilfe, spricht von Kosten von 9 Millionen Euro für ein neues Haus; dem gegenüber stünden 21 Millionen Euro für die Sanierung. Vaupel will präzise Kostenschätzungen zunächst abwarten, sagt aber: Die Kosten für den Neubau des Altenzentrums in Cölbe entsprächen, auf den Bewohner gerechnet, in etwa den Kosten für die Sanierung in der Sudetenstraße: 125000 Euro.

Im vergangenen Jahr hatte der Aufsichtsrat der Altenhilfe beschlossen, die Zahl der Bewohner in der Einrichtung von einst 139 auf 80 zu reduzieren. Darauf beruft sich Jannasch, wenn er sagt, ein Konzept für 80 Bewohner sei beschlossene Sache. Er wirft Vaupel vor, „sein eigenes Süppchen“ zu kochen auf dem Rücken der Mitarbeiter und der Bewohner, um den Koalitionsfrieden mit den Grünen zu wahren und das Konzept mit vollstationären Pflegeplätzen durchzusetzen. Der Betriebsrat fürchtet, dass Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen. „Wir sind nicht sehr glücklich mit der Situation“, sagt Betriebsratsvorsitzende Gabriele Brunnet. Auch sie beruft sich auf das KDA-Gutachten von 2011, nachdem eine Betriebsgröße von weniger als 80 vollstationären Plätzen nicht wirtschaftlich seien.

Derzeit ist unklar, ob der künftige Betrieb mit 48 vollstationären Plätzen im Aufsichtsrat eine Mehrheit hätte. Auch SPD-Mann Dieter Kopp und die Richtsberger Ortsvorsteherin Erika Lotz-Halilovic als Aufsichtsratsmitglieder sagen nämlich im Gespräch mit der OP, „wir wollen, dass das Heim sich rechnet“, und leiten daraus ab, dass 80 Plätze erhalten bleiben müssten. „Der Betrieb mit 48 Plätzen scheint nicht zu funktionieren“, befürchtet Lotz-Halilovic. Der Richtsberg brauche aber eine eigene Pflegeeinrichtung. „Neben immer mehr Menschen, die länger gesund sind und ambulante Hilfe in Anspruch nehmen wollen, wird die Nachfrage nach stationärer Pflege nicht weniger werden“, sagt sie.

Der Marburger Seniorenbeirat fordert den Magistrat auf, „nun endlich für die Marburger Altenhilfe ein umfassendes, zukunftssicheres und wirtschaftlich auskömmliches Konzept mit mindestens 80 Plätzen zu beschließen“ - ein Formelkompromiss, in der eine harte Aussage über die Gretchenfrage „80 oder 48“ nicht getroffen wird. Ursprüngliche Absicht der SPD-Arbeitsgemeinschaft 60 plus, die den Antrag in den Seniorenbeirat eingebracht hat, war aber die Festlegung auf 80 vollstationäre Plätze.

Im politischen Raum erhält die Forderung nach der Umsetzung des 80er-Konzepts Unterstützung durch die CDU. Sie brachte eine Beschlussvorlage in den Geschäftsgang für das Stadtparlament ein, das „zur Sicherung der Zukunft der Marburger Altenhilfe“ die Aufrechterhaltung eines „Altenzentrums am Richtsberg mit 80 vollstationären Betten“ beschließen soll.

Die Christdemokraten verweisen auf einen einstimmigen Beschluss des Parlaments im Jahr 2009, das einen Neubau forderte.

Nach gegenwärtigem Stand könnte diese Vorlage am letzten Tag vor den Sommerferien, am 25. Juli, beraten werden. Ob bis dahin die von Vaupel angeforderten Kostenschätzungen für Um- und Neubau fertig sind, ist unklar.

von Till Conrad

Vaupel wird im Aufsichtsrat der Altenhilfe heute jedenfalls einen Beschluss des Vorstands der Stiftung St. Jakob als Vermieter des Gebäudes in der Sudentenstraße bekannt geben. Der Stiftungsvorstand hat beschlossen, eine weitere Etage des siebenstöckigen Gebäudes an das Studentenwerk zu vermieten. Dadurch sollen weitere barrierearme Studentenwohnungen zu einem Mietpreis von 220 Euro entstehen.

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