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Die Geburtshilfe ist im Umbruch

Hebammen Die Geburtshilfe ist im Umbruch

Immer weniger Kreißsäle, immer weniger Hebammen und immer mehr Kaiserschnitte: Hessische Hebammen haben bei einer Gesprächsrunde in Marburg über die Geburtshilfe in Deutschland diskutiert.

Ein Schild kennzeichnete 1996 das Haus der letzten Haus-Hebamme in Marburg. Der Beruf ist heute am Aussterben. Kleines Foto: Moderatorin Melani Trofimow vom Geburtshaus Marburg (von links) sprach mit der grünen Bundestagsabgeordneten Kordula Schulz-Asche, Nina Rinkleff, der Kreissprecherin der Hebammen, und Gabriele Kopp, der Bundesvorsitzenden des Landesverbands der hessischen Hebammen darüber. Fotos: Altmüller / Wagner

Quelle: Picasa

Marburg. „Die wohnortnahe Geburtshilfe stirbt aus“, erklärte Gabriele Kopp, Vorsitzende des Landesverbandes der Hessischen Hebammen, bei einem Gespräch im Geburtshaus Marburg. „28 Kreißsäle in Hessen haben die Türen zugemacht.“ Der in Alsfeld schließe Ende des Jahres. Frauen aus dem Vogelsbergkreis müssten dann den Weg nach Gießen, Marburg oder Fulda zurücklegen - eine Dreiviertelstunde mit dem Auto. „Die Kreißsäle werden geschlossen, weil sie sich angeblich nicht rechnen“, erklärte Kopp.

Hebamme künftig ein Studienberuf?

Ökonomische Kriterien sollten nicht entscheidend sein, erklärte die Bundestagsabgeordnete Kordula Schulz-Asche (Grüne). Die gelernte Krankenschwester ist im ­Gesundheitsausschuss tätig. Moderatorin Melani Trofimow vom Geburtshaus Marburg sagte, in der Geburtshilfe solle es nicht darum gehen, Geld zu machen. In Deutschland sehe die Realität aber anders aus. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation könnten 90 Prozent der Frauen ohne Intervention gebären.

Hierzulande liege diese Zahl nur bei fünf Prozent. Ein Kaiserschnitt bringe zudem deutlich mehr Geld als eine normale Geburt. Andere Hebammen in der Runde ergänzten, dass es zugleich auch darum ginge, zu vermeiden, dass eine Frau zu lange den Kreißsaal blockiere. Dabei würde jedoch nicht bedacht, dass ein Kaiserschnitt eine traumatische Erfahrung für Mutter und Kind sei, die für beide psychische und gesundheitliche Folgen habe, sagte eine Schulärztin. Die Kinder seien auffällig, hätten neurophysiologische Schwierigkeiten und bräuchten häufig Therapien. „Das wird nicht bedacht.“ Die Kaiserschnitt-Rate bewege sich in Hessen zwischen 25 und über 50 Prozent, sagten die Hebammen.

„Obwohl es rechnerisch genug gibt, haben wir einen Hebammenmangel“, erklärte die Verbandsvorsitzende Kopp ein weiteres Problem. Grund dafür sei, dass es sich für sie finanziell nicht lohne. Viele zögen sich daher aus ihrem Beruf zurück. Im Jahr 2010 sei die Haftpflichtprämie exorbitant in die Höhe­ ­gestiegen. Der vom Gesetzgeber beschlossene Sicherstellungszuschlag, der einen Ausgleich dafür schaffen solle, sei keine Lösung für das Problem, sagte­ Moderatorin Trofimow. „Es ­wurde das Geld von hier nach da geschoben.“ Die Bundestagsabgeordnete Schulz-Asche erklärte bei dem Gespräch im Geburtshaus, alle Gesundheitsberufe sollten haftpflichtversichert werden, damit es einen solidarischen Ausgleich gebe.

„Ich bin dafür, alle Gesundheitsberufe zu verkammern"

Für eine bessere Interessenvertretung sprach sich Schulz-Asche für eine Hebammenkammer aus. „Ich bin dafür, alle Gesundheitsberufe zu verkammern, um auf Augenhöhe in Verhandlungen zu kommen.“ Mit der Kampagne der Elterninitiative „Motherhood“ für eine freie Wahl des Geburtsortes sei es bereits gelungen, die Themen der Hebammen auf die öffentliche Agenda zu setzen und einiges zu erreichen. Um eine „Dauermobilisierung“ zu erreichen, sei es wichtig, dass die Hebammen mit einer Stimme sprächen. Dazu gehöre beispielsweise, dass sie sich in der Frage nach einer Akademisierung der Ausbildung einig seien. Während die einen sich davon eine Aufwertung des Berufs erhoffen, wollen andere Haupt- und Realschülern nicht den Zugang zu der Ausbildung versagen.

„Hebammen verdienen nicht genug, um ein Studium zurückzuzahlen“, sagte Yvonne Stephan, Leiterin der Hebammenschule in Marburg. Ein duales System mit zehn bis zwanzig Prozent ­Akademikerinnen, die sich der Forschung zuwenden können, halte sie für die Lösung.

von Freya Altmüller

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