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Die Flucht soll in Marburg beendet sein

Die Flucht soll in Marburg beendet sein

Die Stadt Marburg möchte Schwerpunktkommune für die Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge werden und bis zu 240 jugendliche Flüchtlinge dauerhaft betreuen.

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Ein kleiner Flüchtlingsjunge, ganz allein in Deutschland: Die Stadt Marburg will deutlich mehr unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreuen als bisher.

Quelle: Jens Büttner

Marburg. Nach dem derzeit gültigen Schlüssel hat die Stadt Marburg derzeit 23 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zu betreuen.

Sie leben in Wohngruppen in Ockershausen und im Waldtal und werden von der Caritas und dem Gertrudisheim beziehungsweise dem Elisabethverein und dem AKSB betreut. Wenn die vorgesehenen 14 Plätze im Landschulheim Steinmühle realisiert werden (die OP berichtete über die Pläne), würde Marburg seine Aufnahmeverpflichtung deutlich übererfüllen.

Aber die Stadt will mehr: Sie will „Schwerpunktkommune mit Willkommens- und Wertschätzungskultur, Bildung, Ausbildung, Lebensfreude und Integration“ werden, wie Jugenddezernent Dr. Franz Kahle (Bündnis 90/Die Grünen) und Jugendamtsleiter Christian Meineke in einem Arbeitspapier schreiben, das sich mit „Marburger Standards für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ auseinandersetzt. Es soll im Oktober im Jugendhilfeausschuss beschlossen werden.

Die Stadt könne bis zu 80 jugendliche Flüchtlinge aufnehmen, heißt es in dem Papier, das der OP vorliegt. Bei einer durchschnittlich dreijährigen Betreuungszeit würde das bedeuten, dass 240 Plätze für die jungen Männer (denn es sind nur Männer, die die Flucht schafften) zur Verfügung gestellt werden müssen: in dezentralen Wohngruppen, in Familien oder in selbstständigen Wohnungen.

Meineke: Marburg bietet beste Voraussetzungen

Grundlage des Vorstoßes ist ein Referentenentwurf für die Änderung des Sozialgesetzbuches, in dem klargestellt ist, dass die Aufnahme und die Betreuung jugendlicher Flüchtlinge vom Bund bezahlt werden muss. Klar ist auch in der gegenwärtigen Debatte, dass für diese besonders schutzbedürftige Personengruppe vor allem die Kinder- und Jugendhilfe in den Kommunen zuständig ist.

„Diese Entwicklung“, schreibt der Bundesfachverband unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, „steht rechtlich im Einklang mit dem Kerngedanken der UN-Kinderrechtskonvention, bei allen Kindern und Jugendlichen vorrangig das Kindeswohl in Erwägung zu ziehen und allen jungen Menschen ein Recht auf Erziehung und Entwicklung zu ermöglichen.“

Marburg bietet dafür beste Voraussetzungen, sagt Jugendamts-Leiter Christian Meineke. Als großer Universitätsstandort habe die Stadt das Leben ungezählter junger Menschen geprägt, und „wer so viele Menschen ins Leben hinaus geschickt hat wie Marburg, hat bewiesen, dass er es kann.“

Kernpunkt des Konzepts ist, dass die jungen Menschen bis zum Ende ihrer Ausbildung betreut werden. Ausbildungsplätze gebe es genug, heißt es aus dem Jugendamt, „man muss lediglich die Betriebe und die jungen Flüchtlinge zusammenbringen, so dass es passt.“ Kontakte mit der Arbeitsverwaltung bestehen bereits. Ein Lehrstellenprogramm ist in Entwicklung. Der Schulunterricht für die jungen Menschen ist – Stand Mitte Juni – gewährleistet.

Bereitschaft der Bürger soll genutzt werden

Zur Zeit werden die „Marburger Standards“ konkretisiert und weiterentwickelt. Sie sollen dann Grundlage für das konkrete Handeln der Jugendhilfe werden. Die Zusammenarbeit mit der Start-Stiftung (einem Förderprojekt für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund) und dem Bundesverband für Erziehungshilfe Afet, der sich maßgeblich für die Interessen von Flüchtlingskindern in der Kinder- und Jugendhilfe einsetzt, soll weiter ausgebaut werden.

Die psychosoziale Versorgung der oft traumatisierten Kinder und Jugendlichen soll in Zusammenarbeit mit den Ambulanzen der Universität und mit der Vitos-Klinik ausgebaut werden. Und am wichtigsten: Die bestehenden Strukturen in Marburg, die eine „gelingende Integration“ ausmachen, und die Bereitschaft der Marburgerinnen und Marburger, Flüchtlinge willkommen zu heißen und sie zu wertschätzen, sollen genutzt werden.

„Wir wollen, dass junge Menschen hier ihre Flucht beenden und gut in unsere sich entwickelnde Gesellschaft hineinfinden“, heißt es in dem Arbeitspapier. „Wer will, soll bleiben dürfen“, sagt Meineke, „weil es ihm hier gefällt.“

von Till Conrad

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