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Die Einheit: Glücksfall oder verzichtbar?

Rückblick: 3. Oktober 1990 Die Einheit: Glücksfall oder verzichtbar?

Für die „Einheits-Sonderausgabe“ am 3. Oktober 1990 befragte die OP Politiker aus Marburg und Eisenach, was sie sich von der deutschen Einheit erwarten. 25 Jahre später wollten wir wissen, wie jetzt ihre Bilanz ausfällt.

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Eisenachs Oberbürgermeisterin Katja Wolf beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Marburg aus Anlass von 25 Jahren Städtepartnerschaft zwischen Marburg und Eisenach. Diese Partnerschaft gilt als ein Stück gelebte deutsche Einheit.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Auf 16 Seiten berichtete die Oberhessische Presse am 3. Oktober 1990 über Aspekte der deutsch-deutschen Einheit, die weniger als ein Jahr nach dem Fall der Mauer durch die offizielle Vereinigung der beiden deutschen Staaten besiegelt wurde. Besonders interessant war es, wie die Menschen in Marburgs thüringischer Partnerstadt Eisenach die neue Einheit bewerteten.

Neben dem Tagebuch der „friedlichen Revolution“ der Eisenacher Schriftstellerin Margot Friedrich finden sich auch Stimmen und Stimmungen von „ganz normalen Menschen“ aus Eisenach in der Beilage. Einen Schwerpunkt nahm aber auch die Befragung von Politikern ein. 25 Jahre später befragten wir einige dieser Politiker erneut und dokumentieren im folgenden zentrale Aussagen von damals und heute – kombiniert mit den in der OP abgedruckten Fotos von damals. Befragt worden waren 1990 unter anderem die mittlerweile verstorbenen SPD-Politiker Dr. Hanno Drechsler und Gerhard Jahn.

Die OP wollte 1990 auch vom damaligen Eisenacher Oberbürgermeister Hans-Peter Brodhun (CDU, Archivfoto links) seine Meinung hören. Aus seiner damaligen Sicht war die Verwirklichung der Einheit ein Glücksfall der deutschen Geschichte. Das sieht er auch ein Vierteljahrhundert später besonders wenn er es auf Eisenach bezieht. „Früher zu DDR-Zeiten war die Stadt unter Smog versteckt. Heute kann man eine wunderschöne Stadt sehen“, sagte Brodhun im Gespräch mit der OP. Zudem habe sich durch die Ansiedlung von Opel oder anderen Zulieferbetrieben ein großer wirtschaftlicher Aufschwung in der Stadt ergeben. Abgesehen von der Arbeitslosenquote habe sich die deutsche Einheit für viele, die 1989 zu Tausenden auf die Straße gegangen seien, positiv ausgewirkt. So habe sich der Lebensstandard der Menschen deutlich erhöht.

Diese Einschätzung teilt Brodhun mit seinem Parteifreund Friedrich Bohl (Archivfoto links), der damals CDU-Bundestagsabgeordneter in Marburg war. „Die deutsche Einheit beendet die Nachkriegsgeschichte und kann zu einer glücklichen Zukunft in ganz Europa führen“, meinte Bohl 1990. Die Einheit in Frieden und Freiheit empfinde er als „ganz besonderes Glück“. Und diese Einschätzung teilt er auch 25 Jahre danach als Polit-Pensionär noch uneingeschränkt. „Wir sind zusammengewachsen“, sagte der ehemalige Kanzleramtsminister Bohl jetzt auf Anfrage der OP.

Zwar gebe es nicht überall in der ehemaligen DDR die von seinem langjährigen Chef Bundeskanzler Helmut Kohl prognostizierten „blühenden Landschaften“, aber unter dem Strich sei die Bilanz der deutsch-deutschen Einheit toll. Dieses sei übrigens ein Resultat der Bemühungen aller Bundesregierungen, und nicht der CDU-geführten Regierungen.

Nicht so eindeutig war vor 25 Jahren die „Einheits-Prognose“ eines damals bundesweit prominenten Grünen-Politikers aus Marburg gewesen. „Ich spüre ein bängliches Gefühl“: So lautete am 3. Oktober 1990 die OP-Überschrift über die Aussagen des damaligen Marburger Grünen-Bundestagsabgeordneten Hubert Kleinert  (Archivfoto rechts), der mittlerweile Dozent an der Hochschule für Polizei und Verwaltung in Gießen ist. Vor allem die „verschiedenen kulturellen Prägungen“ in Ost und West sowie die Unterschied in den Lebensverhältnissen sah er als mögliche Haupt-Ursachen für „viele Spannungen, Konflikte und Ressentiments“ in den kommenden Jahren, meinte Kleinert im Jahr 1990. Auch weil „das überstürzte Tempo der Einigung auf uns zurückschlagen“ könne, wolle bei ihm keine „freudige Erregung“ aufkommen.

25 Jahre später revidiert Kleinetrt seine Vorhersage von damals zumindest in einem entscheidenden Punkt. „Natürlich ist das ein glückliches Datum in der deutschen Geschichte“, bilanziert Kleinert nun auf OP-Anfrage. Allerdings habe sich das Zusammenwachsen der Menschen schwieriger gestaltet als ursprünglich angenommen. Doch das werde sich auch auswachsen. Die Probleme mit den Mentalitätsunterschieden gebe es jetzt vorwiegend nur noch in der Generation „50 plus“.

Wirtschaftlich gesehen gebe es in der ehemaligen DDR nach der Vereinigung einerseits sehr erfolgreiche „Inseln“ – wie beispielsweise rund um Berlin oder in Dresden und Leipzig – aber auch Regionen, die vom wirtschaftlichen Erfolg abgehängt seien.

Von den großen Aufgaben im Gefolge der deutschen Einheit sei ein Großteil erledigt worden, bilanziert Gisela Babel (Archivfoto links), damals Marburger FDP-Bundestagsabgeordnete. Ihre prinzipiell positive Grundeinschätzung der Einheit aus dem Jahr 1990 hat sie auch heute noch. Doch obwohl schon einiges – beispielsweise in Sachen Wasserqualität oder auf dem Agrarsektor passiert sei, gebe es auch noch Defizite, vor allem bei der Industrieansiedlung oder der Schaffung von Arbeitsplätzen.

„Ich kann auf die deutsche Einheit verzichten“: Georg Fülberth ( Archivfoto rechts), damals DKP-Stadtverordneter in Marburg, fiel mit diesem Statement schon vor 25 Jahren deutlich aus der Reihe der von der OP befragten Politiker. Und das wollte er sowohl außen-, als auch innenpolitisch gewertet sehen. Nach dem „Zusammenbruch des realen Sozialismus“ werde Westeuropa über Osteuropa herrschen wie schon seit langem Nordamerika über Lateinamerika, so der Politik-Professor und Politiker Fülberth damals. So weit die deutsche Einheit überhaupt jemandem Glück bringe, so sei es ein Glück auf Kosten Dritter.

Auch für die Menschen „in der Alt-BRD“ bringe die Einheit keine Vorteile, weil sie kurzfristig für deren Finanzierung herangezogen würden. Durch den Lauf der Geschichte sieht sich Fülberth in seinen Prophezeiungen uneingeschränkt bestätigt, sagte er der OP gestern im Gespräch. „Die beste Zeit der BRD war zwischen 1945 und 1990. Seitdem geht es abwärts mit Europa“, bilanziert Fülberth. In 25 Jahren Einheit habe Deutschland beispielsweise ein altes Ziel des deutschen Reichs – die Vorherrschaft in Europa – erreicht.

von Manfred Hitzeroth

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