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Die Drosselgasse von Marburg?

Oberstadt Die Drosselgasse von Marburg?

Lärm, Müll, gefühlte Unsicherheit – viele Oberstädter fordern von der Politik, mehr für ihr Quartier zu tun.

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Ein Glascontainer in der Lutherstrasse: Viele Anwohner klagen über Vermüllung und Lärm in der Oberstadt.

Quelle: Florian Gaertner

Marburg. 150 Menschen waren auf Einladung der Arbeitsgemeinschaft der Stadtteilgemeinden in den Stadtverordneten-Sitzungssaal gekommen, um mit Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD), Vertretern von Ämtern und Behörden und der Polizei über die Situation in der Oberstadt zu diskutieren.

Es hätte der tödlichen Messerstecherei vor einem Lokal in der Reitgasse im Oktober gar nicht mehr bedurft, um bei vielen Oberstädtern das Fass zum überlaufen zu bringen, und so machten zahlreiche Besucher ihrem Unmut über tatsächliche oder vermeintliche Missstände erst einmal Luft.

Die Reitgasse werde zur Drosselgasse, kritisierte etwa Gerlinde Schwebel, der obere Steinweg sei ein „rechtsfreier Raum“, so Elke Schnücker, Nachbarin Nischel klagte, es sei unmöglich in den Räumen zum Steinweg hin Nachtruhe zu finden. Gabriele Kaufmann kritisierte, die Polizei kontrolliere außerhalb Marburgs bei Verkehrskontrollen jeden Verbandskasten, „und in der Oberstadt weiß man nicht, wie man um Mitternacht sicher nach Hause kommt.“ Josefa Zimmermann beklagte vor allem die Vermüllung der Oberstadt.

Jugendkultur hat sich verändert

Pulks von Jugendlichen zögen nachts zwischen 4 und 6 Uhr grölend durch die Oberstadt und durch Weidenhausen, aber auch am frühen Morgen durch das Biegenviertel auf dem Weg zum Hauptbahnhof. Es gibt mehrere Ursachen für die Probleme in der Oberstadt:

Die Zahl der Studierenden ist in den vergangenen 15 Jahren um gut 8500 (!) gestiegen; die Oberstadt ist eng geworden – viele Hauseigentümer vermieten ihre Häuser, wie Rudolf Braun-Elwert kritisch anmerkte, bis auf die letzte Kammer an Studierende, vielleicht auch mit der Folge, dass kein Platz mehr für die Unterbringung der Müllgefäße auf dem eigenen Grundstück bleibt.

Die Jugendkultur hat sich verändert, junge Leute gehen später als in früheren Zeiten zum Feiern. Die Sperrstundenverordnung fiel vor etwa zehn Jahren, das Rauchverbot im öffentlichen Raum seit 2007 führt dazu, dass Raucher vor den Kneipen der Oberstadt rauchen – und sich dabei unterhalten. Auch am späten Abend bekommt man problemlos Alkohol zu kaufen – Folge: viele private Feiern oder Gruppen von Leuten, die feiernd durch die Oberstadt ziehen.

Vaupel strebt Lärmgutachten an

Dem gern gezeichneten Bild von den Oberstadt-Kneipen als Quell von Lärm und Gewalt widersprach nicht nur Gastronom Wolfgang Richter, sondern auch Oberbürgermeister Egon Vaupel. Bei regelmäßigen Kontrollen seit Mitte Oktober seien zwei Handgreiflichkeiten in Kneipen, aber 5 bei privaten Auseinandersetzungen festgestellt worden. Lärmbelästigung sei einmal eindeutig einer Kneipe zuzuordnen gewesen, aber 16 Mal von Passanten ausgegangen.

Dieses Zahlenverhältnis ist im übrigen auch interessant für die Fragestellung, ob in Marburg wieder eine Sperrstunde erlassen werden kann, um lärmgeplagten Bewohnern mehr Nachtruhe zu verschaffen. Vaupel sagte, man müsse Lärmgutachten erstellen und zudem eindeutig Gastwirtschaften als Quellen ruhestörenden Lärms ausmachen.

Auf Nachfrage von Rudolf Braun-Elwert, der wie viele Oberstädter für Kneipenschlusszeiten um 1, spätestens um 3 Uhr eintritt, sagte Vaupel, er halte nichts von einer Sperrstunde für die Oberstadt. Polizeioberrat Alfons Schold, der Leiter der Polizeistation Marburg, charakterisiert die Zahl der angezeigten Straftaten als „sehr, sehr niedrig“ und schlussfolgerte: „Sie leben in einer sicheren Stadt.“ Was aber eben nicht heißt, dass es keine Probleme gebe.

Müllgefäße erhalten bald Chips

Vaupel regte deswegen während der Veranstaltung an, ein kleines, arbeitsfähiges Gremium mit maximal 20 Personen zu bilden, das Lösungsansätze für die einzelnen Kritikpunkte befindet. Darin sollen Ämter und Behörden ebenso vertreten sein wie Oberstädter und die Stadtteilgemeinden. Noch am Abend trugen sich zahlreiche Oberstädter in die vorbereiteten Listen ein. Ob‘s hilft? Altgediente Oberstädter waren nach der Veranstaltung eher skeptisch: „Wieder viel geredet, und konkret ändern tut sich wenig“, sagte eine Bewohnerin.

Die Müllgefäße in der Oberstadt erhalten ab 1. Juli einen Chip, der sie eindeutig einem bestimmten Haus zuordnet. Stadt Marburg und DBM wollen damit die Zahl der Müllgefäße, die die engen Straßen der Oberstadt zustellen, reduzieren. Insgesamt sollen etwa 2000 Müllgefäße mit dem Chip ausgestattet werden, sagte DBM-Leiter Jürgen Wiegand.

Die Müllautos können problemlos nachgerüstet werden. Der Chip soll dazu beitragen, dass Hauseigentümer ihrer Pflicht zur Unterbringung der Gefäße auf ihrem Grundstück nachkommen. Außerdem, so Wiegand, strebe man eine Reduzierung der Müllgefäße an: Statt zwei kleiner könnten Nachbarn auch eine große Tonne nehmen.

von Till Conrad

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