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"Die Deutschen kamen, um zu töten"

Herero-Vertreterin sprach über Völkermord "Die Deutschen kamen, um zu töten"

Die Referentin zeigte den 60 Zuhörern Grauen erregende Fotos, die deutsche Soldaten während der Niederschlagung des Herero-Aufstandes in Namibia gemacht hatten.

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Dr. Olga Kamoruao sprach im Marburger Weltladen.

Quelle: Benjamin Kaiser

Marburg. Die Kreuzzüge des Abendlandes im Mittelalter, der Dreißigjährige Krieg in der frühen Neuzeit, der Zweite Weltkrieg im 20. Jahrhundert. Speziell diese Kriege, an denen deutsche Soldaten beteiligt waren, haben nicht nur einen bedrückenden Blutzoll gefordert, sondern es sind auch die Kriege, in denen besonders bestialische Kriegsverbrechen verübt wurden.

Doch gibt es auch Kriegsgräuel, die weniger bekannt sind: die Niederschlagung des Hereroaufstandes in Deutsch-Ostafrika. Um eben diesen drehte sich die Veranstaltung „Geschichte und Gegenwart Namibias“ im Marburger Weltladen, bei der die promovierte Herero-Frau Olga Kamoruao vor 60 Zuhörern über das Massaker in der ehemaligen deutschen Kolonie sprach.

Was der Hereroaufstand mit Marburg zu tun hat? 2011 wurde im Stadtteil Bortshausen ein Denkmal für die Marburger Jäger - laut Inschrift zwischen 1870 bis 71, 1914 bis 1918 und 1939- 1945, aufgestellt.

In den Augen von Kamoruao, den heutigen Herero- Stammeshäuptlingen und der Initiative Solidarische Welt ein eindeutiger Eklat, den sie nutzen wollen, um die Stadt Marburg dazu zu veranlassen, das Monument wieder abzubauen und mehr Menschen für den wenig diskutierten Völkermord zu sensibilisieren.

Die Herero erhoben sich aufgrund von Diskriminierung und Demütigung seitens der deutschen Kolonialherren im Januar 1904. Nach dem Aufstand waren die Herero auf Befehl des Generals Lothar von Trotha in eine naheliegende Wüste getrieben worden, die daraufhin weitläufig mit einem Stacheldraht und bewaffneten Grenzposten abgeriegelt wurde. Innerhalb dieses Gebietes jagten die Kolonialtruppen die fliehenden Männer, Frauen, Kinder und Greise von den spärlich gesäten Wasserlöchern weg und versetzten diese mit Gift. So nahm sich die Wüste der Herero an und vollendete, was die Waffenläufe begonnen hatten: die fast gänzliche Vernichtung des Stammes.

General ließ Kinderan Bäumen aufhängen

Kamoruao zeigte viele Fotoaufnahmen, die deutsche Soldaten in dieser Zeit gemacht hatten - keine Safaribilder: Kinder, die von Trotha an Bäumen aufhängen ließ. Völlig Abgemagerte, welche die Menschenhatz überlebt hatten. „Die Deutschen kamen, um zu töten“, sagte Kamoruao mit einem Hauch von Zorn und Wehklagen „und genau das haben sie auch getan!“ Die imposante Frau schilderte die peinigende Vergangenheit ihres Volkes sichtlich emotional, schaffte es jedoch immer wieder, die merkliche Anspannung und Betroffenheit im Publikum mit Humor - manchmal von sehr kruder und zynischer Art - zu lockern.

Kriegsverbrechen treten meist in Konflikten auf, bei denen religiös-fundamentalistische und vor allem rassistische Kriegsmotive eine Rolle spielen. Die Kriegsgräuel der Nationalsozialisten und der Wehrmacht haben dies im Zweiten Weltkrieg auf schrecklichste Weise unter Beweis gestellt. Der Kampf um „Lebensraum“ und der rassische Chauvinismus waren damals die Rechtfertigung für einen verheerenden Vernichtungskrieg gegen Slawen und Juden. Ähnliche Motive existierten auch vor 110 Jahren: Auch die Kolonialisierung Namibias stand unter dem Vorzeichen der Überlegenheit gegenüber der schwarzen Bevölkerung und der Erschließung von neuem Lebensraum.

Bis heute weigert sich die Bundesrepublik, die damaligen Geschehnisse als Genozid anzuerkennen.  Laut Kamoruao ginge es jedoch keineswegs um Entschädigung: „Es geht den Hereros nicht um Geld. Wir wollen kein Geld. Wir wollen, dass man die historische Wahrheit anerkennt. Wir wollen, dass uns als Volk Gerechtigkeit widerfährt.“

von Benjamin Kaiser

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