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Die Demokratisierung kommt voran

Forschung Marburg: Tunesien Die Demokratisierung kommt voran

Wie funktioniert der Transformationsprozess in Tunesien sechs Jahre nach dem „Arabischen Frühling“? Diese Frage steht im Mittelpunkt der Tunesienforschung an der Marburger Uni.

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Der Wettlauf beginnt

Der tunesische Premierminister Ali Larayedh spricht während der zweiten Phase des unter anderem von der Gewerkschaft organisierten Nationalen Dialogs im Kongress-Palast in Tunis. Der Friedensnobelpreis 2015 ging für die Bemühungen um Aussöhnung an die Dialog-Gruppe.

Quelle: Mohamed Messara (Archiv)

Marburg. Nach wie vor befindet sich Tunesien in einer Umbruchphase. Fünf Jahre nach dem Zusammenbruch des autoritären Regimes von Ben Ali und der erfolgreichen „Jasmin-Revolution“ entwickeln sich in dem nordafrikanischen Land allmählich demokratische Strukturen. Aber wie verläuft dieser Transformationsprozess in dem Land, das für Experten als ein Hoffnungsträger im Demokratisierungsprozess Nordafrikas angesehen wird.

„Vorher war es schwierig für Forscher, Kooperationen in Tunesien einzugehen“, macht der Marburger Islamwissenschaftler Professor Albrecht Fuess deutlich. Denn mögliche Kooperationspartner hätten Angst gehabt, tätig zu werden. Doch mittlerweile habe sich die Situation geändert. Und so erforschen jetzt Politik- und Islamwissenschaftler vom Centrum für Nah- und Mitteloststudien (CNMS) der Uni Marburg beispielsweise im Forschungsprojekt „Rekonfiguration“ auch anhand von Forschungsaufenthalten vor Ort, wie sich der politische Wandel in Tunesien ganz konkret vollzieht. Auch 20 Marburger Studierende waren jetzt unter Leitung von Julius Dihstelhoff und Katrin Sold, wissenschaftlichen Mitarbeitern am Fachgebiet Politik des Nahen und Mittleren Ostens, für ein Feldforschungsprojekt in Tunesien, das sie zuvor in einem Seminar an der Uni Marburg vorbereitet hatten. Bei der Exkursion sprachen sie unter anderem mit Vertretern von tunesischen Parteien, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisation sowie mit dem deutschen Botschafter und Vertretern von deutschen politischen Stiftungen.

Konzepte für den Aufbau einer Zivilgesellschaft

„Der bisherige Eindruck ist so, dass es ganz gut funktioniert“, fasst Professor Fuess seine Einschätzung der Transformation in Tunesien zusammen. So seien die islamistischen Bewegungen in Tunesien bereit, die Macht zu teilen und hätten auch Konzepte für den Aufbau einer Zivilgesellschaft entwickelt. Zudem verlaufe die politische Transformation deutlich effektiver als in anderen Staaten des „Arabischen Frühlings“ wie beispielsweise in Ägypten. Ein Faktor mit entscheidendem Einfluss auf diese Entwicklung sei die Tatsache, dass das tunesische Militär nicht wie ein „Staat im Staate“ agiere und sich nicht eindeutig auf eine politische Seite gestellt habe, erläutert Fuess.

Auf nationaler Ebene seien bereits zwei Wahlen erfolgreich abgehalten worden. Die meisten Stimmen erreichte bei der ersten Wahl die islamistische Partei „Ennahda“, die auch seit 2015 wieder die stärkste Partei im Parlament ist. Momentan sei zu beobachten, dass sich mehr oder weniger zwei große Blöcke gegenüber ständen: ein Block der moderaten islamistischen Parteien und ein „säkularer“ Block. Insgesamt werde das Parteiensystem aber auf jeden Fall immer vielfältiger.

Nachholbedarf beim Tourismus

Noch nicht so gut wie auf nationaler Ebene habe es auf der kommunalen Ebene funktioniert, Wahlen abzuhalten. Das könne man beispielsweise in Sfax, der zweitgrößten Stadt Tunesiens, beobachten. Durch eine Zusammenarbeit mit der Universität in Sfax - der Partnerstadt Marburgs - können die Marburger Forscher dort besonders gut hinschauen (siehe Artikel unten). Nachholbedarf gebe es allerdings noch auf einigen Feldern wie beim Tourismus. So gebe es in Sachen Hotelstandards häufig noch eine Qualität wie in den frühen 90er Jahren. Der Islam spiele im gesellschaftlichen Leben in Tunesien schon eine gewisse Rolle, meint Fuess. Es sei dabei allerdings nicht so eine starke Polarisierung zu beobachten wie in anderen nordafrikanischen und arabischen Staaten. Das Thema Islamismus sei in Tunesien aber vielschichtig, erläutert Fuess. So gebe es auch salafistische Gruppierungen. Zudem stellten die Tunesier die größte Gruppe ausländischer Kämpfer beim Krieg in Syrien und im Irak auf Seiten des „IS“ und vergleichbarer islamistischer Gruppen, erläutert die Marburger Forscherin Heidi Reichinnek vom CNMS.

Vielleicht seien sie die Verlierer des Demokratisierungsprozesses und der Revolution, die besonders anfällig für religiös begründete Propaganda seien, vermutet Reichinnek. Sie hat ein Papier zum Thema „Salafismus und Jihadismus in Tunesien“ verfasst. Unter dem Mantel der Religion werde der Jihadismus zu einer Waffe der aus der Gesellschaft Ausgeschlossenen, schreibt die Forscherin. Dieses seien wirtschaftlich und sozial marginalisierte Gruppen, die keine Vertretung in Form von Parteien oder Organisationen hätten und den neuen politischen Institutionen in ihrem Land weiterhin mit Misstrauen gegenüber stünden.

von Manfred Hitzeroth

Partnerschaft mit Hochschule der Partnerstadt

Die Uni-Partnerschaft mit der Universität in Sfax schreitet voran: Nach einem Auftakttreffen in Tunesien soll es schon im Februar 2017 einen Gegenbesuch geben.

Die Städtepartnerschaft zwischen Marburg und der tunesischen Stadt Sfax besteht bereits seit 1971. Die Kooperation beider Städte bietet eine gute Voraussetzung für eine Partnerschaft der Hochschulen beider Städte. Das sieht auch der Islamwissenschaftler Professor Albrecht Fuess so, der zusammen mit dem Marburger Informatik-Professor Bernd Freisleben sowie weiteren Wissenschaftlern und einer Marburger Stadt-Delegation im September Sfax besuchte. Das Ziel der dort organisierten gemeinsamen Tagung war der Ausbau von bestehenden Kooperationen und die Unterzeichnung eines Partnerschaftsvertrags. Ende Februar/Anfang März soll es einen Gegenbesuch aus Sfax in Marburg geben. „Wir haben ein paar gemeinsame Projekte ausgesucht und wollen dazu gezielt Workshops anbieten“, erläutert Fuess.

Doch auch die besten Absichtserklärungen nützen nichts, wenn die Partnerschaft nicht mit Leben gefüllt ist, weiß auch Professor Fuess. Zwar sind beide Hochschulen ungefähr gleich groß, aber in Sfax liegt ein Schwergewicht auf den naturwissenschaftlich-technischen Fächern. Und so ist auf diesem Gebiet zunächst auch das Potenzial für eine mögliche Zusammenarbeit mit am größten. Ein Beispiel dafür bietet Freis­leben selbst, der durch Kontakte zu einem tunesischen Doktoranden schon im Jahr 2005 – also einige Jahre vor der tunesischen Revolution – zur Kooperation mit einem Kollegen an der Universität Sfax kam und seitdem immer wieder gemeinsame Projekte mit den ­Sfaxern auf den Weg gebracht hat. So unterstützt Freisleben Vorhaben zum Aufbau von mobilen Gesundheitsvorsorge-Systemen in ländlichen Gebieten und bringt seine Expertise auch in die Förderung von Start-Up-Projekten junger Wissenschaftler ein.

Doch auch die Stadt Sfax stellt als Beispiel für die Entwicklung des gesamten Landes Tunesien ein interessantes Forschungsobjekt dar, und das in diesem Fall für die Sozialwissenschaftler vom Centrum für Nah- und Mitteloststudien der Uni Marburg. Das gilt beispielsweise für die politische Situation. Nach wie vor hat es jetzt einige Jahre nach der politischen Umwälzung in Tunesien auch in Sfax keine Kommunalwahlen gegeben. „In Sfax regiert ein Übergangsbürgermeister, der vom Gouverneur eingesetzt wurde“, erläutert Albrecht Fuess. Dennoch scheine die politische Lage in Sfax stabil zu sein. „Man versucht, den Prozess der Demokratisierung voranzubringen“, meint der Marburger Forscher. Es sei weiterhin das Ziel, auch auf Stadtebene zu freien Wahlen zu kommen. Allerdings gebe es auch in Sfax noch Anhänger des alten Systems, die das nicht so sehen und den Demokratisierungsprozess erschweren würden. In Sfax habe es seit dem Umbruch im Jahr 2011 auch schon einige gezielte Projekte zur Verbesserung der Infrastruktur gegeben. Beispielsweise sei früher die Phosphat-Industrie mit einigen ihrer Firmen direkt an der Mittelmeerküste angesiedelt gewesen. Das habe sich mittlerweile teilweise geädert. Neben der Verlagerung der Firmen ins Landesinnere gebe es auch vermehrt private Initiativen zur Strandsäuberung.

 
Hintergrund
Tunesien ist ein Staat in Nordafrika mit mehr als zehn Millionen Einwohnern. Er grenzt im Norden und Osten an das Mittelmeer, im Westen an Algerien und im Südosten an Libyen. In der wechselvollen Geschichte des Landes begann nach einer Phase des Christentums und der darauffolgenden Arabisierung im 7. Jahrhundert schließlich im 16. Jahrhundert die Herrschaft des Osmanischen Reiches. Gegen Ende des 19.Jahrhunderts wurde Tunesien zum französischen Protektorat. Im Jahr 1956 erlangte Tunesien die Unabhängigkeit. Ab diesem Jahr und bis 2011 wurde das Land durchgängig von der Einheitspartei Neo Destour/RCD regiert. Präsident Ben Ali floh als Vertreter dieser autoritären Regierung zu Beginn des Jahres 2011 aus dem Land. Im Zuge der Revolution wurde eine verfassungsgebende Versammlung gewählt, die dann auch 2014 eine neue Verfassung verabschiedete.
 
Zur Person
Professor Albrecht Fuess (47, Foto: Hitzeroth) wurde in La Tronche (Frankreich) geboren und wuchs in Frankfurt auf. Er studierte Geschichte und Islamwissenschaft an den Universitäten Köln und Kairo und erwarb 1996 einen Magisterabschluss in Köln mit einer Arbeit zur deutschen Gemeinde in Ägypten zwischen den Weltkriegen. Im Jahr 2000 promovierte er in Köln mit einer Arbeit zur syro-palästinensischen Küste in mamlukischer Zeit (1250–1517). Nach Tätigkeiten als Gastwissenschaftler in Beirut und London war er auch als freier Mitarbeiter in der ZDF-Auslandsredaktion in Mainz tätig. 2002 wurde Fuess wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl Islamwissenschaft der Universität Erfurt. Von 2007 bis 2009 forschte er an der Universität Tours. Seit 2010 ist Fuess Professor für ­Islamwissenschaft am Centrum für Nah- und Mittelost-Studien an der Philipps-Universität Marburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte des Nahen Ostens vom 13. bis 17. Jahrhundert, Kultur- und Sozialgeschichte der Mamluken, der Islam in Europa sowie das Thema „Zeitgenössische Islamische Jugendkulturen“.
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