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Die DDR: Heimat, „aber nicht mein Land“

25 Jahre deutsche Einheit - Feierstunde im Kreistag Die DDR: Heimat, „aber nicht mein Land“

Es kann und darf nicht sein, dass heutige Gymnasialklassen schon nicht mehr wissen, dass es einmal quer durch Deutschland eine Grenze gab, findet Berthold Dücker, Festredner vor dem Kreistag.

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Berthold Dücker sprach am Freitag zur Deutschen Einheit im Kreistag.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Berthold Dücker liebt seine Freiheit. Denn er hat sie teuer erkauft. Auch wenn er das Glück hatte, als 16-Jähriger körperlich unbeschadet über ein Minenfeld von der damaligen DDR nach Westdeutschland zu gelangen, so verlor er doch damit sein ganzes bis dahin geführtes Leben innerhalb der Familie und des Freundeskreises. Er weiß, andere hatten weniger Glück, wurden bei Fluchtversuchen erschossen oder landeten schon vorher durch Bespitzelung und Verrat von Fluchtplänen im Gefängnis.

Er durfte hingegen richtig leben - unter anderem auch in Marburg, Ende der 60er Jahre. „Ich habe hier in den vereisten Straßen der Oberstadt meinen Führerschein gemacht.“ Er hat aber nicht vergessen, woher er kam. Das SED-Regime machte die DDR zu einem Unrechtsstaat, sagt er. Ganz so wie die Nazis nur wenige Jahre zuvor eine Diktatur in Deutschland schufen, die ganz Europa, die ganze Welt in einen fürchterlichen Krieg zog.

Dücker verurteilt „unerträgliche Stimmungsmache“

Gar nicht zufrieden ist Dücker mit der Art und Weise, wie nun in einem demokratischen Deutschland, zumal nun auch seit 25 Jahren wiedervereint, mit der NS-Zeit und der DDR-Zeit umgegangen wird. „Wir Deutschen haben nicht nur zwei verheerende Weltkriege vom Zaun gebrochen, wir haben uns auch zwei schreckliche Diktaturen geleistet. Und zwar binnen weniger Jahrzehnte. Zwei diktatorische Unrechtssysteme, die selbstverständlich nicht gleichzusetzen sind, aber durchaus miteinander verglichen werden dürfen.“ Und warum? „Um gewappnet zu sein. Gewappnet gegen alle Gefahren, denen freiheitliche, demokratische Systeme immer ausgesetzt sind.“

Dücker überzeugt: „Es gilt die Grundwerte einer offenen, einer toleranten Gesellschaft immer wieder gegen die zu verteidigen, die Pluralismus ablehnen. Und das gilt heute mehr denn je, wenn ich mir die bedrückenden Fluchtbewegungen dieser Zeit und die oft unerträgliche Stimmungsmache dagegen anschaue, erst recht deren widerwärtige und beschämende Auswüchse“, findet er klare Worte. Wir Deutschen dürfen seiner Ansicht nach nicht nachlassen, uns daran zu erinnern, was gewesen war, was wieder sein kann, wenn man nicht aufpasst und „allzu arglos, allzu sorglos, manchmal auch allzu selbstgerecht“ sei.

„Ich habe sie erlebt , diese permanente staatliche Willkür auf allen Ebenen, dieses fortgesetzte Unrecht als Staatsräson.“ Und dann kommt er als Jugendlicher zur bitteren Erkenntnis: „Dies ist zwar meine geliebte Heimat, aber nicht mehr mein Land.“ Jetzt ist es wieder sein Land. Aber nur so lange nichts unter den Teppich gekehrt wird. „Man kann sich seiner Geschichte nicht entledigen. Man kann versuchen, sie unter den Teppich zu kehren, aber was da im Laufe der Zeit so alles zusammenkommt, verursacht Beulen, über die man früher oder später stolpern muss. Stolpern über den eigenen Schmutz.“

Forderung nach Denkmal für Opfer des SED-Regimes

Dücker findet es beschämend, wie lange es in Deutschland gedauert hat, sich mit dem Holocaust, „dem wohl schwärzesten Kapitel unserer Geschichte“ auseinanderzusetzen. Allein 30 Jahre habe es gedauert, bis der Holocaust wieder ins Bewusstsein der Deutschen gerückt wurde. 51 Jahre habe es gebraucht, bis der damalige Bundespräsident Roman Herzog den Holocaust-Gedenktag proklamierte, und 60 Jahre brauchte es, bis es in Berlin ein zentrales Holocaust-Mahnmal gab. Und was daraus gelernt?

Offensichtlich noch nicht genug, denn, so Dücker, fehle es derzeit an der Ernsthaftigkeit der Aufarbeitung des SED-Unrechtregimes. Es sei fatal, auf die Menschen zu hören, die jetzt einen Schlussstrich fordern. Auch in 25 Jahren wurde es nicht geschafft, in Berlin ein zentrales Denkmal für die Opfer des SED-Regimes zu errichten. Beschämend, findet Dücker.

Lukas Baum und Monica Spiga musizierten. Foto: Hirsch

Quelle:

Im Berufsleben war er einst Journalist, nun Vizepräsident der Point-Alpha-Stiftung. Und als solcher berichtet er von Gymnasialklassen, die noch nicht einmal wissen, dass Deutschland einmal ein geteiltes Land war. „Honecker wird gar als ein Bundeskanzler angesehen.“

Es sei das kollektive Versagen der Kultusministerien, dass deutsche Schüler über ihre jüngere Vergangenheit ihres Landes so wenig wüssten. Klassenfahrten sollten nicht zum „Shopping auf die Zeil nach Frankfurt führen, sondern zu den Gedenkstätten wie Buchenwald und Point Alpha - und zwar in dieser Reihenfolge. Nur an solchen Orten könne man die Geschichte des Landes, das Unrecht, was von Deutschen ausging, begreifbar machen.

Von allen Schülern, die nach Point Alpha kommen, sind gerade mal zehn Prozent aus den jüngeren Bundesländern. Und als Christen haben wir Deutschen jetzt auch eine Aufgabe, nämlich Menschen aufzunehmen, die vor Krieg flüchten.

von Götz Schaub

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