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"Die Bratwurst abarbeiten"

Adipositas-Serie "Die Bratwurst abarbeiten"

Der Entschluss zum Abnehmen ist schnell gefällt. Die Umsetzung kann aber schwer sein. Eine Marburger Selbsthilfegruppe macht sich gegenseitig Mut und gibt Halt bei Rückschlägen.

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Auch regelmäßiges Laufen ist einer der Tipps zum Abnehmen.

Quelle: Pixabay

Marburg. Viele Wege führen nach Rom, heißt es. Genauso gibt es viele Wege, Gewicht zu verlieren. Die einen zählen Kalorien, die anderen verzichten auf Kohlehydrate oder reduzieren Fett. Dabei macht jeder unterschiedliche Erfahrungen, hat mal Erfolge oder Rückschläge. Manch einer greift aus Frust zur Schokolade oder redet sich täglich ein „morgen fange ich mit der Diät an“. In der Adipositas-Selbsthilfegruppe hat Thomas Geschwill viele Berichte und Leidensgeschichten gehört. „Wir geben unsere Erfahrungen weiter, geben Tipps - und fangen uns auf, wenn jemand zugenommen hat, weil Schokolade der einzige Ausweg aus einer negativen ­Erfahrung war.“

Geschwill ist seit Gründung der Selbsthilfegruppe vor einem Jahr regelmäßig bei den Treffen dabei. Viele sind Patienten der Diabetologin Silvia Hewel-Hildebrand, die die Gruppe initiierte. Die Ärztin kommt manchmal dazu, steht für Fragen zur Verfügung. Die Teilnahme an der Gruppe ist kostenlos und steht allen Interessierten offen, betont Geschwill.

Er trägt heute ein buntes Hawaii-Hemd, ist darauf sehr stolz. Denn es markiert seinen Erfolg: „Das habe ich vor Jahren auf Hawaii gekauft, einfach als Andenken, obwohl es mir viel zu klein war.“ XXL war dort die größte Größe. Heute passt es Geschwill, der in einem Jahr 54 Kilogramm abgenommen hat.

„Low Carb“ fiel nicht schwer

Geschafft hat er das mit ­einer radikalen Ernährungsumstellung und Bewegung - trotz Schmerzen, die er seit einem Unfall im Bein hat. „Ich liebe Fußball und da gehören am Wochenende Bratwurst und Bier dazu“, erklärt er. Doch er habe gelernt, dass er am Folgetag etwas tun müsse, damit die Fußball-Sünde nicht zu neuen Fettpolstern führt: „Ich muss dann eben Laufen gehen.“

Geschwill hat sein Abnehm-Programm mit der moralischen Unterstützung der Gruppe und mit „Low Carb“ begonnen. Das bedeutet, dass er auf kohlehydratreiche Lebensmittel verzichtet hat, etwa Brot oder Kartoffeln. „Das ist mir nicht schwergefallen, weil ich gerne Fleisch esse.“ Er habe mageres Fleisch und viel Gemüse gegessen. Um den gefürchteten Jojo-Effekt zu vermeiden, stelle er derzeit seine Ernährung ganz langsam um - gesund, ausgewogen und wieder mit Kohlehydraten. Hilfe bekommt er von der Diabetologin und den Freunden in seiner Gruppe - doch das ist nicht alles. „Das Umfeld muss auch einbezogen werden“, erklärt Geschwill. So habe sein Bruder ihm immer Kuchen hingestellt. Geschwill habe es selbstbewusst abgelehnt - aber es sei für den Erfolg wichtig, dass Familie und Freunde Rücksicht nehmen und solche Versuchungen weglassen. „Wenn wir grillen, dann besorgt mein Bruder mir mittlerweile nicht mehr Bratwurst, sondern mageres Fleisch.“

Auch auf andere Fallen weisen die Mitglieder in der Gruppe sich hin. Sie tauschen Erfahrungen über Ärzte, Ernährungsberater und Psychologen aus, ebenso wie schmackhafte Soßenrezepte ohne Butter. Sie lernen, dass Kaffee ohne Zucker viel besser schmecken kann. Er vermisse Zucker gar nicht mehr - seine Geschmacksnerven hätten sich dadurch erheblich verbessert, so Geschwill.

„Wir schauen auch niemanden schief an, der zunimmt“

„Abnehmen bedeutet erst mal auch leiden und es ist ein lebenslanger Kampf, nicht wieder zuzunehmen“, sagt Geschwill. Ohne seine Selbsthilfegruppe hätte er es daher nicht geschafft, 54 Kilo zu verlieren, sagt er. Hewel-Hildebrand ergänzt: „Man muss erst mal aus seinen Gewohnheiten raus. Dabei hilft die Gruppe.“ Denn: ­Jede Minute, die die Mitglieder beschäftigt seien, seien Minuten, in denen sie nicht an den Kühlschrank gingen. „Sie wissen rational, dass es ein falsches Verhalten ist. Aber es ist emotional schwer umzusetzen.“ Dazu kämen Vorurteile, die adipöse Menschen runterziehen - und oft auch eine genetische Komponente. „Manche Menschen nehmen einfach schwerer ab. Das liegt dann oft in der Familie“, so Hewel-Hildebrand.

Die Marburger Selbsthilfegruppe legt laut Geschwill daher Wert darauf, niemanden zu bewerten oder zu verurteilen. „Niemand muss abnehmen. Wir schauen auch niemanden schief an, der zunimmt“, erklärt er. „Wir geben uns Halt und stärken uns.“ Alleine falle man schnell in ein Loch, wenn es mit dem Abnehmen mal stockt. In der Gruppe gebe es eine Dynamik, eine ganz andere Motivation. „Donnerstags haben wir einen verminderten Kalorien-Tag“, erklärt Geschwill. Dann schickt die Gruppe sich Whats­app-Bilder von ihrem besonders kalorienarmen Essen.

Geschwill hat auch einen guten Tipp: Er hat Strategien für den Einkauf entwickelt, sucht sich kostenlose Parkplätze und muss so weiter in die Innenstadt laufen - etwa vom Afföller aus. „Außerdem kaufe ich nur, was in meinen Rucksack passt.“ Da wähle er automatisch weniger und bewusster aus.

Mehr Tipps, Hilfe und Halt gibt es in der Adipositas-Selbsthilfegruppe, die sich jeden ersten Montag im Monat im Hotel Kornspeicher um 19 Uhr trifft. Kontakt: Ute Hallenberg, Telefon 0151/68116730, oder Thomas Geschwill, Telefon 0176/84114714 oder per Mail: weightlosermarburg@yahoo.com

von Patricia Grähling

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