Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 1 ° Regenschauer

Navigation:
Die „Blista-Familie“ feiert in Marburg

Festakt in Stadthalle Die „Blista-Familie“ feiert in Marburg

Gleich zwei seit 1916 in Marburg ansässige überregional aktive Blindenhilfs-Organisationen feierten am Donnerstag in der Stadthalle gemeinsam ihren 100. Geburtstag.

Voriger Artikel
Bauarbeiten noch bis Mitte November
Nächster Artikel
Perspektivwechsel über dem Amöneburger Becken

Der Schülerchor der Blista sang beim Festakt mehrere Songs.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Der Festakt begann mit einer Stimme aus dem Off, die sich schnell outete. Moritz Mutzmann saß in der dritten Reihe rechts vorne und beschrieb den Festgästen erst einmal die Maße und das Aussehen der Stadthallenbühne und stellte dann die ersten Redner vor.Der junge Mann war nämlich für die sogenannte „Audiodeskription“ verantwortlich und erläuterte zwischendurch alles, was man nicht sehen konnte.

Das war auch deswegen notwendig, weil aus gegebenem Anlass ein Großteil der 900 Teilnehmer im fast vollbesetzten großen Saal der Stadthalle aus Blinden und Sehbehinderten bestand. Denn neben vielen Schülern und Ehe­maligen der Carl-Strehl-Schule an der Blindenstudienanstalt (Blista) waren auch viele Vertreter von Blindenselbsthilfeverbänden und -einrichtungen geladen.

Zur Einstimmung nahmen also zwei Männer auf im Bühnenhintergrund platzierten großen braunen Ohrensesseln Platz. Damit hatte es eine besondere Bewandtnis, denn Blista-Direktor Claus Duncker und Uwe Boysen, Chef des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS), saßen als Gastgeber des Festakts auf Original-Sesseln aus dem Büro von Carl Strehl, dem Mitgründer und langjährigen Leiter der Blindenstudienanstalt. Während der sehende Duncker die Begrüßungsworte von seinem mit Schwarzschrift bedruckten Zettel ablas, ertastete der blinde Boysen seine Begrüßungsrede von einem Brailleschrift-Papier.

Beide machten deutlich, dass Blista-Gründer Carl Strehl im Jahr 1916 auch den DVBS gegründet hatte. Jetzt feierten beide Organisationen den Abschluss ihres Jubiläumsjahres.

„Seit 100 Jahren werden Talente in Bildung und Beruf gefördert“, kommentierte Moderator Andreas Bethke. Der Blista-Absolvent ist mittlerweile Geschäftsführer des in Berlin ansässigen Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes. Seit dem Gründungsdatum der beiden Vereinigungen im Jahr 1916 habe sich einiges zum Besseren verändert, bilanzierte Bethke. So gebe es einen gegenseitigen Respekt von Blinden und Sehenden und ein großes Zutrauen auf ein Mehr an Selbstbestimmung der Blinden und Sehbe­hinderten.

Sehr viel Schwung und Begeisterung vermittelten die 24 Schüler des Blista- Schülerchors, die ihr musikalisches Talent in mehreren Songs zeigten. Umjubelt wurden auch zwei russische Gäste von der Partnerschule in St. Petersburg sowie der von der Musik-Legende Rainer Husel ange­führte DVBS-Chor.

Ein spezielles Mitglied der Blista-Familie hielt die Festrede. Es war der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler ( Foto: Hirsch), dessen Tochter Ulrike einst Schülerin in Marburg in der Carl-Strehl-Schule war. Köhler sprach sehr persönliche Worte aus der Sicht eines Vaters, der zunächst auch große Sorgen gehabt habe, als er seine Tochter in das bundesweit einzigartige Blinden-Internat gegeben habe.

Doch bereits bei einem ersten Besuch zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter hätten ihn damals vor allem die Schüler davon überzeugt, dass es seiner Tochter hier gelingen könne, ihre Begabungen zu entfalten. Die Blindenstudienanstalt stelle ein Vorbild für alle Schulen dar, lobte Köhler. Denn dort werde die Befähigung des Einzelnen in den Vordergrund 
gestellt und nicht die Beschränkung.

Gemeinsames Rudern mit Schülern der Steinmühle oder ein gemeinsamer Kurs in „Politik und Wirtschaft“ mit der Martin-Luther-Schule: 
Es gebe auch 2016 vielfältige 
Möglichkeiten für die Blista-Schüler. „Jeder Mensch muss seine Begabungen entdecken und entfalten können“, postulierte Köhler. Damit dies allerdings möglich bleibt, werden Rahmenbedingungen benötigt. „Wir brauchen Politiker, die noch konsequenter Barrieren abbauen und Teilnahme ermöglichen“, sagte Köhler.

Aber die Politik müsse beispielsweise beim gerade in erster Lesung befindlichem Bundesteilhabe­gesetz ( die OP berichtete) auch auf die Sorgen und Einsprüche der Blinden und Sehbehinderten hören. Genau in diesem Sinne war am Donnerstag bei der ersten Beratung des Gesetzes die Bundesbehindertenbeauftragte Verena Bentele in Berlin unterwegs.

Wegen ihrer Lobbyarbeit verzichtete die ehemalige Blista-
Schülerin kurzfristig auf eine 
Teilnahme an der Veranstaltung. Aber sie war per Videobotschaft präsent. Der 100-jährige Geburtstag beider Organisationen sei ein echter Grund zum Feiern. „Gläser hoch und Torten auspacken“, rief Bentele von der Großleinwand herunter der Festgesellschaft zu. Und beim anschließenden „Get together“ wurde auch mit Häppchen und Getränken gefeiert.

von Manfred Hitzeroth

 Schüler der Blista überreichten Sozialminister Stefan Grüttner Briefe zum Bundesteilhabegesetz. Foto: Tobias Hirsch
 
 
Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr