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"Die Bildung wird abgebaut"

Eltern schreiben an Ministerium "Die Bildung wird abgebaut"

In einem offenen Brief an den Hessischen Kultusminister Dr. Alexander Lorz kritisieren Eltern­beiräte dreier Marburger Gymnasien die Reduzierung von Lehrerstunden an der gymnasialen Oberstufe.

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ARCHIV - Hinter einem Atommodell lernen Schülerinnen und Schüler am 13.07.2004 in der Internatsschule Schloss Hansenberg in Geisenheim Johannisberg (Kreis Rheingau Taunus) im Chemieunterricht.

Quelle: Frank May

Marburg. Die Vorsitzenden der Schulelternbeiräte (SEB) an den drei Marburger Gymnasien Elisabethschule, Gymnasium Philippinum und Martin-Luther-Schule sind besorgt. „Wir müssen feststellen, dass sich die Bedingungen für die Schülerinnen und Schüler seit Jahren kontinuierlich verschlechtern“, so Dr. Ulrich Wolf vom Elternbeirat der Elisabethschule.

Große Bauchschmerzen bereiten den Elternbeiräten die mit dem aktuellen Zuweisungserlass für die Oberstufe durch das hessische Kultusministerium vorgenommenen massiven Kürzungen im kommenden Schuljahr

In dem Erlass, der die Verteilung von Lehrerstunden regelt, werde das Argument angeführt, dass die Kurse in den Oberstufen der hessischen Gymnasien im Durchschnitt sehr klein seien. Durch die Kürzung der Lehrerstunden würden sich die Kurse um etwa 8 Prozent vergrößern.

„Beides - sowohl die Analyse als auch die Bewertung der Folgen durch das Ministerium - ist falsch“, empören sich die Schuleltern in einem offenen Brief an den Hessischen Kultusminister Dr. Alexander Lorz. Ihr Argument: „Der Zuwachs in den einzelnen Fächern wird nicht gleichmäßig erfolgen, da bisher unbeliebte Fächer nicht beliebter und daher auch nicht um 8 Prozent häufiger gewählt werden.

Kurse werden größer, das Kursangebot kleiner

„Stattdessen, so befürchten sie, werden Kurse in bereits bisher nachgefragten Fächern überproportional größer. Weniger stark nachgefragte Fächer hingegen, für die durch die Reduzierung der Lehrstunden keine Lehrkräfte mehr zur Verfügung, werden nicht mehr angeboten werden können. „Im Ergebnis wird es daher zu überfüllten Kursen und einem verringerten Kursangebot kommen“, heißt es in dem Brief.

An der Martin-Luther-Schule beispielsweise werden die Grundkurse Kunst, Musik, Ethik, Religion, Erdkunde und Informatik nur noch zweistündig angeboten werden können.

Am Gymnasium Philippinum werden dafür zahlreiche Grundkurse im Bereich Sprachen und Religion/Ethik nur noch in vermindertem Stundenanfang angeboten werden. Kurse in Physik, Chemie, Kunst und Musik werden zusammengelegt.

Ähnlich sieht es auch an der Elisabethschule aus. Während es dort bisher möglich war, Physik- und Chemiekurse aufzuteilen, so dass in kleineren Kursen á 13 bis 15 Schüler sehr gut experimentiert werden konnte, wird dies künftig in einem Kurs mit 28 Schülern allein aus Sicherheitsgründen nicht mehr möglich sein.

Eltern fordern Kultusminister Lorz zum Handeln auf

„Letztendlich wird die Bildung abgebaut“, bedauert Ulrich Wolf. Die Schulelternbeiräte befürchten, dass sich die Anzahl der Schüler in den Kursen der Oberstufe erhöhen wird, was wiederum die Vermittlung der zentral vorgegebenen Abiturinhalte erheblich erschwert. Gerade die aktuell von den Kürzungen betroffenen Jahrgänge, die wegen G8 schon in den letzten Schuljahren erhebliche Zeitverkürzungen für die Wiederholung und Vertiefung von Unterrichtsinhalten hinnehmen mussten, seien davon betroffen.

Die Eltern fordern Lorz dazu auf den Trend zur Verringerung der Wahlmöglichkeiten, Einschränkung von Angeboten und Absenkung der Qualität zu stoppen. Um einen ersten Schritt in diese Richtung zu unternehmen, sei es erforderlich, die Reduzierung der Zuweisung von Lehrern von 104 Prozent auf 96 Prozent zurückzunehmen.

Eine Antwort von Kultusminister Lorz stand bis Freitagnachmittag noch aus. „Jeder Absender erhält ein Schreiben mit detaillierten Antworten zu den geäußerten Kritikpunkten. Darin werden auch Detailangaben zu den schulbezogenen Auswirkungen in der Zuweisung enthalten sein. Dies wird voraussichtlich noch in den Sommerferien erfolgen“, heißt es kurz und knapp aus der Pressestelle des Hessischen Kultusministeriums.

von Ruth Korte

Hintergrund
Für das Schuljahr 2015/16 plant das Hessische Kultusministerium einen massiven Einschnitt bei der Zuweisung von Lehrerstunden an den Grundschulen und in der Oberstufe. Bisher lag der Lehrerstunden-Bedarf für Unterricht und zusätzliche Aufgaben bei 104 Prozent. Nun soll er auf 96 Prozent reduziert werden.
Standpunkt: Was bleibt vom Abitur?

Die Bildungssituation an den deutschen Schulen ist ein Sorgenkind. Mit der Kürzung von Lehrerstunden durch das Hessische Kultusministerium im kommenden Schuljahr wird sie sich nicht bessern. Nicht nur wird durch den Zuweisungserlass die Zeit, die Lehrer für zusätzlich anfallende Aufgaben aufbringen müssen, knapper. Die Abiturienten werden in ihren Bildungsmöglichkeiten beschnitten.

In beliebten Leistungskursen wie Mathematik, Deutsch, Englisch oder Biologie wird sich die Anzahl der Schüler erhöhen, was eine individuelle Förderung schwerer machen und die Qualität des Unterrichts gleichzeitig verschlechtern wird. Weniger häufig gewählte Kurse wie Kunst, Musik, Sport, Geographie, Religion und Ethik hingegen werden entweder zusammengelegt oder eingestampft. Mit dem Wegfall dieser Fächer gehen jedoch für die Allgemein- und Meinungsbildung wertvolle Unterrichtsinhalte verloren, die die Abiturienten für ihren weiteren Lebensweg dringend brauchen. Was bleibt ist ein Abitur, das von Einfalt statt Vielfalt geprägt ist.

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