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Die Begegnungen tun sichtlich gut

Café Nikolai Die Begegnungen tun sichtlich gut

Im Marburger Café Nikolai gibt es Kaffee und Kuchen für Menschen mit und ohne Demenz. Diese Woche feierten die Gäste in vertrauter Umgebung den Advent.

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„Lasst uns froh und munter sein“: Das Singen macht Hans Berdux großen Spaß. Er kommt gemeinsam mit seiner Tochter (links) und seiner Ehefrau zum Café Nikolai.

Quelle: Philipp Lauer

Marburg. „Der Mittwoch“, erklärt Erika Eber, „ist bei mir verplant. Wenn nichts dazwischen kommt, bin ich immer hier.“ Sie wohnt in der Oberstadt und freut sich, dass sie noch zu Fuß zum Café Nikolai kommen kann. Dort sind die Gäste einander vertraut, das merken neue Besucher gleich. Seit der Eröffnung im März sind aus einigen fremden Gesichtern Stammgäste geworden. Eine offene Gruppe mit sehr unterschiedlichen Charakteren, die sich wöchentlich bei Kaffee und Kuchen trifft. Etwa ein Drittel von ihnen leidet an Demenz.

Hier ist Platz und Zeit, um Neuigkeiten auszutauschen und alte Geschichten zu erzählen, gemeinsam zu lachen und zu musizieren. Zur Weihnachtsfeier stehen Himbeerschnitten, Eierlikörkuchen und Plätzchen auf den Tischen und es gibt einen Überraschungsbesuch vom Nikolaus. Der Bärtige stimmt dann auch die gemeinsamen Gesangseinlagen an. Eine der regelmäßigen Besucherinnen begleitet die 20 Stimmen gekonnt auf der Mundharmonika. Sie hat auch die Liederbücher gestaltet, die auf den Tischen verteilt zum Mitsingen einladen.

Gesang und Plausch wechseln sich ab

Zwischendurch bewundern die Kaffeegäste die Dekoration. Unter anderem die Weihnachtsbäumchen, die Initiatorin Friederike Haack aus Eierkartons gebastelt hat. Zunehmend gerät die Runde ins Erzählen. Mal mit dem direkten Tischnachbarn, mal geht das Gespräch quer über den Tisch hinweg. Die Erzähler schwelgen in Erinnerungen an mehr oder weniger lang vergangene Zeiten. Ein älterer Herr erzählt vom Probetraining beim VfL Marburg, nach dem er sich entschied doch weiter für seinen Heimatverein SV Bauerbach zu spielen.

Damals stand er noch als aktiver Fußballer im Fokus der OP-Fotografen. Christel Staffel berichtet gut gelaunt von der Eröffnung des Cafés im Frühjahr. Da kam ihr Hans Berdux gleich bekannt vor, richtig zuordnen konnte sie ihn erst nach einem Gespräch. Dabei stellte sich heraus, dass die 75-Jährige als kleines Mädchen im Trachtengeschäft Berdux einkaufen ging. Mit ihrer fröhlichen Art unterhält Christel Staffel zuverlässig die Runde. Sie hat eine etwas weitere Anreise, ihr Begleiter Gottwald Bietz holt sie in Dreihausen ab.

Bietz bringt auch Hündin Lina mit, die inzwischen einfach dazu gehört. Die Streicheleinheiten und Leckerlis genießt Lina sichtbar. Die Fröhlichkeit helfe ihr auch im Umgang mit ihrer Krankheit, erklärt Christel Staffel: „Ich bin glücklich, dass der Herrgott mir meinen Humor lässt. Das Lachen und die Kommunikation hier im Café halten mich fit. Und es gibt immer leckeren selbstgebackenen Kuchen.“ Nicht nur was den Kuchen angeht, stimmt ihr Sitznachbarin Hannelore Berdux zu: „Mit ein wenig Humor geht vieles leichter.“

Schöne Stunden reichen oft für die ganze Woche

Sie ist mit ihrer Tochter Helga und vor allem wegen ihrem Mann Hans da, denn er ist dement. „Er genießt die Zeit hier“, erklärt Hannelore Berdux. Dann erinnert sie Frau Eber an die Brandgefahr, die beim Hantieren mit dem Gesangsbuch von den Kerzen auf dem Tisch ausgeht. Nach der kurzen Ablenkung ist Hannelore Berdux wieder beim Thema. In der gewohnten Umgebung gehe ihr Mann aus sich heraus. Er singt bei den Weihnachtsliedern mit und lächelt viel. Die Weihnachtszeit sei eine Herausforderung für die Angehörigen, in der „der Umgang mit der Vergesslichkeit besonders schwer fällt.“

Am Nachbartisch sitzt ein freundliches Ehepaar, das von der Eröffnung im Frühjahr gelesen hatte. Nach der Alzheimer-Diagnose der Frau schauten sich die beiden die Runde an und kommen nun regelmäßig. Im Café Nikolai wird schnell klar, Demenz ist hier ein Thema, aber nicht das vorherrschende. Hier treffen sich Menschen in einer vertrauten Umgebung.

Diese macht es ihnen einfacher, Gesellschaft zu finden. Ein gewöhnliches Straßencafé wäre dafür vielleicht zu hektisch. So können die Besucher aus der Kaffeerunde mehr mitnehmen, als nur die Plätzchen vom Nikolaus. „Die schönen Stunden mit netten Menschen reichen mir oft für die ganze Woche“, erzählt Christel Staffel.

von Philipp Lauer

 
Hintergrund
Das Café Nikolai öffnet jeden Mittwoch von 15 bis 17 Uhr im Mehrgenerationenhaus am Lutherischen Kirchhof 3 in Marburg. Bei Kaffee und Kuchen gibt es Lesungen, gemeinsames Musizieren oder Basteln. Interessenten sind eingeladen, am Begegnungs-Café teilzunehmen. Der nächste Termin ist am 14. Januar.
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