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Die Angst vor dem Elektroschock

Lebensretter Defibrillator Die Angst vor dem Elektroschock

Ute Maier hatte Angst. Panische Angst. Wovor? Vor einem Gerät in ihrer Brust. Vor dem Gerät, das ihr bereits fünfmal das Leben rettete: ihrem implantierten KardioverterDefibrillator (ICD).

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Ute Maier (Bild oben) gehört zu den Gründern der Defibrillator-Selbsthilfegruppe Marburg. Die 63-jährige Haddamshäuserin trägt seit mehr als sieben Jahren einen implantierten Defibrillator.

Quelle: Katharina Kaufmann-Hirsch

Haddamshausen. Es fühlt sich an wie ein kräftiger Schlag vor die Brust, wie ein Tritt in die Rippen, der einen aus dem Gleichgewicht und zum Fallen bringt. Und es geschieht aus heiterem Himmel, ohne Vorwarnung. Dann, wenn das Herz mit bis zu 350 Schlägen pro Minute wie wild pulsiert und dadurch kein Blut mehr durch den Körper pumpt. Ein paar Sekunden lang wird das toleriert, dann kommt der Schock. Ein Stromschlag. Ausgelöst von einem implantierten Defibrillator, einem sogenannten ICD.

„Es tut weh“, sagt Ute Maier. Und wenn nicht körperlich, dann seelisch. Die 63-Jährige weiß, wovon sie redet. Seit siebeneinhalb Jahren trägt sie einen ICD in der Brust. Erst mit Widerwillen, mittlerweile ganz selbstverständlich. „Er hat mir schon fünfmal das Leben gerettet“, sagt sie. Und mittlerweile weiß sie das auch zu schätzen. Körperlich hat die Diplom-Meteorologin den Schock nie gespürt. „Ich bin kurz vorher immer bewusstlos geworden, hatte quasi eine Art Filmriss“, schildert sie das Erlebte. Und zwar wortwörtlich: „Als der Defi das erste Mal auslöste, habe ich das nur gemerkt, weil mir tatsächlich ein Teil des Films fehlte, den ich mir auf der Couch liegend angesehen hatte.“

Hätte Maier keinen ICD gehabt, würde sie nicht mehr leben. Nur zwei Prozent von rund 100 000 Menschen in Deutschland, die eine Tachykardie erleiden, überleben das auch. 80 Prozent dieser Herzkollaps-Opfer trifft es zu Hause. 98 000 Patienten sterben, weil die Rettung, sprich die Defibrillation durch einen Notarzt, zu spät kommt. „Ich bin herzkrank und muss mit Tachykardien rechnen“, erläutert Ute Maier. Daher habe man ihr den ICD „ans Herz gelegt“. Im Jahr 2009 bekam sie das Gerät dann eingesetzt. Nach Angaben des Verbandes Defibrillator Deutschland ist sie damit einer unter jährlich rund 15 000 Menschen in Deutschland, die einen ICD implantiert bekommen.

Dreieinhalb Jahre bis zur Akzeptanz

„Von diesem Zeitpunkt an hatte ich unglaubliche Angst, dass der Defi auslöst“, berichtet Maier. So viel Angst, dass sie zur Psychotherapie muss. „Das hat mir mein Arzt damals verordnet, weil ich völlig neben mir stand“, erinnert sie sich heute. Dreieinhalb Jahre dauert es, bis die 63-Jährige das Gerät in ihrer Brust vollends akzeptieren kann. Etliche Gespräche und Therapiesitzungen sind dafür nötig. „Manche kommen besser damit zurecht, andere schlechter“, erklärt sie.
Geholfen haben ihr auch die Gespräche mit anderen Betroffenen. Denn bereits Anfang 2010, kurz nach ihrer Operation, hört Maier von der Gründung einer Selbsthilfegruppe in Marburg und beschließt sich zu engagieren. Zwölf Leute sind sie heute, alle haben einen implantierten Defi, alle kennen die Ängste und Sorgen, die das Gerät mit sich bringt.

Wo ein solcher ICD in der Brust sitzt und wie er funktioniert, zeigt die Grafik.                                                                        Grafik: Ohlen

„Die Gruppe und der Austausch untereinander halfen mir sehr“, sagt die 63-Jährige, die nun anderen helfen möchte. Der Erfahrungsaustausch, das Organisieren von Fachvorträgen, das Reden über die eigene Krankheit und das gegenseitige Informieren stehen im Mittelpunkt der regelmäßigen Treffen in der Gruppe. „Wir würden gern noch wachsen, denn die Zahl der ICD-Träger wächst ja auch stetig“, erklärt Maier. Das Einzugsgebiet reicht bisher von Marburg über Kirchhain und Rauschenberg bis nach Wetter im Norden und Ebsdorfergrund im Süden. „Wer Interesse hat, vielleicht auch als Angehöriger, kann einfach dazu kommen“, so Maier: „Wir sind zwar keine Therapeuten, das ist uns klar. Aber Reden hilft den meisten weiter und es baut Ängste ab – so wie bei mir.“

Es ist ein neuer Alltag, der bei den meisten ICD-Trägern nach dem Eingriff erst noch einkehren muss. Hobbys, Sport, Reisen, Autofahren – an all das muss man sich vorsichtig wieder herantasten, empfehlen Herz-Experten. „Man muss lernen, an sich selbst zu denken und seine Grenzen kennen zu lernen. Denn nur weil ein Arzt sagt, du darfst keinen Sport machen, heißt das nicht, dass man nie mehr Sport machen kann“, sagt Ute Maier und erklärt: „Ich gehe gerne spazieren. Es gibt Tage, da fällt es mir leichter und es gibt Tage, da fällt es mir schwerer. Das muss man akzeptieren lernen.“ Und noch etwas hat Ute Maier von ihrem implantierten Defi gelernt: Gelassenheit. „Ich habe jetzt keine Angst mehr. Ich habe Spaß am Leben.“

Interessenten an der Defibrillator-Selbsthilfegruppe Marburg können sich an Ute Maier (Telefon: 0 64 21 / 1 65 72 75) oder an Manuela Völk (Telefon: 01 71 / 2 15 44 78) wenden. Auch per E-Mail ist die Gruppe, die sich regelmäßig trifft, erreichbar unter: defi-shg-marburg@gmx.de. Weitere Informationen gibt es zudem beim Bundesverband für Menschen mit implantiertem Defibrillator im Internet unter www.defibrillator-deutschland.de.

von Katharina Kaufmann-Hirsch

 
 
 
  •  Der ICD (Implantierbarer Cardioverter-Defibrillator), auch „Defi“ genannt, ist ein Elektroschockgerät in Miniaturausgabe. Das Gerät ist ein Streichholzschachtel großer Computer. Es besteht aus einem Aggregat, das die Batterie und den elektronischen Schaltkreis beinhaltet und den Elektroden, die die Impulse zwischen dem Herzen und dem Aggregat hin und her leiten.
  • Der ICD überwacht den Herzrhythmus. Je nach Rhythmusstörung kann das Gerät eine Reihe kleiner, schneller Impulse abgeben oder auch eine Herzschocktherapie (Defibrillation) durchführen.
  • Tritt eine so genannte ventrikuläre Tachykardie auf, schlägt das Herz viel zu schnell. Dadurch wird immer weniger Blut in den Kreislauf gepumpt. Der ICD gibt dann elektrische Impulse mit niedriger Energie ab, eine so genannte Überstimulation, um den Herzrhythmus zu normalisieren.
  • Kommt es zum Kammerflimmern, schlägt das Herz bis zu 350 mal pro Minute. Es pumpt dann kein Blut mehr in den Körper. Sehr schnell kommt es zur Bewusstlosigkeit und es droht der plötzliche Herztod. Der ICD reagiert in diesem Fall mit einem Hochenergieschock (bis 32 Joule), der Defibrillation. Damit wird das Kammerflimmern unterbrochen, das Herz kehrt zu einem normalen Rhythmus zurück. Bei der Defibrillation durch einen Notarzt wird im Vergleich dazu ein Schock von bis zu 300 Joule abgegeben.

Quelle: www.kardionet.de/icd

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