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Die Abkürzeritis infiziert auch den LK MR-BID

Satirischer Jahresausblick 2015 Die Abkürzeritis infiziert auch den LK MR-BID

Uno, Unesco, EkSt, KFG, Hasiko, Ikek, Pegida – jede Menge Abkürzungen für alle möglichen Begriffe. Da blickt doch bald kein Mensch mehr durch! Doch wer glaubt, es kann gar nicht schlimmer werden, dem sei die Lektüre des satirischen Jahresausblicks der OP angeraten.

Illustration „satirischer Jahresrückblick“.

Quelle: Montage: Thorsten Richter (thr)

Marburg. Die Pegidas haben in unserem Landkreis auch im nächsten Jahr keine Chance, selbst wenn vereinzelt Marburger Burschenschaftler (Bursa) die Fahne der Wir-sind-gegen-Alles-Protestbewegung (Wisigeal) schwenken. Doch nicht zuletzt die ungehemmte Ausbreitung von Spott und Tratsch über die Möchtegern-Abendlandretter (Pegida) begünstigt das Entstehen einer gefährlichen Variante: der gemeinen Abkürzeritis. Diese ist besonders gefährlich, weil komplizierte Begriffe so komprimiert werden, dass am Ende der Überblick verloren geht, wer wofür steht und warum eigentlich.

Demos sorgen jeden Samstag für Verkehrskollaps

Erste Virusopfer sind die Mitarbeiter des Hochsicherheitslabors (BSL-4) auf den Lahnbergen, die den Erreger als erstes unters Mikroskop bekommen und in Windeseile in die Stadt tragen. Als Folge entstehen aus leserbriefschreibenden Wutbürgern (Wubüs) plakatschwenkende Bewegungen wie Margeseiba (Marburger gegen die Seilbahn), Margebiba (Marburger gegen die Bimmelbahn) und Margeschrauf (Marburger gegen den Schrägaufzug). Nicht lange lassen Marfübiba (Marburger für die Bimmelbahn), Marfüseiba und Marfüschrauf sowie Marfümepara (Marburger für mehr Parkraum) auf sich warten.

Gerade Marfümepara erfreut sich auch außerhalb der Kreisstadt (KS) eines dermaßen großen Zulaufs, dass bei deren Demos (Demonstrationen) jeden Samstag die Marburger Innenstadt einen Verkehrskollaps erleidet. Bürgermeister Franz Kahle wird beim ureigenen Grünen-Thema Auraust (Autos raus aus der Stadt) prompt aktiv und schlägt Oberbürgermeister Egon Vaupel (EV) vor, eine Stadtnutzungs-Protest-und-Demonstrations-Berechtigungs-Plakette (SPDBP) einzuführen, die den Zugang zur Stadt regeln soll: An geraden Wochenenden dürfen die Pro-Aktivisten (im Behördendeutsch PA genannt) auf die Stadtstraßen, an ungeraden die Gegen-Aktivisten (GA).

Das stellt niemanden zufrieden und so werden als Lösung der Verkehrsprobleme die vielzitierte Seilbahn (Seiba) und der Schrägaufzug (Schrauf) durch eine bahnbrechende Idee aus dem Kreishaus übertrumpft. Der Neu-Vize-Landrat (NVL) Marian Zachow (MZ) erweitert als Nahverkehrsdezernent (NVD) den ÖPNV (Öffentlicher Personen Nahverkehr) um eine innovative Variante der Beförderung von Fahrgästen.

Vor dem Inafluv lieber erstmal zum Arzt?

MZ stützt sich dabei auf die repräsentative Studie des gemeinnützigen Amazon-Instituts für angewandte Logistikforschung (Aifalf), das herausfand: Die Menschen wünschen sich, auf kurzen Strecken neue Wege zu gehen und wollen sich dabei gerne von Drohnen befördern lassen. MZ begeistert mit seiner revolutionären Idee den Kreistag, der mit breitester Mehrheit das Leuchtturmprojekt (LTP) Individueller Nahflugverkehr (Inafluv) auf den Weg bringt. Um dabei die Bürger im wahrsten Sinne des Wortes mitzunehmen, werden schon Gutscheine gedruckt, die MZ als NVD bei der nächsten Ehrenamtscardverleihung den bürgerschaftlich Engagierten in die Hand drücken. Mancher der freiwilligen Helfer fragt sich allerdings, ob er vor dem Einstieg in den Inafluv nicht lieber erst seinen Arzt oder Apotheker fragen sollte.

Angriff der Grundbürger mit dem SK an der Spitze

Das nicht ganz zu Unrecht, ergibt doch ein Test der Leitstelle Gefahrenabwehr des Landkreises (Legal) mit einem Dummy auf dem Hilsberg bei Holzhausen, dass die bemannten Drohnen in den Sog der geplanten Windkraftanlagen auf den Lahnbergen geraten können. Dann drohte ihnen das gleiche Schicksal wie mancher Fledermaus. Alarmiert von diesem Test, spricht der Oberbürgermeister ein Machtwort: „Mit mir ist eine solche Drohnenschredderei nicht zu machen!“

Somit kommt doch wieder die Seilbahn als aussichtsreichste Transportvariante in die Pole-Position. Kein geringerer als Ex-Landrat Robert Fischbach (Rofi) hat einen förderlichen Vorschlag, um die vor einigen Jahren an dieser Stelle ins Spiel gebrachte „Fischbach-Sänfte“ (FS) doch noch zu erleben: Der Aufsichtsratsvorsitzende der EAM stellt einen supergünstigen EAM-Strom-Tarif in Aussicht, mit dem die Marburger Seilbahn (Marseiba) kostendeckend betrieben werden könnte – natürlich an den Stationen vollgepackt mit Solarmodulen und auf der Schattenseite durch ein niedliches, kleines Windrad ergänzt – damit die (Öko)-Bilanz (ÖB) stimmt.

Allerdings müsse die Marseiba mindestens bis zum Schloss verlängert werden, damit der rekommunalisierte Stromversorger auch auf seine 25-Prozent-Rendite kommt. Zudem will der Aufsichtsrat die Option haben, dass später einmal die Marseiba bis in den Ebsdorfer Grund (Ebs) führt – zur touristischen Erschließung der Sonnenscheingemeinde als Naherholungsgebiet für verkehrsgeplagte Marburger und auch als künftiges Studentendorf. Zur Ankurbelung des Pilotprojekts akzeptiert die Marseiba GmbH&CoKG auch den GrundGeldGutschein (GGG) aus der Nachbarkommune als Zahlungsmittel für die Beförderung.

Nach diesem Ritterschlag fühlt sich Sonnenkönig (SK) Andreas Schulz (BgmEbs) ermutigt, im Zuge der sich anbahnenden neuerlichen Gebietsreform, der Stadt Marburg eine Fusion auf Augenhöhe anzubieten. Er betont, er würde sich als unabhängiger Kandidat auch einem Wählervotum stellen.

Einfahrtssteuer für BID-Fahrzeuge

Um eine Chance auf den Posten als Vaupel-Nachfolger zu haben, sichert er den Marburgern die Unterstützung seiner Grund-Bürger (GB) im Kampf um den Kreisstadt-Status (KSS) zu. Denn der ist bedroht. In der ehemaligen Kreisstadt Biedenkopf hatte sich zuvor schon eine Hinterländer Massenbewegung unter dem Namen Bigemaraks (Biedenkopfer gegen Marburg als Kreisstadt) gegründet, im Volksmund auch Bigemar, genannt. Bei einer Kundgebung in Marburg, bei der die Bigemar vor das Aquamar abgedrängt wird, skandieren sie „40 Jahre sind genug!“ und „Wir sind die Kreisstadt!“ Auffälligster Beleg dieser Bewegung ist die inflationäre Ausbreitung des BID-Kennzeichens im Kreis. Marburg erwägt im Gegenzug eine Einfahrtssteuer für BID-Fahrzeuge (Esbid).

Davon abgeschreckt, verhält sich die zweitgrößte Stadt des Kreises, Stadtallendorf, in der Kreisstadtfrage (KSF) öffentlich erstmal neutral, ist aber hinter den Kulissen erfolgreich in ihren Bemühungen, Marburg den IC-Halt abzujagen.

BHs weg für den Schuldenschuh

Daraufhin haben die Marburger Wutbürger (Mawubüs) genug und gründen die Initiative Margebidustadt (Marburger gegen Biedenkopf und Stadtallendorf) und versuchen der Ostkreismetropole einen dort ansässigen internationalen Süßwarenhersteller abspenstig zu machen. Dieser entscheidet sich am Ende dann doch für einen Verbleib in Stadtallendorf, schenkt den Marburgern aber zum Trost für den neuen Bahnhofsvorplatz einen gigantischen Schokobrunnen.

So verwöhnt ist nicht jede Kommune im Kreis, denn die allermeisten drückt der Schuldenschuh. Das zwingt die Kämmerer (Käm) dazu, sich etwas einfallen zu lassen oder es anderen nachzumachen. Zum Nachmachen gab die Gemeinde Lohra im vergangenen Jahr den Startschuss, nun wollen auch viele andere Käm ihre Kostenklötze (KK) alias Bürgerhäuser (BH) loswerden, um ihre Bilanzen aufzubessern.

Es beginnt ein munterer Wettbewerb, in dem die Gemeinden und Städte ein Bürgerhaus (BH) nach dem anderen zum Verkauf anbieten. Bei einem solchen Überangebot an billigem Wohnnutzraum geht schnell die Übersicht verloren. Damit sich die Gemeinden in einem ruinösen Wettbewerb nicht gegenseitig unterbieten, schreitet der Landkreis als Regulierungsbehörde (RB) ein. Natürlich nicht ganz so offensichtlich, sondern eher charmant-besorgt – mit einer femininen Note und auf Augenhöhe halt. Die Idee dazu stammt von der Fast-Noch-Neu-Landrätin Kirsten Fründt (FNNLKF), die, nachdem sie ihren Begrüßungsrundgang bei den Mitarbeitern der Kreisverwaltung im Juni beendet hat, endlich Zeit findet für die Entwicklung von Zupromis (Zukunftsprojekte mit Strahlkraft).

Kostenklötze enden in Schutt und Asche

Sie regt an, unter der schützenden Hand des Landkreises (LK) eine Vermarktungsgesellschaft mit beschränkter Haftung zu gründen, die die KK an die Interessenten bringen soll. Einen Namen, der zugleich auch Werbeträger sein soll, hat sie auch schon parat: GDEBH steht für „Gönn‘ Dir ein Bürgerhaus“. Da Rofi anderweitig beschäftigt ist und der kostenträchtig gestürzte MZ-Vorgänger Dr. Karsten McGovern (Mäcgov) keine Lust hat, bleibt die Geschäftsführung aber vorerst an der FNNLKF hängen.

Apropos Mäcgov: Er nutzt die noch zu seiner Amtszeit initiierte Start-Up-Initiative Durchbruch (Stupid) des KreisJobCenters (KJC) und gründet die PCA – eine Promi-Check-Agentur. Die überprüft, ob Prominente in ihrer Jugend alles richtig gemacht haben, zum Beispiel bei Führerschein, Abi-Zeugnis, Doktorarbeit oder Steuerrecht und – ob sie bei der Angabe der Staatsangehörigkeit nicht mal die falsche Abkürzung genommen haben.

Kaum ist die Agentur am Markt tätig, beginnt das Zittern unter Würstchen-Maxe und Co. Interessierte Kreise starten ein Ablenkungsmanöver. In medialen Werbekampagnen wird die SPDBP einem Teufelswerk gleichgesetzt und die Wubüs auf die Barrikaden gebracht.

Von nun an geht es Schlag auf Schlag: Margeseiba, Margebiba, Margeschrauf, Marfübiba und Margebidustadt gehen auf die Straße gegen Marfümepara. Die erhalten Unterstützung von der Bigemaraks. Die bürgerkriegsartigen Verbal-Zustände auf den Straßen versuchen FNNLKF und MZ mit einer Mediationsrunde zu beenden.

Nachdem jedoch bei der ersten Zusammenkunft der KK in Kirchhain in Schutt und Asche gelegt wird, sträuben sich die Käm, weitere wertvolle BHs für derartige Events zur Verfügung zu stellen. Die FNNLKF ruft daraufhin zu einem ultimativen Treffen auf dem Marburger Rathausplatz auf. Die Bursa halten das für eine Neuauflage des Marktfrühschoppens und gesellen sich auch dazu. Der SK und Noch-BgmEbs lässt daraufhin die gesamte Oberstadt von seinen GB einkesseln und zur Besänftigung der Massen großflächig GGGs mit aufgedrucktem Stimmzettel verteilen. Die Mitarbeiter der Legal lassen vom LTP Inafluv in hohen Dosen auf die Menschenmenge hinabregnen – zur Stärkung der körpereigenen viralen Abwehr.

Das hinzugezogene virenerprobte RKI (Robert-Koch-Institut) erklärt den Landkreis zur Sperrzone und rät zu einer Stallpflicht für alle, die sich zu Gruppierungen mit abgekürzten Namen bekennen.

Bevor es dazu kommt, erinnert sich der NVL MZ seiner Vergangenheit und hält einen ökologisch-ökumenischen Gottesdienst (Ökoökug) ab, an dessen Ende alle friedliebend nach Hause gehen. Alle? Nein, eine kleine Schar beginnt auf dem Heimweg schon damit, neue Bündnisse zu schließen: die Marfüsk, die Margemz...

von Michael Agricola

und Gianfranco Fain

Fotos: Sebastian Oberwelland, Archiv und Thorsten Richter.

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