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Deutschlands EM-Auftakt: Erst die Stille, dann das Hollywood-Ende

Impressionen aus Lille Deutschlands EM-Auftakt: Erst die Stille, dann das Hollywood-Ende

Während es idiotische
 Gewalttäter schaffen, dem Fanfest ein üblen Beigeschmack zu verleihen, herrscht im und um das „Stade Pierre Mauroy“ eine friedliche Atmosphäre. Die Menschen sind gekommen, um in ihren Farben zu feiern.

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OP-Redakteur Dennis Siepmann (kleines Bild, links) und Fanclub-Mitglied Maurice Jauernick 
reisten für das Auftaktspiel der Nationalmannschaft aus Marburg an.

Quelle: Privatfoto

Lille. Mitte der zweiten Hälfte ist es ruhig wie in einem Warte­zimmer. Kein Gesang. Keine 
Anfeuerungsrufe. „Isch raschd aus. Mit so Leud wie eusch simma net Weltmeister geworn“, brüllt ein tief beleidigter Allgäuer in die Stille hinein.
Der komplette Fan-Block hinter dem Tor von Keeper Manuel Neuer zeigt zu diesem Zeitpunkt ein ähnliches Verhalten wie die Akteure auf dem Platz. Während die deutsche Elf den Ball ohne großen Raumgewinn durch die eigenen Reihen laufen lässt, wird auf den Rängen über mögliche Auswechslungen, die teuren Bierpreise und das Wetter gesprochen.

Es gibt Erinnerungsfotos. Der große Allgäuer versucht es nochmal mit einem „Deutschlaaaaaaand, Deutschlaaaaaaand“. Einzelne stimmen in den „Gesang“ ein – dann ist es aber ganz schnell wieder ruhig. „So ein Scheiß hier“, brüllt der Allgäuer. Er ist sichtlich sauer über die Anfeuerungs-
Leistung seiner Landsleute.

Da sich auf dem Feld nicht wirklich viel tut, bleibt Zeit für Randaspekte. Bundestrainer Jogi Löw schickt alle Spieler der Ersatzbank abwechselnd in Dreiergrüppchen zum Aufwärmen. Wohl auch, weil für mehr Spieler schlichtweg der Platz auf dem schmalen Streifen zwischen Seitenlinie und Werbebande fehlt. Beim Warmlaufen müssen die Spieler zudem aufpassen, den Schiedsrichterassistenten nicht 
über den Haufen zu laufen.

Nicht mehr Kontrollen 
als in der Bundesliga

Allgemein herrscht bei den Fans Verwunderung darüber, wie schnell dann doch der Weg ins Stadion geebnet wurde. Viele hatten nach den Hooligan-Vorfällen in Marseille und der allgemeinen Terror-Angst in Europa mit langwierigen Kontrollen an den Eingängen gerechnet. Gefühlt gab es dann aber keine Unterschiede zum Kontroll-Prozedere bei einem gewöhnlichen Bundesliga-Spiel.

Ein Blick auf die Eintrittskarte, ein Griff an Jacke und Hose. Fertig. Dass es am Mittag in der Innenstadt zu einem nicht zu tolerierenden Zwischenfall kam, bei der ein aufgeladener deutscher Mob ukrainische Fans 
angegriffen hatte, macht dann natürlich auch die Runde.

Im Stadion selbst herrscht jedoch eher das Gegenteil einer aufgeheizten Stimmung. Im Block des deutschen Fanclubs gibt es keine Hassparolen, auch sind keine gewaltbereiten Hooligans zu erkennen. Vermutlich haben sie es nicht bis ins Stadion geschafft. Das wäre auch für die kommenden Tage in den anderen französischen Austragungsorten zu wünschen.

Toni Kroos bestimmt das Tempo des Spiels

Abseits der Tribünen ist die Mannschaft voll im Soll. Jerome 
Boateng fliegt durch den Strafraum wie ein Torhüter und verhindert ein ums andere Mal 
artistisch selbst größte Chancen der Ukrainer. Und Toni Kroos bestimmt das Tempo des Spiels der DFB-Elf wie ein Quarterback beim Football.

Auf der Anzeigetafel steht noch immer das 1:0, und irgendwie macht es den Eindruck, als würde heute nicht mehr viel passieren. Ebenso scheint das Liedgut der Fans erschöpft zu sein. Als Unterstützer der deutschen Mannschaft kann man nur froh sein, den Respekt der Gegner durch die sportliche Leistung erarbeitet zu haben und eben nicht durch die Fangesänge.

Die wiederkehrenden Chöre von „Die Nummer eins der Welt sind wir“, „Hurra, hurra, die Deutschen, die sind da“ und „Mexiko“ von den Böhsen Onkelz 
haben den Block sichtlich ermüdet. Einfallsreichtum und Leidenschaft hören sich anders an. Einzig der Mann aus dem Allgäu gibt nicht auf und brüllt noch einmal: „Super Deutschland olé“.

Der Held kehrt zurück – 
und die Menge applaudiert

Große Aufmerksamkeit erhält dann ein Ordner, der wild gestikulierend einen Ball zurückfordert, der über das Tor in den Block geflogen ist. Es folgt ein amüsantes, gestenreiches Hin und Her zwischen den Fans und dem engagierten Stadion-
Mitarbeiter.

So hätte es auch enden können. Doch dann war da ja noch die 90. Minute. Der Moment, in dem Bastian Schweinsteiger eingewechselt wird. Plötzlich ist es laut, wie fast das gesamte Spiel über nicht. Es ist die Rückkehr des „Feldherren“. Einem, der spätestens nach seinem aufopferungsvollen Kampf im WM-Finale von 2014 zu einem Sinnbild für den Erfolg der Nationalelf geworden ist.

Und nun, nach seinem Wechsel auf die Insel zu Manchester United, scheint die Unterstützung für den Kapitän nur noch intensiver zu sein. Schweinsteiger sprüht vor Tatendrang. Er hat Lust. Das merken alle sofort. Noch während des Einlaufens klatscht er in Richtung der deutschen Fans und rudert mit den Armen. Es scheint das lange erwartetet Signal an die Kurve.

Die Emotionen kehren zurück. Das Ende ist dann einfach nur Hollywood. „Den musst du erst mal so machen“, klingt eine Stimme voller Ehrfurcht, nachdem der kollektive Freudentaumel etwas abgeklungen ist. 2:0, ein Start nach Maß. Und am Ende hat auch der zornige Allgäuer ein Grinsen auf dem Gesicht: „Desch wird was!“, ist er sich sicher. Wir werden sehen …

von Dennis Siepmann

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