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„Deutschland-Bild ins Wanken geraten“

Marburg-Gäste aus Japan und Australien „Deutschland-Bild ins Wanken geraten“

Deutsche Urlauber meiden Krisenregionen wie Ägypten oder die Türkei - aber was tun Gäste aus dem Ausland, wenn sie von den Vorgängen in Deutschland hören?

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Die Ausschreitungen in der Silvesternacht in Köln werden laut Professor Satoshi Morimoto als ein „Problem von Zuwanderung“ wahrgenommen.

Quelle: Markus Böhm

Marburg. Satoshi Morimoto ist Professor für Sprachwissenschaften an der Universität von Tenri in Japan. Seit vielen Jahren besteht zwischen den Universitäten von Tenri und Marburg eine Kooperation, und in diesem Zusammenhang kommen immer wieder Studierendengruppen von Morimoto nach Marburg - nicht zuletzt Sportlerinnen und Sportler, die sich in Marburg nicht nur nach Studienmöglichkeiten und Spracherwerb umschauen, sondern sich auch sportlichen Austausch wünschen. Das Programm, so berichtet Professor Morimoto, erfreut sich in Japan großer Beliebtheit.

Bei seinem letzten Besuch in Marburg vor wenigen Wochen war das anders: Statt der 31 angemeldeten Teilnehmer kamen nur 15 Studenten mit Morimoto nach Deutschland - alle Frauen hatten ihre Teilnahme abgesagt, nachdem japanische Medien ab dem 4. Januar über die Vorfälle der Silvesternacht in Köln berichtet hatten. Schon nach den Terroranschlägen des November 2015 in Paris hatte sich eine gewisse Zurückhaltung in Tenri angedeutet, berichtet Morimoto, „wir waren gespannt, was möglich ist“.

Die Vorfälle in Köln wurden in Japan, so schätzt es Morimoto ( Foto: Conrad) ein, als ein Problem von Zuwanderung wahrgenommen, und das sei auch nachvollziehbar: „Japan ist eine Insel, wir haben in Japan keine Flüchtlinge, und wir haben auch wenig fremd aussehende Menschen in Japan.“

Morimotos Marburger Partner Jörg Chylek, der die sportlichen Kontakte zwischen Marburg und Tenri koordiniert, ergänzt, es gebe in Japan eine kritische Wahrnehmung dessen, was in Deutschland passiert. Die Frage „Warum macht Merkel das?“ sei ihm öfter gestellt worden. Zudem werde auch die Haltung, die durch Pegida in Deutschland öffentlich geworden ist, zur Kenntnis genommen. „Das Deutschland-Bild in Japan ist ins Wanken geraten.“

Wie kein zweiter Vorfall illustriert vielleicht dieser die Stimmungslage der japanischen Gäste: Der eigentlich vorgesehene mehrtägige Besuch in der Sporthochschule in Köln wurde auf einen Tag zusammengestrichen: Morgens hin, vor dem Haupteingang aus dem Bus, abends zurück in den Bus und zurück nach Marburg. Kein touristisches Programm, bloß nichts riskieren in Köln! Dagegen war der Besuch eines Bundesligaspiels der Frankfurter Eintracht an einem Freitagabend für die Besucher ein Höhepunkt - von Angst vor Ausschreitungen randalierender Hooligans keine Spur, berichtet Morimoto der OP.

Australische Schülerkommen erst 2017

Momentaufnahme Nummer zwei: Seit vielen Jahren gibt es am Gymnasium Philippinum einen Schüleraustausch mit Australien. In diesem Jahr war geplant, dass australische Austauschschüler im Frühjahr für dreieinhalb Wochen nach Marburg kommen, berichtet die für das Austauschprogramm zuständige Lehrerin Angelika Voss. Interesse gab es mehr als genug: Im Frühherbst 2015 hatten sich 23 Schüler des Wesley College in Melbourne als Interessenten für die diesjährige Austauschrunde gemeldet.

Unmittelbar nach den Vorfällen in Paris zogen 13 von ihnen aus Angst vor Terror in Europa ihre vorläufige Anmeldung für die Fahrt nach Marburg im Frühjahr 2016 zurück. Die Fahrt wurde auf kommendes Jahr vertagt, die Marburger Schülerinnen und Schüler fahren wie geplant im Herbst nach Melbourne. „Und wir hoffen, dass wir unseren australischen Austauschpartnern die Angst so weit nehmen können, dass sie uns dann auch tatsächlich im Frühjahr 2017 besuchen“, sagt Voss. Sie hofft, dass sich die Bedenken bezüglich der Bedrohungslage in Europa „und der weit verbreitete Eindruck eines zunehmend chaotischen Zustands in Deutschland“ in der australischen Bevölkerung gelegt haben.

von Till Conrad

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