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Deutsch von null auf hundert

Gelebte Integration Deutsch von null auf hundert

Eine Tante in Marokko haben Achmet, Elisabeth und David nicht, aber das Lied von der Tante aus Marokko kennen sie schon gut. In ihrer Klasse in der Sophie-von-Brabant-Schule singen sie es regelmäßig.

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Gemeinsames Singen ist fester Bestandteil in der Intensivklasse, in der die aus Afghanistan stammende 18-jährige Mujda Zahir (Zweite von links) den „Neuen“ hilft.

Quelle: Frank Rademacher

Marburg. Es ist nach sieben Wochen Unterricht in einer der vier Intensivklassen nicht die einzige Gemeinsamkeit der drei Kinder. Zusammen mit einem Dutzend anderer Jungen und Mädchen lernen sie ein Jahr lang in ihrer Klasse die deutsche Sprache und machen dabei erstaunliche Fortschritte. Zumal die Sechs- bis Elfjährigen ganz unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen.

Das wird schnell in der Vorstellungsrunde deutlich, wenn sie ihren Namen und Alter nennen und sagen, aus welchem Land sie kommen, auf deutsch natürlich: nämlich aus Syrien, Pakistan, Rumänien, Bulgarien und Spanien. In ihrer Schule treffen sie in den Pausen aber auch auf Kinder aus Deutschland, Italien, Japan, Brasilien oder China. Die Internationalität der Sophie-von-Brabant-Schule ist nicht zu übersehen und für die Schüler auch etwas völlig Normales.

Die Eingliederung fremdsprachlicher Kinder ist für die Europaschule im Übrigen nichts Neues. Seit 15 Jahren schon gibt es die so genannten „Intensivklassen“, in denen fremdsprachliche Kinder ein Jahr lang auf ihre Teilnahme am Regelunterricht vorbereitet werden. Davon profitierten auch die deutschen Schüler, betont Konrektorin Bettina Hühn-Lemmrich. Es helfe ihnen, sich leichter auf Neues einzulassen. Und ganz nebenbei lernen sie so auch noch den einen oder anderen Brocken nicht unterrichteter Sprachen an ihrer Schule.

Schüler sind durch die Bank weg sehr lernfreudig

Das gemeinsame Singen ist für Klassenlehrerin Edda Just etwas ganz Wichtiges. Es ­helfe dabei, einen unkomplizierten Umgang miteinander zu finden. Schließlich haben viele der Kinder ihre Heimat verloren, ­eine im besten Falle aufregende Flucht hinter sich, zum Teil aber auch schlimme Dinge erlebt. Da ist das Bedürfnis nach Regelmäßigkeit und Normalität mitunter riesig.

In der Klasse sind aber auch Kinder, deren Eltern ganz unspektakulär nach Deutschland umgesiedelt sind.

Und in den Intensivklassen finden sich auch Söhne und Töchter von ausländischen Uni-Dozenten - eine buchstäblich bunte Mischung unterschiedlicher Kulturen, Sprachen, sozialer Milieus und Lebenserfahrungen.

Gemeinsam haben alle, dass sie Deutsch als neue Sprache lernen müssen. Ein Zwang, der von den wenigsten als solcher empfunden wird - denn die neue Sprache wird innerhalb kurzer Zeit zum geschätzten Integrationsmittel.

Die Kinder und Jugendlichen seien durch die Bank sehr interessiert, zu lernen, berichtet Bettina Hühn-Lemmrich. Die Sprache, das lasse sich auch in den Pausen auf dem Schulhof beobachten, sei das verbindende Element. Und je besser man das beherrscht, desto leichter fällt der Kontakt, desto schneller lässt sich die Sonderrolle verlassen.

Schule hat langjährige Erfahrung mit sprachlicher Integration

Dass der Schule eine Schlüsselrolle bei der Integration der fremdsprachlichen Kinder und Jugendlichen zukommt, ist auch Schulleiter Thomas Hesse bewusst. Eine Rolle, die er gerne annimmt, auch wenn sie sein Kollegium immer stärker belastet. Zugute kommt der Einrichtung die langjährige Erfahrung mit der sprachlichen Integration. Nach einem Jahr können so die allermeisten Kinder am „normalen“ Regelunterricht teilnehmen. Für ein Jahr genießen sie noch den so genannten „Notenschutz“, danach wird kein Unterschied mehr zwischen den „Neuen“ und den Einheimischen gemacht.

Das bleibt für manche eine Herausforderung - für Schüler wie Lehrer. Bedenkt man, dass einige der „Neuen“ mitunter mehrere Jahre lang unterwegs waren und in dieser Zeit ohne Schule und Unterricht auskommen mussten, verwundert das nicht.

In der Klasse von David, Elisabeth und Achmet zeigt sich sehr eindrucksvoll, wie gut Integration gelingen kann. Die 18-jährige Mujda Zahir stammt aus Afghanistan.

Auch sie hat eine Flucht hinter sich, auch wenn sie sich daran kaum noch erinnern kann, weil sie damals noch ein sehr kleines Kind war. Inzwischen hat sie in Marburg ihr Abitur gemacht und hilft im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres an der Sophie-von-Brabant-Schule den jungen Neuankömmlingen.

von Frank Rademacher

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Von Redakteur Anna Ntemiris

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