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Des einen Leid, des anderen Freud

Oberstadt Des einen Leid, des anderen Freud

Für Touristen und Gastronomie-Besucher ist sie ein verlockendes Ziel. Auch am späten Abend zieht es noch viele Menschen in die Oberstadt. Die Anwohner sehen das nicht immer positiv.

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Idyllische Oberstadt: Sightseeing, durch die Läden schlendern und gemütliches Beisammensitzen am Marktplatz. Dieses Bild ergibt sich aus der Perspektive der Touristen. Anwohner kritisieren zu viel Lärm, zu viel Verkehr, zu viel Müll. Sie fordern einen Ortsbeirat für die Oberstadt. Die Stadtverordnete Andrea Suntheim-Pichler (rechts) und Magistratsmitglied Roland Stürmer (Mitte) übergaben Unterschriftenlisten an Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer (links) Fotos: Peter Gassner/Tobias Hirsch

Marburg. Tobias Nielges wohnt gerne in der Oberstadt. Der Student lebte nach seiner Ankunft in Marburg zunächst am Richtsberg, „doch dann habe ich hier ein Zimmer gefunden“, berichtet er. Der Vorteil liegt für ihn auf der Hand. „Es liegt einfach zentraler und viel näher an der Uni“, erläutert er. Doch nicht nur das: Darüber hinaus habe auch „das Ambiente eine Rolle gespielt“.

Die Oberstadt ist Touristenmagnet, lädt mit ihrer romantischen, mittelalterlichen Atmosphäre zum Flanieren ein. Auch die Gastronomie profitiert von dieser Umgebung. „Es ist ein großer Unterschied zum Richtsberg, allein durch die ganzen Cafés“, meint Nielges.

Johanna Fuchs sieht das ähnlich. „Cool sind die Straßencafés und die vielen kleinen Läden“, so die Studentin. „Die Diversität ist hier noch sehr groß“, freut sie sich. Es gebe für sie als Anwohnerin aber einige Dinge, die negativ seien. „Es stehen überall immer diese ätzenden Transporter“, sagt sie beispielsweise. Insgesamt überwiegen für sie aber die schönen Dinge. Auch die neue Bimmelbahn bewertet sie positiv. „Ich persönlich würde damit zwar nie fahren, aber für die Touristen ist es eine schöne Sache“, sagt sie.

Jene kommen aufgrund des speziellen Flairs und der mittelalterlich anmutenden Kulisse. Auch Tatjana Kupfer kommt deshalb immer wieder gerne zurück in ihre Heimatstadt. Die Marburgerin studiert inzwischen in Heidelberg, doch wenn sie daheim ist, sitzt sie gerne draußen und liest zum Beispiel ein Buch. „Die Oberstadt ist ein wichtiger Faktor dafür, dass ich mich wohlfühle, wenn ich in Marburg bin“, sagt sie. Die engen Gassen seien ein Grund dafür, dass die Oberstadt so schön sei, vor allem aber das Kopfsteinpflaster. „Das darf auf keinen Fall weg“, so die Studentin. Das Erlebnis Oberstadt entstehe zudem dadurch, „dass die Stühle hier auf den Straßen stehen“, meint sie. „Hier findet alles draußen statt.“

 „Partyzone Oberstadt“: für Anwohner ein Gräuel

Gerade das ist jedoch für einige Anwohner ein Problem. Gerda Siems findet es zwar „schön, im Herzen unserer Stadt“ zu wohnen, schwierig sei es jedoch, einkaufen zu gehen, und die Parkplatzsituation sei ebenfalls unbefriedigend. Eine weiteres Ärgernis: Vor den vielen Kneipen in der Oberstadt sei es bis spät in die Nacht hinein zu laut. Ein objektiver Hintergrund für die Konflikte: Die Oberstadt ist wie die gesamte Innenstadt zunehmend als Wohnquartier gefragt. Sie musste innerhalb weniger Jahre einen Bevölkerungszuwachs von mehreren tausend Menschen verkraften.

Josefa Zimmermann-Stroh wohnt seit vielen Jahren in der Oberstadt und ist unglücklich mit der Entwicklung in den vergangenen Jahren. Mit der Bürgerinitiative Oberstadt beklagt sie, dass viele Wohnungen in den vergangenen Jahren in Appartements für Studierende umgewandelt worden sind. Die Folge: mehr Autos, mehr Dreck, mehr Mülleimer, welche die engen Gassen zwischen Barfüßerstraße und Schloss verstopfen, aber auch mehr Lärm. Das Wort von der „Partymeile Oberstadt“ hat bei Anwohnern einen deutlich negativen Kontext. Zimmermann-Stroh gehört deswegen zu jenen, die in einer Unterschriftenliste die Einrichtung eines Ortsbeirats für die Oberstadt fordern. Ein Organ, das befugt sei, die Interessen der Anwohner zu vertreten, sei vielleicht ein Mittel, um die Probleme zu lösen, sagt Zimmermann-Stroh. Ebenso wie die Oberstädter fordern im übrigen auch Südstädter und Weidenhäuser die Einrichtung eines Ortsbeirats für ihren Stadtteil. Auch dort kursieren Unterschriftenlisten. Die rot-grüne Koalition - und vor allem die SPD - lehnt bisher die Einrichtung weiterer Ortsbeiräte ab.

Die Stadtverordnete Andrea Suntheim-Pichler (Bürger für Marburg), welche die Unterschriften gemeinsam mit dem Grünen-Magistratsmitglied Roland Stürmer an Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer (SPD) übergeben hat, hat von Löwer noch keine Reaktion erhalten, wie er mit den Forderungen umgehene will. „Wir sammeln weiter“, sagte sie der OP.

von Peter Gassner und Till Conrad

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