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Der ungeliebte große Bruder

Eingemeindung Der ungeliebte große Bruder

Für 20 000 Menschen aus der Umgebung von Marburg war alles anders, als sie am 1. Juli 1974 die Augen aufschlugen.

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Quelle: Collage: Nikola Ohlen

Marburg. Die Sommerferien hatten gerade begonnen, Walter Scheel hatte einen ersten Arbeitstag als Bundespräsident, Deutschland war am Abend zuvor durch einen 4:2-Sieg gegen Schweden in einem dramatíschen Spiel ins WM-Halbfinale eingezogen. Und die Wehrdaer waren keine Wehrdaer mehr, die Marbacher keine Marbacher, die Bortshäuser keine Bortshäuser mehr. Sie waren – wie die Einwohner von 15 selbstständigen Umlandgemeinden auch –  nun alle Marburger.

„Schuld“ war die Verwaltungsreform, die wie keine andere in der Geschichte des Landes Hessen auf Widerstand in der Bevölkerung, aber auch bei Mandatsträgern in der Kommunalpolitik gestoßen war: die so genannte Gebietsreform. Legendär war die Zusammenlegung der Städte Gießen und Wetzlar sowie einiger Umlandgemeinden zur Stadt „Lahn“ – ein bürtokratisches Monster, das man nach kurzer Schamfrist schnell wieder  korrigierte.
Sie bedeutete für die Stadt Marburg, dass sie deutlich größer wurde als zuvor, sie aber zugleich die Kreisfreiheit verlor (dazu mehr in einer eigenen Folge der neuen OP-Serie).

Vor allem in den Umlandgemeinden hatte es heftigen Protest gegen die „Eingemeindung“ nach Marburg gegeben.  Die Menschen fühlten sich vielfach okkupiert. Sie verloren ihre  Postanschrift: Aus „3550 Wehrshausen Post Marburg“ wurde „3550 Marburg“ - wer wollte, durfte ein „Stadtteil Wehrshausen“ dahintersetzen.

Wer Pech hatte, wohnte nicht mehr in der gleichen Straße wie zuvor. Aus der „Marburger Straße“, die es in fast allen Umlandgemeinden gab, wurde die „Moischter Straße“, „Bauerbacher Straße“ oder „Elnhäuser Straße“. Andere Straßennamen existierten zumindest doppelt; aus der „Pommernstraße“ in Wehrda wurde „In der Görzbach“, um nur ein Beispiel zu nennen.  

Das Beispiel Wehrda: Jahrelanger Widerstand

In den neuen Ortsteilen, insbesondere in den drei großen Umlandgemeinden Cappel, Marbach und Wehrda, hatte man lange gegen die Eingemeindung in die Kernstadt gekämpft – mit unterschiedlichen Strategien. Cappel und Marbach hatten vor allem darauf gesetzt, die kleineren Nachbargemeinden Bortshausen, Ronhausen, Moischt beziehungsweise die westlichen Stadtteile wie Wehrshausen und Elnhausen ihrerseits zum freiwilligen Anschluss zu bewegen und so größer zu werden. Damit sollte die Landesregierung überzeugt werden, dass eine eigenständige Entwicklung möglich sei.

In Wehrda hatten die Gemeindevertreter 1971 von Bürgermeister Jakob Buckler von den Bestrebungen des Landes nach einer Gebietsneugliederung erfahren. Buckler berichtete im Juli 1971, dass der Magistrat von Marburg um Verhandlungen wegen eines freiwilligen Beitritts Wehrdas zum Stadtgebiet gebeten habe.

Befragung dokumentiert breite Ablehnung

Empört lehnten die Gemeindevertreter ab, und sie organisierten, so erinnert sich Hans Dittmar, Gegenwehr. Dittmar, seit 1970 Angestellter der Gemeindeverwaltung Wehrda und später seit 1855 Ortsvorsteher, berichtet von einer „Befragung“ der Wehrdaer Bürger, organisiert vom Vorsitzenden der Gemeindevertretung, Heinz Kessler. Das Ergebnis war eindeutig: Von 2828 Wahlberechtigten, die angeschrieben wurden, sandten 1863 ihren Stimmzettel zurück – 68,3 Prozent Beteiligung an einer  nicht offiziellen Wahl, das war ein beeindruckendes Ergebnis. Noch klarer die Mehrheitsverhältnisse: 85,3 Prozent oder 1589 lehnten den Anschluss nach Marburg ab.

Das war im Jahr 1973. Zuvor schon hatte die Gemeindevertretung den Bebauungsplan für ein 40 Hektar großes Baugebiet unterhalb des Weißen Steins beschlossen. Hier entstand Wohnraum für etwa 3 000 Menschen, der Ort Wehrda verdoppelte seine Einwohnerzahl innerhalb weniger Jahre – auch mit dem Hintergedanken, der Landesregierung zu beweisen, dass sich der Ort selbstständig, ohne die Hilfe von Marburg, entwickeln konnte. Demselben Ziel diente die Entwicklung eines Sport- und Freizeitgeländes 1972/1973 am Teufelsgraben einschließlich des Hallenbades. „Das Gespenst der Eingemeindung rückte näher – in Wehrda wollte man noch etwas für die Gemeinde tun“, sagte Dittmar.

Denn dem großen Nachbarn im Süden traute man nicht so richtig. Die Stadt hatte damals genug eigene Probleme: die Sanierung der Oberstadt war noch lange nicht abgeschlossen, Marburg hatte kaum Gewerbesteuereinnahmen, war verschuldet. „Trotz langjähriger Bemühungen ist es der Stadt Marburg nicht möglich gewesen, ihre  Stadtsanierungs- und Verkehrsprobleme zu lösen“, so die Gemeindevertretung bei einer Anhörung des Innenministers im Februar 1973.

Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet

Heute, 40 Jahre später,  sehen viele auch in Wehrda das Ergebnis gelassener: „Unsere extremen Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet; die Stadt hat sich bemüht, auch Wehrda weiterzuentwickeln“, erkennt Dittmar an. Und fügt nach einer Weile hinzu: „Die Stadt Marburg hat die Wehrdaer zufrieden stellen können.“

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