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Der tägliche Trubel um die Tagesmütter

Kinderbetreuung Der tägliche Trubel um die Tagesmütter

Die Tagesmütter in der Universitätsstadt und im Landkreis bangen um ihre Zukunft. Die Zahl der Kinder, die sie betreuen nimmt ab, die Pflegedauer wird kürzer - wegen dem Ausbau von U3-Angeboten.

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In Bauerbach betreuen die Tagesmütter Jeanette Heide und Sandra Schulte je fünf Kinder. Foto: Björn Wisker

Marburg. Wenn Antonia nicht durchs Zimmer tobt, klebt sie Sachen auf Papier. An diesem Vormittag hat sie es beim basteln auf Blätter abgesehen - was könnte besser zum Herbst passen? Die Zweijährige sitzt auf dem kleinen Hocker und kleistert rotes, gelbes und braunes Laub auf die Pappe. Eine friedliche Szene, sorglos.

Jeanette Heide schaut sich die fünf Mädchen und Jungen ihrer „Tigerentenbande“ - so der Name der Gruppe in Bauerbach - an. „Es ist schwer geworden, mit diesem Job seinen Lebensunterhalt zu verdienen“, sagt sie. Seit 30 Jahren arbeitet Heide als Tagesmutter, umsorgt gerade das 80. Kind in dieser Zeit. Der Beruf lasse sich nur noch ausüben, wenn Ehemann, Ehefrau oder Lebenspartner eine Vollzeitstelle habe, Geld verdiene. „Es gibt immer mehr freie Plätze, nicht nur im Landkreis sondern auch in der Stadt“, sagt die 61-Jährige.

71 Tagesmütter betreuen derzeit 254 Marburger Kinder, im Landkreis sind es 175 Kinder, die von 61 Tagespflegepersonen, wie sich die Berufsgruppe etwas sperrig aber geschlechterneutral nennt, betreut werden. Tendenz: sinkend. „Wir sind die Verlierer des Kita-Ausbaus, des gesetzlichen Betreuungsanspruchs“, sagt sie.

Zwar befürwortet der Tagesmütterverein Marburg-Biedenkopf den Kita-Ausbau, die Gruppe trieb ihn mit voran. Wie sie seit 1994 grundsätzlich dafür gesorgt haben, dass in der Universitätsstadt ein Kinderbetreuungsangebot existiert, das so in ganz Deutschland selten vorkommt. Aber den Fluch der guten Tat spüren sie beim Einkommen: „Viele Eltern bringen ihr Kind jetzt erst nach einem Jahr oder später zu uns. Bis vor Kurzem hatten wir Babies hier, die waren erst ein paar Monate alt“, sagt Heide. Ein Jahr nach Geburt zurück in den Job, Eltern, die dauergestresst wirken, keine Zeit mehr für den fünf-Minuten-Plausch - es habe sich in den vergangenen Jahren etwas durchaus spürbar verändert. Nur die kleinen Kinder, bei denen habe sich in drei Jahrzehnten nichts gewandelt.

Für die Kommune ist der Tagespflege-Zuschuss nach Angaben von Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) „etwas billiger als einen Krippenplatz zu schaffen“.

Stadt zahlt Zuschüsse für die Betreuung

Die Kosten für einen sechsstündige Pro-Tag-Betreuung zahlen Stadt, Land Hessen und Eltern - monatlich kostet das 586 Euro. Die Kommune gibt 181 Euro aus, das Land 200 Euro, so dass Eltern nur das Verpflegungsgeld (205 Euro) zahlen müssen. 2013 investierte Marburg etwa 1,1 Millionen Euro in die Förderung, bis Ende September 2014 waren es rund 750 000 Euro. „In Marburg werden rund ein Drittel aller U3-Betreuungsplätze in Kindertagespflege angeboten - in keiner anderen hessischen Kommune erreicht die Kindertagespflege eine Bedeutung wie in Marburg“, sagt Kahle. Können Tagesmütter kostendeckend arbeiten? „Fünf Kinder dürfen es rechtlich maximal sein, aber diese fünf braucht man auch, und zwar dauerhaft“, sagt Jeanette Heide. Sie und der Tagesmütter-Verband verbinden die „vorbildliche Kinder-Jugendarbeit“ mit Kahles Engagement, der ihnen über Jahre geholfen habe, auch den Bekanntheitsgrad des Angebots zu verbessern.

Auch Sandra Schulte (44) ist Tagesmutter. „Wir können uns intensiver um jedes Kind kümmern als Erzieher in Krippe und Kita das können. Einfach, weil wir kleine Gruppen haben“, sagt sie. Auch die Kinder hätten es leichter, da sie sich an nur eine Bezugsperson gewöhnen müssten. Trotzdem: „Je näher es auf die Kindergartenzeit zugeht, desto mehr gewöhnen wir sie an größere Gruppen, unternehmen auch gemeinsam mit Kindertagesstätten vor Ort etwas“, sagt Schulte.

Eine verbreitete Angst von Eltern sei, dass aufgrund der vielen Stunden mit der Ersatz-Mama, die Bindung zur leiblichen Mutter abnehme. „Quatsch. Kinder haben ein unglaubliches Gespür, zu wem sie gehören. Und wir als Profis bauen auch keine Beziehung auf, die so eine Entwicklung zulassen könnte“, sagt Heide. „Wenn das eigene Kind weint, tut das auch Tagesmüttern im Herzen immer noch mehr weh.“

Trotz der wegen sinkenden Betreuungszahlen ungewissen Zukunft: Die Tagesmütter wollen sich weiterhin die Eltern aussuchen, deren Kind sie in die Gruppen aufnehmen. „Es muss zusammenpassen, sowohl für die Kleinen als auch die Chemie zwischen den Elternteilen und uns“, sagt Schulte.

Besonders im Fokus stehen Männer, die sich in Marburg laut Heide zunehmend für Tagespflege von Kleinkindern interessieren. Mehr als ein halbes Dutzend Männer haben sich zuletzt für die Tätigkeit in der Stadt ausbilden lassen. Vorurteile, Ängste, Anschuldigungen - „es muss schon vor dem Betreuungsbeginn klar und viel gesprochen werden. Das gilt für Männer vielleicht nochmal mehr“, sagt Schulte.

von Björn Wisker

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