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Der neue Style heißt "selbstgemacht"

DIY in Marburg Der neue Style heißt "selbstgemacht"

Handarbeit? Das ist Frauensache. Und sowieso ziemlich altbacken. Von wegen. Handarbeit ist wieder schwer im Kommen. Ob Mann oder Frau, jung oder alt - der Reiz, eigene Ideen umzusetzen, lässt viele wieder die alte Nähmaschine ausgraben.

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Hier muss der Kunde selbst die Nähmaschine bedienen. Stephanie Kleindopf erklärt Friedrich Bode (links) und Gernot Hille kleine Tricks und Kniffe.

Quelle: Marie Lisa Schulz

Marburg. Das alte Sofa in der Ecke ist mehr als eine Sitzgelegenheit. Es ist ein Entschleuniger, eine Zeitmaschine, ein Stress-Fresser. Einmal auf dem Sofa Platz genommen, scheinen die Uhren still zu stehen. In welchem Jahr befinden wir uns? Nebensache. Wie viel Uhr ist es? Unwichtig. Wichtig ist das Hier und Jetzt. Und in dem zählen gute Gespräche, interessante Begegnungen und ganz viel Kreativität. Das Weidenhäuser Nähstübchen ist ein Begegnungsort. Mittendrin steht Stephanie Kleindopf. Sie kocht Kaffee, spricht ermunternde Worte, steckt dem ein oder anderen Nervennahrung zu. Weingummi gegen den Wutanfall. Kekse gegen Motivationsprobleme. Stephanie Kleindopf hat sich vor acht Jahren mit einem ungewöhnlichen Konzept selbstständig gemacht. Ein Lädchen, in dem die Menschen Ruhe und Platz finden, um ihre Näharbeiten zu beenden. Manchmal auch, um überhaupt damit zu beginnen.

Die gelernte Herrenschneidermeisterin steht mit Tipps und Tricks zur Seite. Acht Nähmaschinen hat sie auf einem großen Tisch platziert. Ein Ort der Konzentration - aber auch der Kommunikation. „Hier steht der Punkrocker aus Frankfurt Seite an Seite mit dem Mädchen aus Gladenbach“, erklärt sie. Alle arbeiten sie an unterschiedlichen Projekten - alle haben sie ein Ziel: fertig werden. „Das Hinsetzen und Selbermachen, das gibt ein gutes Gefühl“, erklärt Stephanie Kleindopf. „Viele Menschen sind einfach übervoll von dem Angebot in den Läden. Und dann steigen sie aus. Sagen, dass sie was Eigenes wollen. Nichts von der Stange“, erklärt sie.

Erstes Werk: eine maßgeschneiderte Weste

Brautkleider und Karnevalskostüme, Taschen und Kuscheltiere sind in ihrem Laden schon entstanden. Und Freundschaften. Ziemlich viele sogar. In Rechnung gestellt wird die Zeit, die im Nähstübchen verbracht wird. Gemessen wird mit einer Stechuhr. Alles ein bisschen altbacken. Alles mit sehr viel Charme. „Das Nähstübchen ist für viele wie ein Zeitloch.“

Auch Gernot Hillen schaut regelmäßig in dem kleinen Laden in Weidenhausen vorbei. Heute hat er Kuchen mitgebracht - ein paar neue Ideen noch dazu. Sein erstes Projekt liegt schon lange zurück. Ein einfacher Stoffbeutel. „Das Ding gab es nicht zu kaufen - dann bin ich eben hier hin“, erklärt er. Ihm gegenüber sitzt Friedrich Bode. Eigentlich wollte er bei seinem ersten Besuch nur seine Hose kürzen lassen. Am Ende saß er selbst an der Maschine. Heute kommt er regelmäßig vorbei. Entwirft sich seine Kleidung selbst. Sein ganzer Stolz: eine Weste. Den Stoff hat er von Freunden zum Geburtstag geschenkt bekommen - die Arbeitsschritte musste er selbst leisten. „Das ist ein Top-Teil.“ So „top“, dass er schon mehrmals drauf angesprochen wurde. Das Innenfutter in Schlangenoptik und ein dicker Drache auf dem Rücken fallen eben auf. Erstaunte Blicke, wenn er erzählt, es handele sich um eine Eigenkreation. Noch erstaunter, wenn er bekennt: „Alles selbstgemacht.“

Dieser Moment, als sich Bode zum ersten Mal seine Weste überzog und vor dem Spiegel drehte, war auch ein besonderer für Schneiderin Kleindopf. „Das ist für mich das Schönste überhaupt, wenn ein Kunde hier steht und sich über das freut, was er selbst geschaffen hat. Ich lasse die Leute von Anfang an bei ihren Ideen. Ich helfe, sie auszuarbeiten, aber ich drücke ihnen nicht meine auf“, erklärt sie gelassen, während sie sich aufs Sofa fallen lässt und die Zeit um sich herum vergisst. Die Tür öffnet und schließt sich, der Laden füllt und leert sich. Lautes Hallo, stilles Arbeiten, lebhafte Diskussionen. Friedrich Bode reicht es für heute. Er hängt sein neuestes Projekt, ein Hemd, wieder zurück an die Kleiderstange. Stephanie Kleindopf spricht ein bisschen Mut zu: „Wir kriegen das noch fertig. Ich bin auch in den nächsten zwanzig Jahren noch hier.“

Über den Näh-Trend:

Das T-Shirt zerrissen, die Hose zu lang? Neu kaufen ist einfacher als flicken oder umnähen. Handarbeit oder „textiles Werken“ wird in Schulen kaum noch unterrichtet – der Umgang mit Nadel und Nähmaschine muss von Eltern, Großeltern oder Freunden gelernt werden. Wieso trotzdem immer mehr Handarbeitslädchen eröffnen oder ihren Standort halten? Die OP hat nachgefragt:

„Als alle vor 17 Jahren ihre Wolle-Lädchen geschlossen haben, da habe ich meines eröffnet. Unsere Kundschaft setzt sich aus allen Altersklassen zusammen. Wenn wir unsere Stammkunden nicht hätten, würde es aber nicht gehen. In so einem Lädchen steht man nicht nur an der Kasse und verkauft. Es kommen Fragen über Fragen. Wo wir können, helfen wir gerne weiter.“

Edith Zieserl, Wolle-Lädchen, Marburg

„Ende Oktober habe ich meinen Laden in Kirchhain neu eröffnet. Vorher war ich in Marburg. Die Kunden sind oft junge Leute – Schwangere und Mütter, die die Kleidung für ihre Kinder selbst nähen. Ich glaube, viele Menschen denken seit dem Einsturz der Textilfabrik in Bangladesh genauer darüber nach, woher ihre Kleidung kommt. Billigware, Farbstoffe und Kinderarbeit wollen viele nicht mehr.“

Marion Becker, Stoffbude ABC, Kirchhain

von Marie Lisa Schulz

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