Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -1 ° Schneeregen

Navigation:
"Der neue Papst sollte gründlich aufräumen"

Gastbeitrag "Der neue Papst sollte gründlich aufräumen"

In einem Gastbeitrag schildert der Marburger Stipendiat Marc Kaiser die Eindrücke seiner Begegnung mit dem Oberhaupt der Katholischen Kirche, zieht ein persönliches Fazit zu dessen Pontifikat und beschreibt Erwartungen an den Nachfolger.

Voriger Artikel
Reise nach Rom unter neuen Vorzeichen
Nächster Artikel
Leben jenseits der Hochsicherheitszonen

Gastautor Marc Kaiser studiert Psychologie in Marburg.

Quelle: Privatfoto

Marburg. Ich hörte gerade die Missa Solemnis von Beethoven, als mich die Nachricht vom Rücktritt Papst Benedikts ereilte. Beethoven hat sein letztes Werk, die Neunte Symphonie, mit einer starken Behinderung komponiert: er war im Alter taub geworden. Trotzdem schrieb er damit eine der berühmtesten Musiken, die der Menschheit jemals zu Gehör gebracht wurde.

Auch Papst Benedikt hat in den vergangenen Jahren trotz größter gesundheitlicher Probleme eines der schwierigsten und anspruchsvollsten Ämter der Welt bekleidet: als Heiliger Vater war und ist er verantwortlich für die katholische Christenheit und darüber hinaus. Seine mutige und richtige Entscheidung, nun von diesem Amt zurückzutreten, verdient größten Respekt.

Vor meinem Treffen mit Papst Benedikt hatte ich große Bedenken, was für einen Menschen ich wohl kennenlernen würde - etwa einen Heiligen oder gar einen schrecklichen Imperator? Als wir uns dann aber gegenüber standen, traf ich vorrangig einen Menschen. Dieser Mensch Joseph Ratzinger hinterließ einen gewaltigen Eindruck bei mir.

Aus den Augen sprach die Sehnsucht, auszubrechen

Zunächst wurde ich desillusioniert, denn vor mir saß einfach ein alter Herr, in ein weißes Gewand gehüllt, vom Alter gezeichnet, schwach, müde und gebrechlich, der selbst bei den Papstmessen im Petersdom nicht mehr mit den eigenen Beinen feierlich einziehen konnte.

Dann aber wurde ich verzaubert. Als Papst Benedikt mich persönlich ansprach, mir seine Hand reichte und dabei in meine Augen schaute, erreichte mich von ihm eine freundliche und sanfte Schwingung.

Er war interessiert an mir und meiner Arbeit, und wir unterhielten uns mit Humor und gegenseitigem Verständnis. Plötzlich mochte ich diesen Mann, der unzweifelhaft sein Amt nicht mehr zur Gänze ausfüllen konnte und mich überkam ein tiefes Gefühl von Mitleid und Zuneigung. Aus seinen Augen sprach eine tiefe Sehnsucht, aus dem goldenen Käfig auszubrechen und zurückzukehren, anzukommen in der Heimat. Damals sagte ich ihm, dass meine Freunde und Bekannten ihm wünschen, als Diener Gottes die richtigen Entscheidungen zu fällen und dass Gott ihm auf seinem schwierigen Weg beistehen möge. Seine letzte Entscheidung zeigt zwei große Stärken: Zurückhaltung und Verzicht.

Ich habe zusammen mit Professor Harald Wagner, der in Marburg 15 Jahre lang das Katholisch-Theologische Seminar leitete, den nächsten Chefbesuch im Vatikan bereits gebucht - jetzt aber wohl ohne Papst Benedikt. In den ersten zwei Aprilwochen sind wir in Rom und gespannt darauf, was uns erwartet.

Wir haben auch schon Karten für eine Audienz, die jetzt bestimmt nicht mehr wie geplant stattfinden kann. Wird das Konklave noch mit der Papstwahl beschäftigt sein, werde ich Kardinal Ratzinger antreffen oder einen neuen Papst? Was werde ich dem Einen oder dem Anderen diesmal sagen?

„Schaffen Sie bloß den Zölibat ab“

Kardinal Ratzinger würde ich bei einer weiteren Begegnung sagen, dass ich großes Verständnis für seine Entscheidung habe.

Die Anfeindungen aus den eigenen Reihen, das spionierende Personal, die intriganten Machtspiele innerhalb der Kurie und darüber hinaus die diabolischen Misshandlungen und Missbräuche junger Menschen durch die eigenen Priester haben sicherlich auch dem Papst schwer zu schaffen gemacht.

Einem neuen Papst dagegen würde ich dazu raten, in der eigenen Kirche gründlich aufzuräumen. Weg mit Priestern, die sich nachweislich strafbar gemacht haben. Schaffen Sie bloß den Zölibat ab, er produziert oftmals kranke Männer.

Stärken Sie die Ökumene.

Machen Sie die kirchlichen Finanzen transparent und bekämpfen Sie Korruption und Mafia in Ihrem Hause.

Nehmen Sie die Gemeinschaft der Gläubigen ernst, regieren Sie nicht von oben herab, sondern passen Sie Ihre Institution an die Gegebenheiten unserer Gegenwart an.

Behandeln Sie die Menschen respektvoll, Kinder, Frauen, Andersgläubige und auch Homosexuelle.

Wir sind bald nicht mehr Papst. Und das ist vielleicht auch gut so für alle Beteiligten. Denn Papst Benedikt war, wie seine richtige Entscheidung zeigt, nicht mehr Herr im eigenen Hause, konnte nicht mehr grundlegendes Verändern, wurde korrumpiert und brachte nicht viel frischen Wind.

Ein neuer Papst könnte mit Durchsetzungsvermögen und kreativen Ideen einen erneuernden Frühjahrsputz in den katholischen Häusern dieser Welt zelebrieren. Weil jede Kirche eine Reformation immer bitter nötig hat.

Ich bin gespannt, wozu sich die Katholische Kirche nun entscheidet.

von Marc Kaiser

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Marburg

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr