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Der moderne Mensch: ein Sammler

Zehn Jahre Dosenpfand Der moderne Mensch: ein Sammler

Es sind große Müllsäcke voller Plastik, in denen das Gefühl von Reichtum und Umweltbewusstsein lagert. Das Dosenpfand wurde vor zehn Jahren eingeführt. Eine Erfolgsgeschichte?

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Mit dem Flaschenboden voran – zurück in den Recyclingkreislauf. Vor zehn Jahren wurde der Dosenpfand eingeführt.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Eine halbe Stunde neben einem Pfandflaschen-Automaten ersetzt jede Sozialstudie. Der moderne Mensch ist eben doch mehr Sammler als Jäger. Große Müllsäcke, prall gefüllt mit Plastikflaschen, werden vor die Automaten gezogen. Geduldig eine Plastikflasche nach der nächsten in die Öffnung gelegt. Es riecht streng. Nach vergorenen Säften und ausgelaufenem Bier. Alles, was sich in unmittelbarer Automatennähe befindet, klebt. Boden, Bedienungstasten, Schlund. Kein Ort, an dem man verweilen möchte. Und doch ein Ort, an dem das kleine Pfandsammlerherz höher schlägt. Dann, wenn der Lohn der Sammlermühe ausgedruckt wird. Ein kleines Zettelchen, auf dem der Pfandbetrag steht. Irgendetwas zwischen 25 Cent und einem kleinen Vermögen. 

Das Ziel, dass sich die Politiker mit der Einführung des Dosenpfandes vor zehn Jahren setzten, war ambitioniert. Weg von den Einwegprodukten wie Dose und PET-Flasche, zurück zu den Mehrwegflaschen. Die Hoffnung lag auf 25 Cent – eine empfindlicher Geldbetrag, der dem Verbraucher den Griff zu den oftmals schweren Mehrwegverpackungen erleichtern sollte. Ob es funktioniert hat? Eine Bilanz.

„Früher gab es palettenweise Dosenbier“, erinnert sich Jochen Friedrich, Leiter des Fachdienstes Stadtgrün, Umwelt und Natur der Stadt Marburg. „Die Dosen liegen nicht mehr achtlos in der Landschaft herum. Um so etwas wegzuschmeißen, sind die Deutschen zu geizig geworden.“
Aber nicht nur Dosen, auch Einwegflaschen werden kaum noch weggeschmissen, beobachtet Friedrich. „Und wenn, dann werden alle bepfandeten Verpackungen von anderen Menschen aufgesammelt. Das Landschaftsbild hat sich einfach verändert.“ Ziel also erreicht? Friedrich zögert: „Teilweise. Das Dosenpfand ist eine Scheingeschichte. Als Verbraucher bekommt man suggeriert, dass es sich bei der PET-Flasche um ein Mehrwegprodukt handelt.“

Aber das, so weiß Friedrich zu berichten, ist nicht der Fall. Dosen und Einwegflaschen werden schlichtweg recycelt. Wieso spricht Friedrich dann von einem Teilerfolg: „Der Effekt funktioniert zumindest teilweise. Der Dosenanteil ist rapide gesunken.“ Bei Getränkeflaschen, so beobachtet es Barbara Pinschmidt, Geschäftsführerin eines Edeka-Neukauf in Marburg, sei das Ziel jedoch nicht erreicht. Sie beobachtet, dass vermehrt Kunden, die ohne Auto ihre Einkäufe erledigen, zu den Plastikflaschen greifen. Vor zehn Jahren, erinnert sich Pinschmidt, sei das System nur stockend angelaufen.

Extra Personal für den Pfandautomaten eingesetzt

„Das war ein Lernprozess für die Verbraucher“, so die Geschäftsführerin. Heute kommen fast alle verkauften Flaschen auch wieder in das System zurück. Kunststoffberge, die sich im Flaschenlager stapeln. Vier Arbeitsstunden pro Tag rechnet die Geschäftsführerin für die reibungslose Pfandrückgabe ein. Kisten müssen geleert, der Automat gewartet, Kundenfragen beantwortet werden. „Am Wochenende muss eine Person eingeplant werden, die sich nur um das Leergut kümmert“. Ziel also erreicht, Frau Pinschmidt? „Nein“, schüttelt die Geschäftsführerin den Kopf. „Wir haben uns arrangiert.“

Arrangieren, das will sich Hannelore Sauerwald nicht. Sie ist Inhaberin eines kleinen Lebensmittelladens in Wetter. Der ganzen Pfanddiskussion hat sie sich einfach entzogen. „Bevor das Dosenpfand eingeführt wurde, habe ich mich gegen Dosen in meinem Sortiment gesträubt. Auch PET-Flaschen suchen Kunden in ihrem Laden vergebens. „Wenn ich sie verkaufe, müsste ich sie auch annehmen. Das ist aber ein Gestinke. Bei mir gibt es nur die Mehrwegflaschen, die in normalen Kisten zurückgehen.“ Nicht nur das Dosenpfand, auch ihr Protest feiert zehnjähriges Jubiläum: „Wir sollten alle mehr auf die Natur achten. Wir haben nur die eine.“

Zahlen und Fakten

  • Schon 1991 wurde parallel zur Einführung der Mehrwegquote über ein Pfandsystem diskutiert. 72 Prozent der Getränke sollten damals, laut Zielvereinbarung, in Mehrwegverpackungen abgefüllt werden. Bei Unterschreitung der Quote drohte das Pfandsystem.  1997 sank die Quote erstmals auf 71,33 Prozent.
  • 2003 trieb der damalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin die Einführung des Dosenpfandes voran. Der Begriff ist missverständlich. Nicht nur Dosen, sondern alle Einweggetränkeflaschen aus Glas und PET-Flaschen werden mit einem Pfandbetrag versehen.
  • Bis 2004 konnten die Kunden ihre Flaschen nur in den Geschäften zurückgeben, in denen sie diese auch gekauft hatten. Heute müssen Pfandflaschen von nahezu allen Verkaufsstellen angenommen werden. Kleinere Läden sind von der Rücknahmepflicht befreit.
  • Ziel des Pfandsystems war es, den Absatz von Mehrwegflaschen wieder von 60 auf über 72 Prozent zu steigern.
  • Ziel nicht erreicht. Die Mehrwegquote ist auf unter 50 Prozent gesunken. Verbraucher und Händler haben sich mit dem Pfandsystem arrangiert und bevorzugen die PET-Flaschen. Hauptargument der Kunden: Der Transport der Flaschen sei leichter.
  • Erfolg in der „Sparte“ Bier. Der Anteil von Mehrwegverpackungen stieg um 20 Prozent.

von Marie Lisa Schulz

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