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Der mit den Händen spricht

Gebärdensprache Der mit den Händen spricht

Auf Englisch eine kurze Unterhaltung führen oder auf Spanisch „Danke“ sagen – für viele Menschen überhaupt kein Problem. Einem Gehörlosen jedoch die „Wie-geht-es dir-Frage“ zu stellen, macht viele sprachlos.

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Felix Frobel formt den "Gebärdengruß". Die Finger deuten die Buchstaben "I, L, Y" an, die für "I love you" stehen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Felix Frobel kann ohne ein Wort zu sagen, ganze Monologe halten. Kann sich nahezu lautlos streiten, diskutieren und wieder versöhnen. Er kann sogar ohne einen Ton von sich zu geben singen. Seine Emotion liegt dann nicht in der Stimme, sondern in den Gebärden, die er macht. Felix Frobel ist 34 Jahre alt, hörend und Lehrer für Gebärdensprache. Unter anderem. Denn Felix Frobel ist auch Sprachheilpädagoge und Gehörlosenseelsorger.

Ohne Mimik geht es nicht: Ausdruck ist alles

Der Tag, an dem Frobel beschloss, eine neue Fremdsprache zu erlernen, war der Tag, an dem er seinen Jugendfreund kennenlernte. 13 Jahre war er damals alt. In dem Alter, in dem man viel redet, ohne etwas zu sagen. Sein Freund redete nicht. Kein Wort. Dafür sprach er mit den Händen. Und Felix Frobel, der wollte diese Sprache lernen. Wollte sich mit seinem Freund unterhalten, mit ihm Witze machen, diskutieren. Ein Jahr hat es gedauert, bis die Worte nicht mehr nur aus dem Mund kamen, sondern in Handbewegungen übergingen.

Ein Jahr, bis er verstand, dass die Gebärdensprache eine sehr direkte, sehr emotionale Sprache ist. Eine, die viel Mimik verlangt. Eine Sprache, in der es keine Umschreibungen gibt. Klare Gesten. Klare Aussagen. Eine Sprache, die aber nur wenige Menschen beherrschen. „Viele Gehörlose sind auf die Inklusionsgnade ihrer Mitmenschen angewiesen“, weiß Frobel. „Wir bereisen ein Urlaubsland und beherrschen schnell die Grundbegriffe der Kommunikation. Wir leben aber Tür an Tür mit gehörlosen Menschen, und können noch nicht einmal fragen, wie es ihnen geht“, so der 34-Jährige weiter. Durch seine Kurse, die er über die VHS anbietet, möchte er das ändern. „Ich möchte die Einsamkeit, unter der manche Gehörlose leiden, durchbrechen und die Möglichkeiten an gesellschaftlicher Teilhabe erhöhen.“

Trotzdem: Gebärdensprache ist keine Pantomime. „Wir haben einen festen Gebärden-Raum, in dem wir uns bewegen“, macht Frobel deutlich. Vom Kopf bis zum Bauchnabel. „Wird vom Fuß gesprochen, wird nicht auf ihn gezeigt. Dafür gibt es eine eigene Gebärde.“ Und auch Zeitangaben wie Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit werden durch verschiedene Gestiken gekennzeichnet.

Namensgebärden sind nicht immer „politisch korrekt“

 „Es gibt Menschen, die Gebärden sehr korrekt ausführen, bei denen aber keine Emotion zu erkennen ist. Jede Gebärde braucht eine persönliche Note“, macht der 34-Jährige deutlich. Die stimmliche Betonung, sie muss durch Mimik abgelöst werden. „Man gibt vieles von sich preis“, weiß Frobel. Er selbst spricht zusätzlich aus, was er gebärdet. Als Unterstützung – um seinem Gegenüber die Chance zu geben, von den Lippen zu lesen.

Begriffe - klar, die sind erlernbar. Aber was ist mit Namen? „Seine Namensgebärden muss man sich verdienen“, scherzt Frobel und setzt an, seine zu zeigen. Mit dem Finger formt er ein „F“ und fährt damit die Konturen seines Bartes ab. Der spezielle Schnitt der Gesichtsbehaarung – sein typisches Erkennungsmerkmal. Aber es gibt noch eine weitere Geste für ihn. Eine, die verwendet wird, wenn er nicht dabei ist. Grinsend deutet er mit beiden Händen einen dicken Bauch an – sein zweites, eindeutiges Erkennungszeichen. Felix Frobel nimmt es mit Humor. Schließlich kann er auch über andere „inoffizielle“ Namens-Gebärden lachen. Über die von Angela Merkel beispielsweise. Mit Daumen und Zeigefinger deutet er herabhängende Mundwinkel an. Auch nicht sonderlich charmant – aber treffend.

 Frobel will vermitteln. Zwischen Hörenden und nicht Hörenden. Wünscht sich, dass die Sprachlosigkeit überwunden werden kann. „Gebärdensprache ist sehr direkt. Es wird nicht viel umschrieben.“ Ein Vor- aber auch ein Nachteil. „Die Gebärdensprache ist viel dichter.“ Verben gibt es nur in ihrer Grundform. „Schriftsprache ist für viele Gehörlose wie eine Fremdsprache.“ Zeitung lesen? Manchmal eine Herausforderung. Worte, die in der Gebärdensprache nicht existieren, müssen entschlüsselt und mit einer Bedeutung versehen werden. Beim Thema Fremdsprache räumt Frobel mit dem wohl größten Trugschluss auf. „In jedem Land werden andere Gebärden genutzt.“ Mehr noch. Jede Region hat ihre Eigenheiten.“ Selbst für das hessische „Schickt“ gibt es eine eigene Gebärde. Der 34-Jährige deutet ein Bierglas an, schlägt mit einer schnellen Handbewegung den Schaum weg. Es schickt halt. Wer braucht schon Worte, wenn es eine noch direktere, noch unmittelbarere Kommunikationsmöglichkeit gibt?

Und selbst Gebärdenpoesie ist möglich. Wie aber mit Worten spielen, wenn sie nicht als Sprachwerkzeug dienen? Frobel lacht über so wenig Fantasie. Es sind die Gesten, die kreativer, irgendwie flüssiger eingesetzt werden. Wie zum Beweis fängt er an, das Lied „Haus am See“ von Peter Fox mit Gebärden zu begleiten.

 

Kreativ: Wenn Gesten zu Poesie werden

Im ersten Durchgang verwendet er die gängigen Gebärden. Sauber ausgeführt. Fast wie aus dem Schulbuch. Im zweiten Durchgang werden die Bewegungen zu Poesie, die aus seinen Händen zu fließen scheint. Die einzelnen Gebärden scheinen miteinander zu verschmelzen. Frobel tanzt. Nicht nur sein Körper, auch seine Mimik ist in Bewegung. Er scheint mitzusingen, ohne auch nur ein Wort auszusprechen. Scheint mitzugrölen – und ist doch ganz still. Gebärden, sie sagen eben mehr, als 1000 Worte.
Der nächste Kurs „Konversation in Gebärdensprache“ beginnt am Donnerstag, 18.30 Uhr. Kursnummer: 4000

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