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Der missratene "Siegesthurm"

125 Jahre "Spiegelslust" - ein Rückblick (2) Der missratene "Siegesthurm"

Der von Köhler angelegte und von Spiegel später betreute Aussichtsplatz auf dem „Ordenberg“ war ein beliebtes sonntägliches Ausflugsziel der gesamten Bürgerschaft der Stadt geworden.

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Das Foto zeigt die Bauarbeiten am „Siegesthurm“ im Jahre 1875.

Quelle: privat

Marburg. Von zahlreichen Besuchern wurde bald der Wunsch laut, an dieser Stelle einen Aussichtsturm zu errichten, verbunden mit einer Wirtschaft.

Bereits 1868 nahmen Mitglieder des Marburger Verschönerungsvereins diese Idee auf und es kam zu Planungsarbeiten. Kon­kret wurde es im Jahre 1872, als für das Anliegen ein eigener Verein gegründet wurde. Honorige Bürger der Stadt, darunter viele Mitglieder des Verschönerungsvereins, schlossen sich im „Verein zum Bau eines Thurmes auf Spiegelslust“ zusammen.

Vorsitzender des „Thurm­bau-Comités“ wurde der stadtbekannte Physikprofessor Franz Melde. Melde, der immer mit Hut und Schirm durch Marburgs enge Straßen sich bewegte, galt als Original. Eine seiner Marotten war, dass dieser seine Vorlesungen jeweils morgens von acht bis neun Uhr ansetzte. Einer seiner Schüler, der spätere Atomforscher Otto Hahn, berichtete später, dass er Meldes Vorlesungen nur selten besucht und dies später bedauert hätte.

In der damals herrschenden patriotischen Hochstimmung nach dem siegreich gestalteten Deutsch-Fran­zö­si­schen Krieg 1870/71 und der Neugründung eines Deutschen Kaiserreichs wurde als Name für den Aussichtsturm auf Spiegelslust die Bezeichnung „Siegesthurm“ bestimmt. Mit den Bauarbeiten am Turm begann man am 3. Juli 1874, ob­wohl noch nicht alle veranschlagten Kosten durch die Geldgeber abgedeckt waren. Für die Planungen konnte der Neugotiker Carl Schäfer gewonnen werden. Er war Planer der Neuen Universität am Plan (heute: Alte Universität), vieler Marburger Bürgerhäuser und auch der Schlossanlage in Rauischholzhausen.

Der Turm sollte 100 Fuß (31,4 Meter) hoch errichtet werden. Parallel zum Baufortschritt wurden weitere Spenden gesammelt. Im März 1875 hatte der Turm bereits eine Höhe von 60 Fuß (18,84 Meter) erreicht. Allerdings waren die Kosten mit etwa 30 000 Mark auf das Doppelte des vorher veranschlagten Betrages gestiegen. Aber auch die Spenden waren zahlreich eingegangen. Um mit weiteren Spenden auf die veranschlagten Kosten zu kommen, wurden mehrere Aktivitäten begonnen. So wurde eine Turmbau-Lotterie gegründet.

Im Juli 1875 wurde vermeldet, dass mit der Fertigstellung noch im gleichen Jahr zu rechnen sei. Am Turm wurde bereits eine erreichte Höhe von 92 Fuß (28,89 Meter) gemessen. Doch Schwierigkeiten an der Errichtung des Turmabschlusses führten dazu, dass die Bauarbeiten vor dem Winter abgebrochen werden mussten. So wurden der Abschluss der Bauarbeiten und die geplante Einweihungsfeier auf den Herbst des folgenden Jahres angesetzt.
Doch es kam anders. Der fast fertige Turm stürzte in der Nacht vom 12. auf den 13. März 1876 während eines Orkans bis auf einen Sockel in sich zusammen.

Mit dem verlorenen Geld blieb nur Frust übrig

Das furchtbare und wohl kaum in solcher Stärke wieder aufgetretene Naturereignis des Jahres 1876 hatte mit seinen Folgen alle Menschen stark getroffen. In Marburg war der fast vollendete Turmbau auf Spiegelslust kläglich gescheitert.

In den folgenden Jahren mussten sich der Erbauer Carl Schäfer und der Bauunternehmer Gutmann der Anklage wegen „Zuwiderhandlung gegen die anerkannten Regeln der Baukunst bei Errichtung des Aussichtsturmes auf Spiegelslust“ stellen. Schäfer erhielt eine Strafe von 100 Mark. Bei Gutmann war der Strafrichter bei 150 Mark geblieben.

Für die Marburger Bürger blieb nach dem Einsturz des Turmes und mit dem verlorenen Geld nur Frust übrig. Es sollte zehn Jahre dauern, bis erneut eine Initiative zur Errichtung des gewünschten Aussichtsturmes auf Spiegelslust sich bilden konnte.

von Karl-Heinz Gimbel

  • OP-Gastautor Karl-Heinz Gimbel widmet sich der Stadtgeschichte. Er hat Bücher zum Kaiser-Wilhelm-Turm, der Ketzerbach und der Marburger Straßenbahn veröffentlicht.
  • Am Sonntag, 30. August von 11 bis 18 Uhr findet ein Jubiläumstag am Turm statt. Zeitgleich wird das in dem Wahrzeichen angesiedelte Turmcafé zehn Jahre alt.
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