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Der lange Weg zur Nachbarschaft

Geschichtsarbeit Der lange Weg zur Nachbarschaft

Jona Moritz von der Elisabethschule ist beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten mit einem Landespreis für seine Arbeit "„Nachbarschaftsverhältnisse der psychiatrischen Klinik Marburg im 20. Jahrhundert" mit einem Landespreis ausgezeichnet worden.

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Die ausgezeichneten Marburger Schüler (vorne von links) Chiara Brendel, Stella Ferenczy, Gesine Gloning und Jona Moritz mit (hinten von links) Bernhard Rosenkötter und Tutorin Martina Rupp bei der Archivarbeit.Foto: Till Conrad

Marburg. Dabei stand die Arbeit von Jona Moritz anfangs unter keinem guten Stern: Der Schüler musste die Erfahrung machen, dass nicht alle Akten, die im Staatsarchiv zu diesem Thema existireren, auch eingesehen werden dürfen. „Der Persönlichkeitsschutz ist ein hohes Gut, und deswegen unterliegen bestimmte Akten Einschränkungen“, erklärt Archivpädagoge Dr. Bernhard Rosenkötter, Lehrer am Gymnasium Philippinum. Er hatte über eine Lehrerfortbildung den Anstoß für die drei ausgezeichneten Marburger Arbeiten gegeben.

Jona Moritz jedenfalls konzentrierte sich auf die vorhandene Sekundärliteratur und auf Gespräche mit Zeitzeugen. Moritz, der in unmittelbarer Nachbarschaft der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie wohnt, nutzte den Wettbewerb, um mehr über den unbekannten Nachbarn zu erfahren.

Bei ihrer Eröffnung im Jahr 1876 hieß die Klinik noch „Irrenheilanstalt“. Gegen den Bau gab es in Marburg erhebliche Vorbehalten, unter anderem deswegen, weil die Stadt sich mit 25000 Talern beteiligen sollte.

Die „Irrenanstalt“ galt um die Wende zum 20. Jahrhundert als „freieste Anlage in Deutschland“ und wurde 1901 in „Landesheilanstalt“ umbenannt.

Auch die Landesheilanstalt war dann in die Verbrechen der Nationalsozialisten verstrickt, hat Jona Moritz herausgefunden. Er berichtet von mehreren Deportationen von Marburg aus in Tötungsanstalten im Jahr 1940 und von einer systematischen Überbelegung, die zu einem signifikanten Anstieg der Sterberate führte.

Mit der Bebauung des Richtsbergs rückte die nun „Psychiatrisches Krankenhaus“ genannte Einrichtung von der Randlage in eine direkte Nachbarschaft der Marburger. Wichtiger für die Patienten war die große Psychiatriereform in den 1970er Jahren. Sie hatte die „Ent-hospitalisierung zum Ziel, also die Wiedereingliederung der Patienten in die Gesellschaft. Vereine wie die Bürgerinitiative Sozialpsychiatrie und die Soziale Hilfe entstanden, aufgrund ihrer Arbeit gab es nach und nach direkten Kontakt zwischen chronisch psychisch kranken und gesunden Menschen. Es war der Anfang einer Entwicklung, an deren vorläufigem Ende heute die Nutzung des Geländes auch durch andere Initiativen und durch Wohnbebauung steht.

von Till Conrad

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