Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Der lange Weg zum „Selfmade“-Rockstar

Das schaffe ich! Der lange Weg zum „Selfmade“-Rockstar

Wissen Sie, was ein „Saitenniederhalter“ ist? Oder warum eine E-Gitarre zwar elektrisch, aber nicht elektrisch aufgeladen ist? Das erfährt man nicht, wenn man eine E-Gitarre kauft, das lernt man nur, wenn man sie selber baut.

Voriger Artikel
Handtasche sucht neue Liebhaberin
Nächster Artikel
Sex-Täter lauert Frauen auf

Unser Redakteur Tim Gabel traute sich und baute sich selbst eine E-Gitarre.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Der letzte große Handwerker in unserer Familie ist mein Großvater gewesen. Er hat mit 83 Jahren noch behauptet, dass er ganz allein ein Haus bauen könnte. Es würde aufgrund seines Alters wohl ein bisschen dauern, aber die handwerklichen Arbeiten, um alle Baumaßnahmen auszuführen, inklusive Installation von Heizung, Elektronik und Kamin habe er in seinem Leben schon gemacht. Ich dagegen bin Journalist, und mein handwerkliches Schaffen beschränkte sich bisher auf das Zusammenbauen von Ikea-Mobiliar.

Das E-Gitarren-Kit zum Selberbauen, das ich von meinen Kollegen in diesem Jahr zum Geburtstag geschenkt bekommen habe, ist also gleichzeitig Lehrgang und Therapie: „Opa wäre stolz auf dich!“  Außerdem ist selber bauen auch wieder „in“. Viele Menschen – mich eingeschlossen – stört es, dass man viele Dinge einfach nur noch annimmt. Ein ganzes Leben Auto fahren ohne zu verstehen, wie ein Motor funktioniert. Ähnlich ist es beim Musizieren: E-Gitarre spielen, ohne überhaupt zu wissen, wie sie Töne macht? Irgendwie unbefriedigend. Genug philosophiert, würde Opa sagen, schließlich geht es hier ja gerade um die Tat. Also wird das „Electric Guitar Kit T-Style“ ausgepackt.






 
 
 
 
 
 
 
 
 


Erster Schritt: Auspacken

Alles da! Das Paket ist vollständig: Ein Gitarrenhals und Saiten, ein Holzkorpus, jede Menge Elektronik und Kabelsalat in  Tüten. Letztere vermitteln leider den Eindruck, als brauche man eine Ausbildung zum Elektroingenieur, um dieses Projekt abzuschließen. Aber die Tütchen kann man zunächst getrost zur Seite legen, denn es stehen erstmal grobe Arbeiten an.

Zweiter Schritt: Lackieren

Vor dem Montieren darf man sich kreativ betätigen. Eine individuelle Note bekommt die eigene E-Gitarre durch die Farbe. Ich wähle schwarz, das ist nicht sehr individuell, sieht aber zumindest nicht albern aus. Von gewagten Farbspielen ist abzuraten, der Vorgang des Lackierens mit einer Farbe ist als solcher schon aufwändig genug. Ich benutze auf Empfehlung des Herstellers einen Autolack, grundiert ist die Gitarre schon. In der Garage eines Kollegen richte ich mir mit Folien und Haken ein Gitarren-Lackierstudio ein. Am Anfang bin ich noch motiviert. Zweimal lackiere ich, schleife wieder ab, lackiere neu. Trotzdem gibt es hässliche Lack-Tränen. Man braucht viel Übung. Ich ärgere mich und besuche die Garage meines Kollegen nicht mehr, für Wochen. Dann braucht er mein Studio mal wieder als Garage. Ich schleife noch einmal, lackiere neu. Es setzen sich Flusen der Küchenrolle ab. Scheißteil! Entschuldigung für den Kraftausdruck. Ich entscheide mich für den „Used-Look“. Vintage liegt bei Jeans und Brillen ja auch im Trend. Aus der Not eine Tugend machen: Wichtige Lektion!

Dritter Schritt: Zusammenbau

Man muss sich nur trauen: Der Zusammenbau ist wirklich ziemlich einfach. Die Elektronik ist schon vorgelötet, man muss also wie bei einer Stereoanlage nur noch Stecker verbinden. Alles Andere wird nach Anleitung verschraubt. Die Löcher sind schon vorgebohrt. Stecken und Schrauben? Wieder nur Ikea-Level. Aber es ist gut so. Schließlich hat das Lackieren schon lange gedauert, und man lernt trotzdem viel. Zum Beispiel über den „Saitenniederhalter“: Der sitzt auf der Kopfplatte der Gitarre, also ganz oben über dem Hals und hält die Saiten zwischen Hals und Stimmschrauben schön fest auf dem Sattel. Das muss man sich nicht vorstellen können, es reicht zu wissen, dass ganz winzige Kleinigkeiten über den perfekten Ton entscheiden. Über das Überleben des Gitarristen entscheidet ein kleines Erdungskabel, dass erst überflüssig aussieht, aber nach dem Lesen der Anleitung zum wichtigsten Teil überhaupt avanciert. Das Erdungskabel sorgt dafür, dass sich die elektrische Spannung nicht in den Teilen der Gitarre ausbreitet, die der Musiker anfasst. Puh, da mal mit viel Sorgfalt drangehen!

Vierter Schritt: Spielen!

Fertig! Die Saiten sind aufgezogen, auch das geht bei einer E-Gitarre erstaunlich intuitiv. Zur Not hilft eine von hunderten Internet-Anleitungen weiter. Ein geliehener Mini-Verstärker wird angeschlossen und tatsächlich: Das Ding macht Töne. Die Elektronik ist richtig angeschlossen. Der Magnet im Tonabnehmer kann die Schwingungen der Saiten als elektrische Spannungspotentiale an den Verstärker weiterleiten, und der verwandelt diese in Töne. So funktioniert´s, und ich weiß jetzt, wie das von innen aussieht. Allerdings ist das alles noch ziemlich schräg. Erstmal muss ein Stimmgerät her. Nachrichtenredakteur Carsten Beckmann und ich verabreden uns zu einer musikalischen Frühkonferenz am nächsten Morgen. Aber hören Sie doch einfach selbst...

von Tim Gabel

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr