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Der „kontrollierte Kontrollverlust“ soll es sein

"Halt"-Reihe Der „kontrollierte Kontrollverlust“ soll es sein

Vom ersten Bier oder Schnaps bis zur Rauscherfahrung: Jugendliche experimentieren mit Alkohol und erlernen das Trinken. Auch jenseits des Abstinenzanspruchs begleiten die Mitarbeiter der Sucht- und Drogenberatung beim Diakonischen Werk Oberhessen diesen Prozess.

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Die Abiturprüfungen sind vorbei, heute wird gefeiert – mit jede Menge Alkohol. An einem solchen Tag gilt: Wohl dem Jugendlichen, der im Umgang mit Alkohol seine persönlichen Grenzen kennt.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Damals fand ich‘s noch cooler, weil‘s noch neu war. Ich habe heute überhaupt nicht mehr das Gefühl, dass ich nicht mehr laufen kann oder so. Und das war halt damals das Gute daran. Ich habe mich total darüber kaputt gelacht, wenn ich nicht mehr laufen konnte. Heute kann ich so voll sein wie ich will, laufen kann ich immer“, berichtet ein junger Erwachsener über seine jugendlichen Rauscherfahrungen.

Trinken bis zum Rausch - und wenn es schiefgeht, auch bis zum Absturz. Die Jugendzeit ist die Zeit der Alkoholexperimente. Denn Trinken will und muss sogar gelernt sein. „Man stelle sich einen erwachsenen Menschen vor, der noch gar keine Erfahrungen mit Alkohol gesammelt hat und seine Grenzen nicht kennt. Das könnte im Arbeitsleben schon bei der ersten Betriebsfeier zum großen Problem werden“, sagt Christine Seip, Diplom-Sozialpädagogin und Mitarbeiterin der Sucht- und Drogenberatung beim Diakonischen Werk Oberhessen.

Konsum begleiten statt verbieten

Die Sucht- und Drogenberater wollen den Konsum begleiten anstatt ihn mit dem erhobenen Zeigefinger zu verbieten. Denn: „Verbote nutzen nicht, sie schaffen eher noch einen Anreiz.“ Das sagt Sabine Rief. Die Diplom-Sozialpädagogin arbeitet ebenfalls für die Sucht- und Drogenberatung beim Diakonischen Werk. Zu ihren Aufgaben gehört die Begleitung von Kindern und Jugendlichen im Projekt „Halt“, das unter anderem auf jene ausgerichtet ist, die mit einem Alkohol-Vollrausch in der Kinderklinik gelandet sind. „Es geht darum, die Jugendlichen so zu unterstützen, dass sie vor einem Kontrollverlust oder Zusammenbruch im Alkoholrausch geschützt sind, dass sie wissen, wann ihre Grenzen erreicht sind. Und dazu gehört es unweigerlich auch, dass diese Grenzen ausgetestet werden“, weiß die Suchttherapeutin. Doch wie lernen Jugendliche das kontrollierte Trinken, welche Kompetenzen entwickeln sie im Umgang mit Alkohol und welche Methoden finden sie, um Absturz und Kontrollverlust zu vermeiden? Suchttherapeutin Christine Seip hat sich in den Jahren 2011 und 2012 in Forschungsprojekten mit dem Thema befasst - für die „Halt“-Reihe gibt sie Einblick in die Interviews, die sie mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen im heimischen Landkreis geführt hat.

Eine Gruppe von Männern im Alter von 18 bis 25 Jahren berichtet über eigene Rauscherfahrungen. Es ist Kirmeszeit. Und er hatte den „totalen Absturz“, erzählt einer der jungen Männer. „Da war ich 13 Jahre alt und habe ganz viel Bier getrunken, ich glaube sieben Gläser waren das. Und fünf kleine saure Schnäpschen. Dann habe ich vor allen Leuten auf den Tisch gekotzt und bin rausgerannt auf diesen Berg gegenüber. Und da sind die hochgekommen und haben mir zugeguckt, wie ich gekotzt habe. Und dann musste mich meine Mutter abholen.“

Alkoholkonsum

Was der inzwischen Volljährige schildert, gehört zu den wohl schlimmsten Erfahrungen, die Heranwachsende im Zusammenhang mit den ersten Trinkerlebnissen sammeln. „So etwas ist unfassbar peinlich für die Jugendlichen“, erzählt Sabine Rief. „Es geht ja um die Annäherung ans Erwachsensein, ein solcher Absturz, der dann hilflos macht oder sogar im Krankenhaus endet - das ist schlimm für die Jugendlichen.“

Und dennoch können Jugendliche nicht einfach die Finger lassen vom Alkohol. „Das ist eine unrealistische Vorstellung“, sagt Rief, und ihre Kollegin Christine Seip stimmt ihr zu: Jugendliche, die gar keinen Alkohol trinken, seien in einer Gesellschaft, in der Alkohol seinen festen Stellenwert hat und in der Trinken eine verbreitete Kulturpraxis ist, die Ausnahme (siehe Grafik ). Und dieser Tatbestand verlangt der Präventionsarbeit von heute einen Spagat ab, wie Thomas Graf, Diplom-Sozialpädagoge und Mitarbeiter der Sucht- und Drogenberatung, hervorhebt. Denn aus medizinischer Sicht gilt der alkoholische Abstinenz-anspruch für Jugendliche, „eigentlich sogar noch für junge Erwachsene bis zum Alter von 21 Jahren, denn die Gehirnentwicklung ist erst bis dahin abgeschlossen - und Alkohol als Zellgift schadet in dieser Entwicklungsphase.“ Deshalb gibt die Weltgesundheitsorganisation, anders als für Erwachsene, bei Jugendlichen auch keine Trinkmengenempfehlungen mit Einstufungen der Unbedenklichkeitsgrenze heraus. „Aus medizinischer Sicht gilt: Alkohol ist für Kinder und Jugendliche immer schädlich, auch in kleinen Mengen“, verdeutlicht Graf. Doch in der Präventionsarbeit verfolgen die Suchttherapeuten einen lebensnäheren Anspruch. „Aus soziologischer Sicht wissen wir, dass Abstinenz in vielen Jugendgruppen, in denen bereits getrunken wird, gar nicht vorstellbar ist - dort geht es uns um die Einschränkung des Konsums, um die Schadensminimierung. Anders als beispielsweise bei Jüngeren, bei Konfirmanden etwa, die noch nicht in den Alkoholkonsum eingestiegen sind. Die wollen wir so lange wie möglich vom Trinken abhalten“, führt Graf aus. Der schmale Grat zwischen Spaß und Zusammenbruch Die Suchttherapeuten gehen davon aus, dass etwa die Hälfte der Jugendlichen regelmäßig oder gelegentlich Alkohol trinkt. Die Bandbreite reicht dabei vom Schwips bis zum Totalausfall. Trinkziel ist der „kontrollierte Kontrollverlust“, weiß Graf. „Die Jugendlichen wollen einen Rausch. Sie balancieren dabei auf dem schmalen Grat zwischen betrunken sein und Spaß haben und einem Vollrausch, der dann keinen Spaß mehr macht.“

Der K.-o.-Zustand wird häufig erreicht. Im Sucht- und Drogenbericht der Bundesregierung wird die Zahl von 26349 Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 20 Jahren aufgeführt, die im Jahr 2011 wegen einer Alkoholvergiftung in ein Krankenhaus eingeliefert wurden; 2010 waren es 25995 Personen. In Marburg-Biedenkopf wurden in diesen Jahren 72 (2010) und 61 (2011) Jugendliche im Alkoholrausch in die Kinderklinik gebracht.

Tipps und Tricks gegen den Absturz

Der erste Rausch und die Folgen - in den Interviews, die Christine Seip mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Landkreis geführt hat, gibt‘s viele Schilderungen dieser Art: „Das war bei mir auf der Konfirmation. Da haben wir vor der Kirche zwei Flaschen Wodka geholt und eine Flasche Icebreaker und dann noch Apfelwein. Und dann haben wir uns auf den Spielplatz gesetzt und haben uns richtig abgerissen. Später war ich so hackedicht, dass die mich mit zwei Leuten schultern mussten und mich heimgebracht haben. Da hab‘ ich dann in den Gang gekotzt, das ganze Klo vollgekotzt, ja, ich konnte einfach gar nichts mehr.“

Doch auch Trinken und die Kontrolle behalten gelingt Jugendlichen in vielen Fällen, selbst, wenn sie noch in ihrer Experimentierphase stecken. „Mein erster Abriss war eigentlich gar nicht so heftig. Da war ich zwölf, das war beim Grenzgang. Und da hab ich zwölf Diesel getrunken, das weiß ich auch noch ganz genau. Und ich fand‘s auch total geil, dass ich nicht mehr richtig laufen konnte. Und nicht mehr richtig reden konnte und so. Ja, war schon irgendwie cool.“

Das erzählt ein weiterer der jungen Männer, mit denen Christine Seip für ihre Forschungsarbeit gesprochen hat. Sein Bericht steht für die positiven Erfahrungen, die Jugendliche mit Alkohol oder unter dem Einfluss von Alkohol sammeln. „Es geht ja erst mal um den Spaß, darum, sich cool zu fühlen, entspannt und enthemmt zu sein - und solange die Grenze der Verträglichkeit nicht überschritten wird, haben Jugendliche durchaus positive Erlebnisse, wenn sie trinken“, sagt Suchttherapeutin Sabine Rief.

Und neben dem Spaß entwickeln Heranwachsende bei ihren Trinkexperimenten auch Kompetenzen, wie die Suchtexperten wissen. Tipps und Tricks gegen den Absturz - viele Jugendliche kennen und beherzigen sie bereits: „Auch mal eine Runde aussetzen, nicht auf nüchternen Magen trinken, zwischendurch etwas Alkoholfreies bestellen“, nennt Christine Seip Beispiele, die die Suchtberater in ihren Gesprächen an Jugendliche weitergeben (weitere Tipps auf der Checkliste). Denn darum geht‘s in der Suchtpräventionsarbeit: Jugendliche sollen Informationen erhalten, wie sich vor einem Absturz schützen können - von den Suchttherapeuten und auch voneinander.

Alkohol_Checkliste

An letzterem Punkt knüpft ein Konzept an, das derzeit bundesweit für Diskussionen in der Präventionsarbeit sorgt und mit dem sich auch die Suchtberatung beim Diakonischen Werk auseinandersetzt. Der Diplom-Psychologe Dr. Johannes Lindenmeyer, Direktor einer Fachklinik für Psychosomatik und Sucht in Brandenburg, hat „Lieber schlau als blau“ entwickelt. Ausschließlich in Brandenburg wird das Projekt an Schulen umgesetzt, gefördert vom dortigen Gesundheitsministerium. Dabei trinken Zehntklässler unter Aufsicht Alkohol - ein Experiment, das verdeutlichen soll: Schon kleine Mengen Alkohol können dem Körper schaden, rufen Übelkeit, Koordinationsschwierigkeiten oder Schwindel hervor. Das Trinkexperiment zielt darauf ab, Schülern auf Augenhöhe zu begegnen. Nach dem Trinken gibt‘s Rechenaufgaben und Koordinationstests - und dabei wird deutlich, wie sich der Alkohol auf den Organismus auswirkt.

In Marburg sehen die Suchttherapeuten das Konzept kritisch. „Wir halten die Schule nicht für den richtigen Ort für ein Trinkexperiment“, erklärt Christine Seip, „das könnte für die Schüler von Nachteil sein, einen solchen Versuch mit dem Lehrer als Aufsichtskraft zu unternehmen, sich möglicherweise als hoch konsumierender Jugendlicher zu outen vor der Lehrkraft, von der man später wieder in seinen Leistungen beurteilt werden soll“, fasst Seip einen Vorbehalt zusammen. Ihre Kollegin Sabine Rief sieht ein weiteres Problem: Bei „Lieber schlau als blau“ werden die Schüler, die noch keine Erfahrungen mit Alkohol gemacht haben, vom „Trinkexperiment“ ausgeschlossen. „Das sorgt für eine Ausgrenzung einzelner von der Gruppe“, befindet Rief.

Strategien von Jugendlichen für Jugendliche

Doch gibt es auch Ansätze in dem Konzept, die Suchttherapeuten bereits verfolgen und noch intensivieren wollen. Sie wollen Jugendlichen helfen, eigene Trinknormen zu entwickeln, ein Maß zur Bestimmung einer angemessenen Alkoholmenge für den eigenen Konsum zu finden - „wenn der Einstieg in den Konsum bereits erfolgt ist“, wie Suchttherapeut Thomas Graf nochmals betont. „Vor allem Vieltrinker sollen die Erfahrung machen, dass sie zu einer Minderheit ihrer Altersgruppe gehören, die erheblich von der gängigen Trinknorm Jugendlicher abweicht“, erklärt Seip, wie das Lernen voneinander aussehen kann.

Strategien zur Schadensminimierung - von Jugendlichen für Jugendliche, aus der einen Gruppe in die nächste getragen von den Suchttherapeuten, die Präventionsangebote für Schulen, Vereine und Konfirmandengruppen bereithalten. „Und zwar ohne diesen moralgeschwängerten Teil, den es zwangsläufig gibt, wenn Erwachsene die Jugendlichen beraten“, sagt Thomas Graf, der diese Ansätze in den Arbeitskreis Prävention hineintragen will. Dieser Zusammenschluss von unterschiedlichen Trägern in der Präventionsarbeit unterbreitet in Marburg-Biedenkopf ein breites Angebot, das noch um neue Konzepte wachsen soll.

Weitere Infos über Präventionsangebote und Träger.

von Carina Becker

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Trinkgelage auf dem Spielplatz, an der Schutzhütte oder wo auch immer Jugendliche sich unbeobachtet fühlen – in manchen Dörfern  finden sich mitunter solche Leergutansammlungen, etwa nach Konfirmationsfeiern.

Trinken und trinken lassen? Von wegen. Die Zeit des allzu lasch verstandenen Jugendschutzes in Stadt und Land sind vorüber. Das Bewusstsein für den Schutz der Jugend wächst.

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