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Der harte Weg zurück in die Arbeitswelt

Serie "Das schaffe ich" Der harte Weg zurück in die Arbeitswelt

Ihr kleiner Sohn ist das Wichtigste im Leben von Jennifer Noll. Für ihn hat die junge Frau ihre Ausbildung abgebrochen. Nun kämpft sie sich in die Arbeitswelt zurück - alleinerziehend und mit jeder Menge Mut.

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Zuvorkommend und motiviert: Auch dank der Hilfe von Sigrid Ochs (r.) hat die alleinerziehende Mutter den Weg zurück in die Berufswelt geschafft.

Quelle: Viktor Szymczak

Marburg. Ihr Sohn ist ihr ganzer Stolz. Für ihn gab Jennifer Noll aus Wetter ihre Ausbildung als Köchin auf, wollte sich ganz um ihren Nachwuchs kümmern, für ihn da sein. Einen Vater, der sich um die Erziehung kümmert, gibt es nicht. Arbeitslosigkeit war trotzdem keine Alternative für Jennifer Noll. Ohne abgeschlossene Ausbildung hatte sie jedoch auf dem Arbeitsmarkt keine Chance. Das wusste die junge Mutter und wandte sich an das Alleinerziehenden-Projekt vom Sozialverein Arbeit und Bildung. Die alles beherrschende Frage, die sich Jennifer Noll immer wieder stellte: „Schaffe ich das, Ausbildung und Mutter sein?.“

Diplom-Pädagogin Bettina Niklaus vom Sozialverein kennt solche Ängste. Sie trug mit Gesprächen und umfangreichen Tests dazu bei, dass sich aus der verunsicherten Alleinerziehenden eine selbstbewusste Frau mit Durchhaltevermögen entwickelte, immer angetrieben von einem Wunsch: „Ich will noch viel mehr im Leben erreichen und meinem Sohn ein gutes Vorbild sein.“ Station Nummer eins war ein Praktikum im Einzelhandel. Mit ihrem Eifer und Einsatzwillen überraschte Jennifer Noll ihren Chef Klaus Ollhof vom Rewe-nahkauf im Südviertel. Er war überzeugt, die junge Mutter sei genau die Richtige für eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau.

Ein tolles Angebot, das in der jungen Mutter aber neue Zweifel weckte. Während des dritte Lehrjahrs wird auch ihr Sohn eingeschult. Prüfungen auf der einen, familiäre Herausforderungen auf der anderen Seite - Jennifer Noll fürchtete, der Situation nicht gewachsen zu sein. Sie entschied sich für eine leichtere Lösung als „Verkäuferin“. Und zunächst erwies sich diese Entscheidung auch als richtig. Denn: Jennifer Noll musste beim Start ins Berufsleben erst wieder lernen zu lernen. Die praktische Arbeit meisterte sie nahezu mühelos. In der Theorie aber gab es Probleme.

Hier griff der jungen Frau aus Wetter das Kreisjobcenter unter die Arme. „Ausbildungsbegleitende Hilfe“ - so lautet das Programm, hinter dem sich Lerneinheiten wie „Berichtsheft schreiben“ verbarg. Stück für Stück fand Jessica Noll ihren Lernrhythmus, ihre Leistungsfähigkeit stieg. Ebenso ihr Selbstvertrauen.

Bei finanziellen Fragen stand der Sozialverein der jungen Mutter bei, half ihr bei Behördengängen und dem Ausfüllen von Formularen. Jessica Noll konnte sich ganz auf ihre kleine Familie und ihren Beruf konzentrieren.

Perspektive für ein selbstbestimmtes Leben

Und sie entschied sich, nach ihrer mit der Note „Sehr gut“ abgeschlossenen Prüfung zur Verkäuferin auch den nächsten Schritt zu gehen und will nun Kauffrau werden. Zur Freude von Projektleiterin Bettina Niklaus, die die Mutter auf dem Weg zurück ins Berufsleben von Beginn an begleitet hat. „Generell entwickeln Mütter immer eine hohe Motivation und Fähigkeit zur Selbstorganisation, die sie zu leistungsfähigen und für den Betrieb attraktiven Mitarbeiterinnen macht.“ Jennifer Noll sei ein Musterbeispiel der flexiblen Pragmatikerin. Und sie ist ein Vorbild für alle Alleinerziehenden, die ebenfalls in den Beruf zurück möchten, von Ängsten und mangelndem Selbstvertrauen aber ausgebremst werden.

„Heute ist die Noch-Azubi eine selbstbewusste junge Frau mit viel Engagement und Leistungsbereitschaft, mit großem Planungs- und Verhandlungstalent“, sagt Projektleiterin Bettina Niklaus.

Und sie stehe mit beiden Füßen fest im Leben, könne sich und die Familie souverän vertreten.

In diesem Sommer nun wird sich Jennifer Noll der Abschlussprüfung stellen. Eine Herausforderung, auf die sie sich regelrecht freut. Statt Sozialhilfe verdient sie eigenes Geld, tritt ihrem Sohn selbstbewusst und als Vorbild gegenüber. Sie führt ein Leben, das sie sich vor drei Jahren nicht zu träumen gewagt hätte.

von Carsten Bergmann

Hintergrund

n Mit dem Programm Betriebliche Ausbildung Alleinerziehender förderte die Hessische Landesregierung bereits seit 1998 Alleinerziehende, die keine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Der Marburger Sozialverein Arbeit und Bildung ist Mitglied der allerersten Stunde, ebenso wie Projektleiterin und Sozialpädagogin Bettina Niklaus. Im Rahmen der Kommunalisierung ging diese Aufgabe vor einiger Zeit an das KreisJobCenter KJC des Landkreises Marburg-Biedenkopf. Das KJC finanzierte bisher schon die ausbildungsbegleitende Hilfe (abH).

n Die Anzahl der Alleinerziehenden beträgt 1,6 Mio. (2010), neun von zehn sind Mütter, davon knapp 85 Prozent zwischen 25 und 49 Jahre alt. 41 Prozent aller Ein-Eltern-Familien beziehen Leistungen, das sind rund 640000 Haushalte mit insgesamt etwa einer Million Kindern. Im Jahresdurchschnitt 2011 gab es 280000 alleinerziehende Arbeitslose, heißt es vom Statistischen Bundesamt. Die Hälfte verfügt über keine abgeschlossene Berufsausbildung.

n Zu Ausbildungs-Abbrüchen kam es in der Regel wegen erneuter Schwangerschaft, schwerer Erkrankung oder belastenden Erlebnissen im familiären Umfeld. Nicht aber wegen schlechter Leistungen oder Problemen im Betrieb. Rund 70 Prozent der geförderten Alleinerziehenden haben ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen. Über die Hälfte der erfolgreichen Absolventen wurde nach dem Ausbildungsende fest eingestellt.

n Der Sozialverein Arbeit und Bildung in Marburg ist auch abends zu erreichen und in Notfällen sogar am Wochenende. Informationen finden Sie unter www.arbeit-und-bildung.de

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