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Der ganz normale Flüchtlingshorror

Einblick ins Lagerleben Der ganz normale Flüchtlingshorror

Das Engagement für Flüchtlinge ist in Marburg weiterhin beispielhaft. Dreh- und Angelpunkt ­dabei ist die Camp-Anlaufstelle „Im Rudert“. Dort wird „Willkommenskultur“ Wirklichkeit.

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„Da komme ich her.“ Flüchtlingskinder in der Camp-Anlaufstelle in Cappel zeigen auf einer Weltkarte, aus welchem Land sie mit ihren Eltern geflohen sind.

Quelle: Nadine Weigel

Cappel. Kein Platz mehr. Eng an eng drängen sich rund 20 Personen in dem kleinen Zimmer. Von draußen dringt der Verkehrslärm der Cappeler Straße. Trotzdem ist die Konzentration hoch. „Ich komme aus Afghanistan, woher kommst du?“, fragt Rahman lächelnd und wirft einer älteren Frau mit Kopftuch einen bunten Ball zu. Sie fängt den Ball und wiederholt den gleichen Satz. Langsam und leise, aber bestimmt.

Sprachunterricht in der Anlaufstelle des Flüchtlingscamps in Cappel. In den Räumen der Praxisklinik herrscht Hochbetrieb. „Es ist Wahnsinn, die Menschen sind so lernbegierig und begeisterungsfähig“, freut sich Gudrun Fleck-Delnavaz, Marburgs Flüchtlingskoordinatorin. Einige Flüchtlinge mussten die Helfer schon wegschicken, weil einfach kein Platz mehr war.

330 Menschen aus zig verschiedenen Ländern leben derzeit in dem Camp an der Umgehungsstraße in Cappel. Laut Regierungspräsidium kommen die meisten aus Syrien, Afghanistan und Eritrea. Alle eint der Wunsch, Deutsch zu lernen. Am ersten Tag des Sprachangebots mussten die Helfer sieben statt der geplanten zwei Sprachkurse irgendwie auf die Beine stellen. So groß war der Andrang.






 
 
 
 
 
 
 
 
 
 



„Die Sprache zu lernen, ist einfach das Wichtigste“, sagt Elham Karimi. Die 29-Jährige weiß es aus Erfahrung. Sie floh mit ihrer Familie vor 15 Jahren aus Afghanistan nach Deutschland. „Ich kann nachvollziehen, wie sich die Menschen fühlen, fernab ihrer Heimat in einem Land, dessen Sprache sie nicht verstehen.“ Deshalb war es für Karimi, die heute die deutsche Staatsbürgerschaft hat und als Medizinisch-Technische-Assistentin in Marburg arbeitet, selbstverständlich, als Dolmetscherin für die Flüchtlinge zu fungieren.

Ihre Hilfe wird dankbar angenommen. In dem heutigen Sprachkurs sind es vor allem Menschen aus Afghanistan, die in dem kleinen Raum in der Praxisklinik sitzen und wissbegierig Fragen stellen. Im parallel laufenden Sprachkurs nebenan haben sich Flüchtlinge aus Syrien zusammengefunden. Worte werden wiederholt, Aussprache geübt. Gerade geht es um Körperteile. Wichtig, damit die Menschen bei einem Arztbesuch auch ausdrücken können, wo sie Beschwerden haben. „Ich habe Bauchschmerzen, ich habe Kopfschmerzen“, wiederholen alle im Chor.

„Es ist beeindruckend, wie super alle mitmachen“, findet Ingrid Peters (links, Foto: Weigel). Die pensionierte Lehrerin ist begeistert. Zusammen mit Elham Karimi (rechts) und der Multiplikatorin Elina Erz bringt sie den Frauen und Männern, den Jungen und Alten das Wichtigste an Deutschkenntnissen bei, das ein Neuankömmling in Deutschland benötigt.

Die Motivation für die zahlreichen Helfer, sich in der Flüchtlingsarbeit zu engagieren, fasst Peters in einem Satz zusammen: „Das gehört doch einfach zur Menschlichkeit dazu. Uns geht es so gut, für mich ist es selbstverständlich, zumindest einen kleinen Beitrag zu leisten.“

Die Lebensgeschichten der Camp-Bewohner sind der ganz normale Flüchtlingshorror. So, wie man ihn immer wieder liest und hört. „Jeder von ihnen trägt sein ganz persönliches Trauma mit sich herum“, erklärt Karimi. Darüber zu reden, fällt vielen schwer. Sie haben Angst. Angst, weil sie noch immer von Verfolgung bedroht sind. Angst vor der Erinnerung.

Das Engagement für Flüchtlinge ist in Marburg weiterhin beispielhaft. Dreh- und Angelpunkt ­dabei ist die Camp-Anlaufstelle „Im Rudert“. Dort wird „Willkommenskultur“ Wirklichkeit.

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Nur Rahman mag erzählen. Der 34-Jährige aus Afghanistan befindet sich seit Jahren auf der Flucht. Sein Vater und sein Bruder seien erschossen worden, berichtet er. Nach einem Aufenthalt im Iran floh der gelernte Mechaniker mit seiner Frau und den vier Kindern in die Türkei. Von dort ging es in einem Schlauchboot hinaus aufs Mittelmeer.

„Es waren 55 Personen an Bord. Das Boot ist voll Wasser gelaufen. Die Kinder haben geschrien. Wir hatten Todesangst“, erzählt Rahman und blickt zu Boden. Seine Stimme stockt, als er sich daran erinnert, dass schließlich die türkische Polizei kam und das sinkende Schlauchboot zurück ans „falsche“ Ufer geschleppt hat.

Die Suche nach eine Chance für die eigenen Kinder

Doch die Familie schaffte es in einem zweiten Anlauf nach Griechenland. Diesmal gelang die Überfahrt mit einem Schlauchboot an anderer Stelle. „Wir waren froh, als wir heil angekommen sind“, sagt Rahman.

Von Griechenland aus ging es monate­lang zu Fuß über Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. „Meine Frau hatte Blasen an den Füßen und konnte kaum noch laufen.“ Deshalb habe Rahman ein Fahrrad besorgt und sei mit seiner Frau immer ein Stück vorausgefahren, dann zurückgekehrt, um die Kinder zu holen. „Ich hatte eine schlimme Kindheit in Afghanistan“, sagt Rahman und nennt den Grund, warum er gerade Deutschland als Ziel seiner langen Flucht gewählt hat: „Deutschland soll ein gutes Land sein. Hier sollen meine Kinder die Chance auf ein ­sicheres und besseres Leben ­haben.“

Seit 20 Tagen ist er nun in Deutschland. Im Camp in Marburg fühlen er und seine Familie sich sicher. „Man ist hier sehr nett zu uns, meine Frau ist glücklich, dass sie nun auch etwas lernen kann, im Iran durfte sie nur zwei Jahre lang die Schule besuchen.“

Solche persönlichen Schicksale wie die von Rahman und seiner Familie bewegen die freiwilligen Helfer sehr. „Es liegt jenseits meiner Vorstellungskraft, was diese Menschen durchgemacht haben“, sagt Elina Erz. Die 23-jährige Psychologiestudentin ist Multiplikatorin der Stadt Marburg und hilft mit, wo sie kann.

Kontakt ohne Vorurteile

„Es berührt mich sehr, dass die Menschen trotz ihrer unglaublichen Erlebnisse so positiv und lebensfroh sind“, betont sie. Bisher haben sich bereits gut 150 Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe engagiert. Die Spanne des von der Stadt Marburg organisierten Angebots ist groß: von Sprachunterricht, Kinderbetreuung, Teeküche, Jugendclub bis hin zu Alltagstraining und Infopoint. Laut Stadt sollen bis zum Herbst insgesamt 550 Freiwillige in der Camp-Anlaufstelle mithelfen können.

Während die Eltern im Sprachunterricht ihre ersten deutschen Sätze lernen, sind die Kinder im Raum nebenan. Zig Jungen und Mädchen toben ausgelassen umher. Katja Keute und ihre Tochter Paulina gehören zu den Freiwilligen, die die Kinder heute betreuen. „Ich finde es wichtig, den Menschen vorurteilsfrei zu begegnen“, sagt die Mutter aus Cappel und breitet eine große Weltkarte auf dem Tisch aus. Gemeinsam mit den Kindern sucht sie auf der Karte nach deren Herkunftsländern: Viele kleine Finger zeigen auf Albanien und Tschetschenien.

Mittlerweile haben die Kinder und Helfer schon freundschaftliche Bande geknüpft. Ein kleiner Junge saust auf einem Tretroller durch den Raum, direkt auf Hatice Kaya zu. Er bremst, hüpft vom Roller und fällt der 27-jährigen Hauptamtlichen um den Hals. Kaya ist gerührt. „Es ist echt Wahnsinn, wie lieb die Kinder sind. Sie sehnen sich total nach ein bisschen Aufmerksamkeit.“ Kein Wunder. Nach einer monatelangen Flucht sind die Kinder glücklich über jedes bisschen Normalität. In der Anlaufstelle können sie wieder Kind sein. Sie spielen, malen, puzzeln. Sie lachen.

von Nadine Weigel

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