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Der braune Terror erfasste alle Bereiche

NS-Zeit in Marburg Der braune Terror erfasste alle Bereiche

Marburg im April 1933: Vor 80 Jahren hatten die Nationalsozialisten die Stadt schon fest im Griff. Die einen litten unter dem braunen Terror, die Mehrheit feierte Reichskanzler Adolf Hitler.

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Die „Oberhessische Zeitung“ berichtete am 21. April vor 80 Jahren ausführlich über die Feiern in Marburg aus Anlass des Geburtstages von Adolf Hitler.

Quelle: Archiv

Marburg. Diesen Mittwoch ist es genau 80 Jahre her, dass an der Marburger Philipps-Universität die ersten Wissenschaftler entlassen wurden: der Staatswissenschaftler Professor Wilhelm Röpke und der Sprachwissenschaftler Professor Hermann Jacobsohn.

Röpke überstand die Zeit des Nationalsozialismus in der Türkei und in der Schweiz. Er gilt als einer der geistigen Väter der sozialen Marktwirtschaft. Er war den Nationalsozialisten spätestens seit Februar 1933 ein Dorn im Auge gewesen, weil der wenige Tage nach der sogenannten Machtergreifung klar Stellung bezogen hatte: Er hatte die nationalsozialistische Bewegung als „Massenaufstand gegen Vernunft, Freiheit, Humanität“ bezeichnet.

Wie Röpke wurde auch Hermann Jacobsohn auf Grundlage des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ aus dem Dienst entlassen, anders als jener nicht aus politischen, sondern aus rassistischen Gründen: Jacobsohn war Jude.

22 Jahre lang, seit 1911, hatte Jacobsohn zunächst als außerordentlicher Professor für vergleichende Sprachwissenschaft in Marburg gearbeitet. 1922 wurde er zum ordentlichen Professor berufen, 1928 zum Dekan seiner Fakultät, 1929 wurde ihm kommissarisch die Leitung des Deutschen Sprachatlas übertragen. Zwei Tage nach seiner Entlassung, am 26. April 1933, warf sich Hermann Jacobsohn am Südbahnhof vor einen Zug.

Nationalsozialisten vertreiben Stadtoberhaupt

Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ fand in Marburg auch andere, weniger prominente Opfer. Der Kasseler Historiker Ulrich Schneider, der lange Zeit in Marburg lebte, zitiert in einer 1980 erschienenen Arbeit „Marburg 1933 bis 1945“ aus dem „Verwaltungsbericht der Stadt Marburg für das Jahr 1933“ Akten des Staatsarchivs Marburg, nach denen mindestens elf Angestellte und Arbeiter, die beim Gaswerk oder als Gärtner beschäftigt waren, wegen Mitgliedschaft in der SPD und der KPD oder wegen ihrer Kandidatur für eine dieser Parteien im Laufe des Jahres entlassen wurden.

Prominentestes Opfer der nationalsozialistischen Säuberung war Marburgs Oberbürgermeister Johannes Müller. Müller, Mitglied der liberalen Deutschen Volkspartei und seit 1911 zunächst ­Bürgermeister, ab 1927 Oberbürgermeister in Marburg. Nach der Wahl des Stadtparlaments am 12. März, bei der die nationalsozialistischen Abgeordneten 20 der 30 Sitze gewonnen hatten, erklärten sie bei der Konstituierung des „Parlaments“, sie könnten niemals mit dem Stadtoberhaupt zusammenarbeiten. Müller habe zwar unzweifelhaft Verdienste um Marburg, wolle aber dem jungen Deutschland keinen Raum geben, zitiert die „Oberhessische Zeitung“ vom 4. April den Fraktionsführer der NSDAP, Kreisleiter Hans Krawielitzki. „Seine Fraktion werde nach Mitteln und Wegen suchen, um der Stadt Marburg einen nationalsozialistischen Bürgermeister zu geben“, heißt es in dem Pressebericht weiter. Vorausgegangen waren in den Wochen zuvor Aufmärsche und öffentliche Hetze gegen Müller. Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ schließlich ermöglichte es formal, Müller in den Ruhestand zu versetzen. Müller kehrte erst nach Kriegsende 1946 nach Marburg zurück und war bis 1948 in der Stadtverwaltung für die Dezernate Schule, Steuerverwaltung und Gewerbliche Betriebe zuständig. Von 1949 bis 1954 lehrte er Kommunalverwaltung an der Philipps-Universität Marburg.

Marburg huldigt dem Reichskanzler Hitler

Wohlgemerkt, die Machtübernahme der Nationalsozialisten war noch nicht einmal ein Vierteljahr her. Sie hatten auch in Marburg gründlich gearbeitet. Der Druck auf die jüdischen Mitbürger wuchs auch in Marburg dramatisch.

Die „Oberhessische Zeitung“ schrieb am 29. März, am Tag zuvor hätten „aufgrund der deutschfeindlichen Propaganda im Ausland“ SS-Leute die Schaufenster jüdischer Geschäfte mit Plakaten beklebt, auf denen darauf hingewiesen wurde, dass kein Deutscher bei Juden zu kaufen habe. Am gleichen Tag wurde übrigens in einer Randnotiz über die Entlassung der Bürgermeister Battenfeld (Moischt), Weide (Sarnau), Laukel (Sterzhausen), Theis (Bürgeln), Boland (Niederklein), Weckesser (Kleinseelheim), Lesch (Großseelheim) und Gerlach (Erfurtshausen) berichtet.

Jene Stadtverordnetenversammlung vom 3. April mag als ein Meilenstein in der nationalsozialistischen Gleichschaltung gelten. Nicht nur Parlament und Oberbürgermeister waren unter Kontrolle der NSDAP, auch wurden Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg zu Ehrenbürgern ernannt.

Straßen und Schulen wurden auf Antrag der NSDAP umbenannt: Der Friedrichsplatz in Adolf-Hitler-Platz, die Kasernenstraße in Hermann-Göring-Straße, die Uferstraße in Bernhard-Rust-Straße (nach dem späteren Reichsminister für ­Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung), die Oberrealschule in Adolf-Hitler-Schule, die Südschule in Horst-Wessel-Schule und die Nordschule in Schlageter-Schule.

Dass es den Nationalsozialisten im April vor 80 Jahren offenbar auch gelungen war, einen Großteil der Bevölkerung hinter sich zu bringen, zeigen die Feiern zum 44. Geburtstag Adolf Hitlers am 20. April. „Fahnen über Fahnen“ wehten in Marburg, schrieb die „Oberhessische Zeitung“, zu Ehren des Reichskanzlers fanden Platzkonzert, Umzug und eine Kundgebung in den hoffnungslos überfüllten Stadtsälen statt.

50 Jahre nach diesen Ereignissen schrieb der damalige Pressesprecher der Stadt, Erhart Dettmering, in einem Aufsatz für „Studier mal Marburg“: „Und wieder einmal hing die Stadt voller Fahnen, organisiert und angeordnet von der Partei, die ihren Machtanspruch auch regierungsoffiziell immer rücksichtsloser und ungehinderter geltend machte.“

von Till Conrad

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