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Der bessere Nationalfeiertag

25 Jahre Mauerfall Der bessere Nationalfeiertag

Der 9. November ist nicht nur aufgrund des Mauerfalls 1989 ein bedeutender Tag in der deutschen Geschichte. Er vereint freudiges und ernstes Gedenken miteinander. Ist er gerade deswegen vielleicht der bessere Nationalfeiertag?

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Nicht nur der Mauerfall, auch viele andere Ereignisse sprechen laut Ansicht des Geschichtsprofessors Eckart Conze von der Universität Marburg dafür, dass der 9. November der bessere Nationalfeiertag ist.

Quelle: dpa

Marburg. Der 3. Oktober ist ein Feiertag. Er erinnert an die deutsche Wiedervereinigung, die im Jahr 1990 just an diesem Datum vollzogen wurde. Emotional gesehen steht dieser Tag, der einen offiziellen Verwaltungsakt markiert, jedoch deutlich hinter dem 9. November zurück – dem Tag, an dem 1989 die Mauer fiel und der den Anfang vom Ende der DDR einleitete. Wäre also nicht dieser 9. November viel besser geeignet als Nationalfeiertag, die Gefühle der gesamtdeutschen Bevölkerung zu berühren?

Ja, meint Professor Eckart Conze von der Universität Marburg. „Selbst auf das Jahr 1989 bezogen“, stehe der Tag für „die freiheitliche Revolution“ in der früheren DDR. „Er bringt den Widerstand im Osten viel besser zum Ausdruck als der 3. Oktober“, so der Historiker. Ein Nationalfeiertag an diesem Datum würde somit „die historische, mutige Leistung der Ostdeutschen herausstellen“, glaubt er.

Doch nicht nur das Geschehen im Jahr 1989 macht den 9. November zu einem besonderen Tag für Deutschland. „Er ist aus dem Geschichtskalender nicht zu streichen“, sagt Conze. Andere historische Ereignisse an diesem Datum führen ebenfalls dazu, dass ein möglicher Feiertag „nicht nur zum Feiern, sondern auch zum Nachdenken über die Geschichte“ prädestiniert sei.

9. November 1848:

Die deutsche Märzrevolution ist im vollen Gange. Noch nicht entschieden ist aber, auf welchem Weg die Revolutionäre versuchen werden, einen demokratischen deutschen Nationalstaat herbeizuführen. Robert Blum ist einer der Anführer des moderaten Flügels, der das Ziel durch Verhandlungen und Reformen erreichen möchte. Am 9. November wird Blum in Wien von kaiserlich österreichischen Truppen erschossen. In der Folge gewinnt der radikale Flügel der Revolution die Oberhand.
Diese ist somit zum Scheitern verurteilt und wird von den deutschen Monarchen blutig niedergeschlagen. „Ein Datum, das sehr in Vergessenheit geraten ist“, so Conze. Es stehe „für das Scheitern der liberalen Revolution“.

9. November 1918:

Der Erste Weltkrieg ist verloren. Nach vier Kriegsjahren muss die oberste Heeresleitung unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff erkennen, dass ein weiterer Kampf sinnlos geworden ist. Angesichts der revolutionären Stimmungslage im Reich wird Kaiser Wilhelm II. zur Abdankung genötigt. Ohne dessen Wissen erklärt Reichskanzler Max von Baden jene am Morgen des 9. Novembers. Noch am selben Tag versucht der Sozialist Karl Liebknecht das Machtvakuum zu nutzen, indem er die „freie sozialistische Republik Deutschland“ ausruft. Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann hatte von diesem Plan jedoch im Vorfeld erfahren und kommt Liebknecht zuvor. In Berlin ruft Scheidemann die deutsche Republik aus.

Den Machtkampf gegen die Kommunisten gewinnt diese anschließend nach blutigen Kämpfen mit der Unterstützung der Reichswehr. Der 9. November 1918 markiere „den Zusammenbruch des autoritären Regimes“ und stehe für den Beginn der Demokratie, gleichzeitig jedoch auch für deren Belastung und die Probleme in der Weimarer Republik, fasst Conze zusammen.

9. November 1923:

„Dass die NSDAP den 9. November 1923 ausgewählt hat, ist kein Zufall“, erklärt Conze. „Es ist aus ihrer Sicht der Tag der Niederlage und des Verrats.“ Genau fünf Jahre nach Gründung des demokratischen Staates, wagen die Nationalsozialisten daher einen Umsturz-Versuch. Gemeinsam mit Weltkriegs-General Erich Ludendorff marschiert Adolf Hitler vom Münchener Bürgerbräukeller aus in die Innenstadt.

Nach einer Machtübernahme in der bayrischen Landeshauptstadt planten die Aufrührer mit den im Freistaat stationierten Reichswehr-Einheiten Richtung Berlin zu marschieren. Der Aufstand wird allerdings in München niedergeschlagen. Dennoch stehe dieser Tag „für den Aufstieg der nationalsozialistischen Bewegung“, sagt Conze.

9. November 1938:

In der „Reichskristallnacht“ kommt es im gesamten Deutschen Reich zu Ausschreitungen und Pogromen gegen jüdische Geschäfte und Synagogen ( Bild: dpa). Auslöser ist ein Attentat, das zwei Tage zuvor auf den Legationsrat der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath, verübt wird. Die Nationalsozialisten nutzen dies, um angeblich vom Volk ausgehende Übergriffe auf die Juden zu inszenieren.

91 Tote, 267 zerstörte Gotteshäuser und 7500 verwüstete Geschäfte resultieren daraus nach „offizieller“ Bilanz. Tatsächlich liegt die Opferzahl wohl noch um einiges höher. Die „Reichspogromnacht“, wie der 9. November 1938 jüngst vermehrt bezeichnet wird, ist „ein Fanal für den Antisemitismus der Nazis“, resümiert Conze. In der Geschichte des Nationalsozialismus markiere das Datum „ein ganz herausragendes Ereignis“.

9. November 1939:

Ein Jahr nach den Pogromen kommt die nationalsozialistische Führung zu einem Feiertag der Bewegung in München zusammen. Dort wird unter anderem des gescheiterten Putschs Hitlers und Ludendorffs gedacht. Am Vorabend, dem 8. November 1939, hält Hitler traditionell eine Rede im Bürgerbräukeller, die ein Schreiner namens Georg Elser zu einem Attentat nutzen will. Ziel des Anschlags ist der Tot Hitlers, der ihm laut Conze „um Haaresbreite geglückt wäre“. Wie geplant detonierte seine Bombe um 21.20 Uhr, doch Hitler hatte die Veranstaltung unplanmäßig bereits früher verlassen.

„Das zeigt, dass es eben doch Widerstandsmöglichkeiten gab“, meint der Historiker. „Und eben auch aus dem Volk heraus von Einzelnen, nicht nur durch Militärs wie beim 20. Juli 1944.“

9. November 1989:

Die Nacht, an dem die innerdeutsche Grenze ihren Schrecken verliert. „Mauerfall ist als Begriff schwierig“, meint Conze zwar, denn „die Mauer ist nicht einfach gefallen. Sie ist von Osten her eingedrückt worden.“ Darüber, dass die Mauer an jenem 9. November 1989 ihre Funktion verliert, herrscht jedoch kein Zweifel.

Nachdem SED-Funktionär Günter Schabowski im DDR-Fernsehen irrtümlicherweise verkündet hatte, die Bürger des sozialistischen Staates könnten „ab sofort“ aus diesem ausreisen, war der Ansturm auf die Grenzübergänge nicht mehr zu kontrollieren. Was folgte war ein gesamtdeutscher Freudentaumel, der letztendlich zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 führte.

„Der 3. Oktober ist ein sehr positives Datum, das den Endpunkt der gesamten Entwicklung markiert“, so Conze. Dementsprechend handele es sich um „keinen schlechten Tag“. Jedoch sei er „konzentriert auf die Wende“. Es sei daher schade, dass „die Entscheider nach der Wiedervereinigung ein bisschen Angst hatten, einen so hochkomplizierten Tag wie den 9. November angemessen zu begehen“.

„Man müsste sich Jahr für Jahr Gedanken machen“, gesteht Conze ein. Genau darin liege aber auch ein Vorteil. „Es gibt keinen anderen Tag, der so facettenreich ist“, argumentiert er. Darum könne man sicherlich „kein Jubelfest“ feiern.„Doch was gibt es Besseres als einen Tag, der die Komplexität der deutschen Geschichte so gut abbildet?“, fragt der Historiker.

An diesem einen Datum träfen drei große Thematiken zusammen: Zum einen die Freude über die Tradition der demokratischen Revolutionen in den Jahren 1848, 1918 und 1989. Zum anderen aber auch das Gedenken an die nationalsozialistischen Verbrechen – und wiederum positiv an den Widerstand gegen das Regime. Zudem vereine das Datum bezogen auf 1989 ein deutsches Fest mit einem europa- und weltweit denkwürdigem Ereignis, das auch im internationalen Kontext von hoher Bedeutung sei.

Es gebe eine Reihe von „Veranstaltungen der politischen Bildung, aber auch literarische und musikalische Möglichkeiten“, den 9. November als Nationalfeiertag angemessen zu zelebrieren. „Die Versuchung ist natürlich groß, stattdessen lieber einen ausschließlich schönen Feiertag zu nehmen“, zeigt der Historiker Verständnis. Doch in Deutschland könne man eben keinen Vergleich zu den patriotischen Events in Amerika oder Frankreich ziehen. „Die beziehen sich dort nämlich auf eine gute und schöne Geschichts-tradition der Revolutionen“, so Conze. In Deutschland aber „ist die Geschichte nun einmal nicht ungebrochen“.

von Peter Gassner

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