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Der Weg von der Erzähl- zur Dichtkunst

Kultur der Sinti und Roma Der Weg von der Erzähl- zur Dichtkunst

Der Benefizabend im Rathaus bildete den Auftakt zu einer Spenden-Aktion: Alle zwei Jahre soll ein Kind aus einer Marburger Sinti-Familie ein Stipendium erhalten.

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Sunny Franz (Violine) und Aaron Weiß (Klavier) musizierten während des Benefizabends.

Quelle: Marcus Hergenhan

Marburg. Dokumentationen und Berichte von Verfolgung, Demütigung und letztendlich sogar Vernichtung der Sinti und Roma, in Deutschland und auf der Welt, das ist, was die meisten Menschen von ihren abschätzig als „Zigeuner“ bezeichneten Mitbürgern meistens gesehen oder gehört haben. Während des Benefizabends am Mittwoch im Rathaus wollte der Antiziganismusforscher Professor Wilhelm Solms jedoch den Fokus auf einen anderen Aspekt der Kulturen der beiden fahrenden Völker lenken: „Ihre Erzähl- und Dichtkunst.“

Dabei entwickelte diese sich aber wiederum auch eben durch die anhaltende Verfolgung, derer sich die beiden seit 600 Jahren getrennt existierenden Kulturen ausgesetzt sahen.­ „Auf dem Reichstag 1498 wurden ­alle Sinti und Roma zu ,Vogelfreien‘ erklärt, waren also­ vollkommen rechtslos, jeder durfte sie misshandeln oder ­töten. Erst 1871 konnten sie die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten, jedoch kam es selbst während der demokratischen Weimarer Republik zu Gewalttaten bis hin zum Mord gegenüber fahrenden Mitgliedern“, sagte Solms. Diese Morde seien nicht gerichtlich verfolgt worden. „Durch ihre ­besondere ­Geschichte entwickelten die Sinti und Roma erst sehr spät eine schriftliche Kultur, stattdessen spielt das Geschichtenerzählen eine große Rolle, weswegen ältere Mitglieder besonders geschätzt werden“, sagte Solms zu den rund 40 Zuhörern.

Thema: Bildungschancengleichheit

Auch in der Musik, der Schauspielerei, Malerei und Bildhauerei haben sich viele Vertreter der aus Indien stammenden beiden fahrenden Völker besonders hervor getan. Um dies zu unterstreichen, steuerten die beiden ausgezeichneten Musiker Sunny Franz (Violine) und Aaron Weiß (Klavier) musikalische Beiträge zur Veranstaltung bei.

Einen weiteren Schwerpunkt des Abends stellte das Thema Bildungschancengleichheit dar, die der ehemalige Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) in seiner Eröffnungsrede betonte: „Es ist in der Politik die edelste Aufgabe, für mehr Chancengleichheit in der Gesellschaft zu kämpfen, und hier spielt die Bildung natürlich eine große Rolle. Wie die Wahl in den USA gezeigt hat, ist es sehr gefährlich, wenn sich die Menschen überhaupt nicht mehr durch das Establishment vertreten fühlen. Gerade deshalb müssen sich alle, nicht nur die SPD, einen Ausbau der Bildungsgerechtigkeit auf die Agenda schreiben.“

Während des Benefizabends wurde daher um Spenden für ein Stipendium gebeten, das alle zwei Jahre am 23. März, dem Gedenktag an die Deportation der Marburger Sinti, dem Kind einer Marburger Sinti-Familie für die Dauer von zwei Jahren verliehen wird. Diese Bildungsförderung soll jeweils zur Hälfte von der Stadt und den Marburger Bürgern getragen werden.

von Marcus Hergenhan

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