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Der Verstand ist die beste Waffe

Thema Selbverteidigung Der Verstand ist die beste Waffe

Kampfsporttrainer stehen vor einem Dilemma: Immer mehr Frauen wollen Selbstverteidigung lernen. Zunächst müssen sie den Interessentinnen erklären:  Es gibt keine Technik, kein Konzept um Massen-Übergriffe abzuwehren.

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Kirsten Voigt (52) besucht seit einem knappen Jahr den Wing Chun Kung Fu-Kurs im Kampfkunstzentrum Marburg. "Ich möchte mich wehren können, wenn mir mal was passiert", sagt sie.

Quelle: Ruth Korte

Marburg. Ob bei einer Karnevalsparty, bei einem Konzert oder bei einer Kirmes: Mittendrin ist die Stimmung meist am besten.  Seit den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln fragen sich viele Frauen: Wie reagiere ich richtig, wenn ich an der falschen Stelle mittendrin bin? Könnte ich mich wehren? Das Thema Selbstverteidigung ist in der Öffentlichkeit präsent (siehe Bericht von Donnerstag). Sabine Streubel (50) erklärt bei einer OP-Straßenumfrage: „Köln, Stuttgart, Frankfurt – seitdem dies an Silvester passiert ist, fühle ich mich nicht mehr so sicher wie vorher.“ Ihre 17-jährige Tochter hat sich auch vorher schon nicht allein im Dunkeln wohl gefühlt, wie sie sagt, das habe nichts mit den Überfällen zu tun. Das Empfinden ist subjektiv, Fakt aber ist:  Viele Fitnessstudios und Kampfsportschulen haben derzeit eine erhöhte Nachfrage nach Selbstverteidigungskursen, wie eine Umfrage der OP unter Anbietern ergab.

„Wir haben eine Steigerung um 100 Prozent und werden ab Februar zusätzliche Kurse anbieten“, sagt zum Beispiel Holger Platt, Inhaber der Kampfsportschule Gladenbach. Auch Tanja Groher vom Marburger Fitnessstudio „Move“ sowie die WingTsun-Akademie „My“ in Marburg berichtet von zusätzlichen Kampfsport-Kursen, die aufgrund steigender Nachfrage jetzt beginnen. Unter den Interessenten sind Schülerinnen, junge Frauen, aber auch Rentnerinnen, berichten die Trainer.  Sportliche und unsportliche Frauen wollen Techniken lernen, um sich bei einem Angriff zu schützen.

Kampfsportlehrer sind sich jedoch einig: Es ist nicht möglich, die Fähigkeit der Selbstverteidigung, die in einer jahrelangen Ausbildung vermittelt wird, in wenigen Stunden zu zeigen. „Die eine Antwort gibt es nicht und es wäre äußerst unprofessionell einen Tipp als Dogma für dieses Problem zu präsentieren“, erklärt die WingTsun-Akademie „My“ schriftlich auf Anfrage. Es lasse sich nicht verallgemeinern, was die Gefahr in einer Menschenmasse sei.

„Nur ein nicht geführter Kampf ist ein gewonnener Kampf"

Kai Spintig und Andreas Zerndt, die seit mehr als 20 Jahren das Kampfkunstzentrum in Marburg leiten, warnen vor dem Gefühl der trügerischen Sicherheit. „Auf Situationen wie in Köln kann man sich nicht vorbereiten“, sagt Spintig.
Wenn sechs Männer um eine Frau stehen, könne sie sich nicht wehren oder fliehen. In einem

Selbstverteidigungskurs können 1:1-Situationen trainiert werden, wo nur der Kampf mit einem Angreifer simuliert werde. „Nur ein nicht geführter Kampf ist ein gewonnener Kampf“, zitiert Zerndt asiatische Kampfkunstregeln. Sprich: Situationen, die unübersichtlich sind, sollten gemieden werden.

Auch empfehlen die Experten die Raumkontrolle: Wie kann ich den Raum, die Wände, die Möbel nutzen, um mich von einer möglichen Gefahr schnell wegzubewegen? Der Blick dafür wird geschärft, die Fluchtbewegung geübt. „Kondition und Grundkraft sind wichtig“, sagt Spintig. Auch die psychische Belastbarkeit wird trainiert. Wie schnell reagiere ich bei Schmerz und Erschöpfung? „Ich gehe auch nur ins Wasser, wenn ich schwimmen kann“, sagt Spintig und warntUngeübte davor, sich mit neu erlernten Kampftechniken,  Pfefferspray oder gar Waffen zu verteidigen.

Spintig und Zerndt sind außerdem der Ansicht, dass Selbstverteidigungskurse, die nur für Frauen angeboten werden, nicht effektiv sind. Frauen, die Nahkampf-Situationen mit Männern üben, lernen den Umgang mit anderen Stresssituationen. Schweiß, Geruch, körperliche Statur sind im Nahkampf wichtige Faktoren, erklären sie. Für Holger Platt aus Gladenbach sind die derzeitigen Anfragen nach Kursen Anlass, um über neue Konzepte nachzudenken. „Wir, die wir seit Jahren Selbstverteidigung anbieten, müssen umdenken“, sagt er. In der klassischen Selbstverteidigung gibt es laut Platt kein Training gegen Grabscher. Die Silvesternacht erfordere neue fachliche Konzepte.
Tipps, die Experten aus den von der OP befragten Kampfsportschulen geben:

  • Wo sind Fluchtmöglichkeiten und Notausgänge?
  • Wo steht der Sicherheitsdienst, wo Polizei?
  • Würde ich die Gruppe – zum Beispiel alkoholisierte Karnevalisten – meiden, wenn ich mit meinem Kind dort wäre? Wenn ich diese Frage mit Ja beantworte, sollte ich diese Gruppe auch ohne Kind meiden.
  • Wenn Sie in einer Gruppe mit Freunden unterwegs sind, bleiben Sie zusammen.
  • Ego abstellen: Wenn die Flucht möglich ist, ziehen Sie dies der körperlichen Selbstverteidigung vor.
  • Sollte es zum Angriff kommen, sagen Sie, dass die Polizei informiert ist.
  • Gelassen reagieren und das Gespräch suchen, wenn die Flucht nicht möglich ist.

von Anna Ntemiris
und Salome Fischer

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