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Der Tröster auf vier Pfoten

Schulhund Sky Der Tröster auf vier Pfoten

Er lobt nicht. Er tadelt nicht. Er fordert nicht. Und er bewertet nicht. Kein Lehrer, wie er im Buche steht. Dafür einer, der bei den Schülern voll akzeptiert ist. Ein Lehrer auf vier Pfoten.

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Border Collie Sky sucht den Kontakt zu den Schülern.

Quelle: Marie Lisa Schulz

Marburg. Manchmal wandert seine Hand nach unten. Suchend. Tastend. Immer dann, wenn er  auf dem Bleistift herumzukauen beginnt, seine Gedanken auf Reise gehen. Wenn die Zahlen vor seinen Augen zu verschwimmen drohen, er sich nicht mehr konzentrieren kann. Und dann – manchmal – wird sie angestupst. Die suchende Hand. Seine Finger vergraben sich in warmen Fell. Streicheln automatisch. Eine Szene, die in der Klasse von Matthias Schüssler Alltag ist. Eine stille, unaufgeregte Szene, die der Lehrer dennoch aus dem Augenwinkel registriert. Manchmal sogar bewusst initiiert. Dann, wenn er seinen Hund Sky gezielt zu einem der Schüler schickt. Ihn als Tröster und Freund einsetzt. Sky ist ein Border Collie. Ein bereits leicht angegrauter. Er ist nicht mehr der Jüngste. Dafür aber ausgestattet mit der Gelassenheit eines erfahrenen Seniors.  Einer, der erst im Alter von acht Jahren vom normalen Familienhund zum Schulhund wurde.

Sky wird akzeptiert

Seine Anwesenheit allein ist es, die die Schüler ruhiger werden lässt. Sky mag eben keinen Lärm. Das wissen sie. Das akzeptieren sie. Sky mag es auch nicht, von mehreren Händen gleichzeitig gestreichelt zu werden.  Auch das wissen sie. Auch das akzeptieren sie. Mit dem Hund in ihrem Klassenraum sind auch die Regeln eingezogen. Verbindliche Regeln. Solche, an die sich die Schüler von Matthias Schüßler gern halten. „Wenn man gerade mit den Gedanken abschweift, dann kommt Sky und sucht den Kontakt. Wenn man es nicht möchte, kann man ihn wieder wegschicken“, erklärt einer der Schüler, während sich seine Hände im dichten Hundefell vergraben. Heute möchte er. „Wir haben durch ihn eine bessere Atmosphäre“, fügt der Schüler hinzu.
Doch was muss er können? Der Schulhund? Wohl mehr, als freundlich sein und mit dem Schwanz wedeln. Besitzer und Hundeführer Matthias Schüßler weiß, dass es damit nicht getan ist. „Ich habe schon im privaten Bereich gemerkt, dass Sky gut auf Kinder reagiert.“ In stressigen Situationen bleibt er ruhig. In angespannten Situationen schafft er Entspannung.
Ausbildung von Hund und

Herrchen zahlt die Schule

Trotzdem mussten Hund und Herrchen eine Ausbildung absolvieren. Finanziert durch Fördergelder der Schule. Unterstützt und getragen durch alle Kollegen. Schließlich muss Schulhund Sky nicht nur von den Schülern sondern auch von den Lehrern akzeptiert werden. „Ich musste während der Ausbildung vieles lernen. Unter anderem auch die Signale des Hundes richtig zu verstehen“, erklärt Matthias Schüßler. Denn auch Sky braucht seine Auszeiten. Wenn er sich auf seine Decke unter dem Schreibtisch zurückzieht, wissen auch die Schüler: Jetzt braucht er Ruhe.

„Bisher gab es aber noch keinen Tag, an dem Sky zu Hause bleiben wollte. Ich habe mit ihm einen Glücksgriff gemacht. Sky freut sich über alles. Sonst wäre das alles nicht so geschmeidig.“
Schüßler selbst unterrichtet in einer Klasse, in der er häufig mit Schülern zu tun hat, die „gravierende Probleme mit dem Einhalten von Regeln haben“.  Schüler, die gerade mitten in der Pubertät stecken. Manchmal nicht wissen, wohin mit ihren Emotionen, wohin mit ihrer Kraft. „Ich nutze das Gespräche über den Hund, um den Schülern klarzumachen, wie sie auch untereinander gut auskommen“, erklärt Schüßler.  Denn der richtige Umgang mit dem Hund hat auch etwas mit Verbindlichkeit  zu tun.  Sky ist mehr als ein Helfer beim Einhalten von Regeln. Er kann das leisten, wozu ein Lehrer manchmal nicht befähigt ist. Er kann Trost spenden. Nicht durch warme Worte, wohl aber durch seine Anwesenheit.

Integrationshelfermit kalter Schnauze

„Selbst wenn ich einen Schüler schon länger kenne, kann ich ihm nicht mal über den Rücken streicheln, wenn er weint. Ich kann ihm zwar sagen, dass ich unterstützend hinter ihm stehe, es aber nicht wirklich zeigen.“ Mit dem Hund im Klassenraum hingegen könne eine Brücke zwischen Lehrer und Schüler gebaut werden. Das Anfassen des Hundes, das Streicheln – es kann sich beruhigend auf die Schüler auswirken. Und manchmal, da spendet der Rüde auch Mut. Zuversicht. Das Gefühl „du bist nicht allein.“ Dann, wenn Schüßler mit einzelnen Schülern zum Vier-Augen-Gespräch vor die Tür geht. Meist nachdem ein Konflikt in der Klasse zu eskalieren drohte. Sky ist immer dabei. Sitzt dicht ans Bein gepresst. Nicht am Bein seines Herrchens, sondern auf der Schülerseite. Mit Sky an ihrer Seite fühlen sie sich nicht allein gelassen. Einfach sicherer.

Aber noch etwas garantiert der Hund: Gesprächsstoff. Eine Tatsache, die auch Schulleiter Edgar Sachse festgestellt hat. „Wir sind eine Durchgangsschule“, erklärt er. Es herrsche eine ständige Fluktuation. Manche Schüler seien für mehrere Monate, andere nur für wenige Wochen in der Klasse. Ein fester Klassenzusammenhalt? Fehlanzeige. Wie auch? Der Hund verbindet.  Schafft Gemeinsamkeit. „Wir versuchen den Kindern so viel Normalität und Alltag wie möglich zu bieten“, fügt Sachse hinzu. Und um Normalität zu erzielen, müsse man eben auch ungewöhnliche Wege gehen. Das Kollegium erweitern. Um einen Vierbeiner mit kalter Schnauze und großem Herz.

von Marie Lisa Schulz

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