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Der Traum vom eigenen Haus lebt

Miro-Kinderheim in Kenia Der Traum vom eigenen Haus lebt

Angst vor Unruhen, bewegende Schicksale, ein eitriger Abszess und doch  viel Spaß: OP-Redakteurin Nadine Weigel berichtet von ihrem Besuch im kenianischen Miro-Kinderheim im März.

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Mombasa. 40 Grad Temperaturunterschied. Ich geh kaputt. Zehn Stunden zuvor noch im Schneesturm gebibbert, jetzt rinnt mir der Schweiß in Strömen. Die Sonne knallt vom Himmel, die Luft ist heiß und feucht. Ganz spontan bin ich nach Kenia geflogen. Keiner ahnt etwas, als ich in sengender Hitze ans Tor des Kinderheims klopfe. Drinnen höre ich helle Kinderstimmchen. Die kleine Lea schaut um die Ecke, grinst und rennt weg. Tolle Begrüßung. Aber die Dreijährige will natürlich als Erstes Mama Josephine von dem überraschenden Besuch erzählen. Heimleiterin Josephine Mutisya staunt nicht schlecht. Schließlich haben wir vor wenigen Tagen erst telefoniert.

Im Haus, in dem die Miro-Kinder seit einem Jahr leben, wickelt eine Hausmutter gerade Gift. „Gift“ bedeutet Geschenk auf Englisch. So hat ihn Josephine genannt, als ihn das Jugendamt ins Heim brachte. Damals war der heute  acht Monate alte Junge in einem erbärmlichen Zustand. Seine Mutter hatte ihn kurz nach der Geburt einfach weggeworfen. Er war völlig ausgehungert. Ameisen hatten sein Gesicht angefressen. Davon ist nun nichts mehr zu sehen, er hat sich gut erholt. 

Nur die Jüngsten sind da. Die älteren Kinder gehen seit wenigen Tagen wieder in die Schule. Aufgrund der Präsidentschaftswahl waren sie die vergangene Woche Zuhause. Überall im Land waren die Schulen vorübergehend geschlossen. Aus Sicherheitsgründen. Denn bei den letzten Wahlen 2007 kam es zu massiven ethnischen Unruhen. Damals stand Kenia kurz vor einem Bürgerkrieg. 1200 Menschen wurden getötet, Hunderttausende vertrieben. Diesmal ist es relativ ruhig geblieben.

Allerdings kam es am Wahltag in Mombasa zu Auseinandersetzungen, bei denen 15 Menschen getötet wurden.  „Wir hatten sehr viel Angst, dass es wieder so schlimm wird“, sagt Josephine und erzählt, dass sie sich mit den Kindern im Heim verschanzt, sich vorher mit Lebensmitteln eingedeckt und den Wachdienst fürs Haus verdoppelt hatte. Doch glücklicherweise blieb die befürchtete Wiederholung der Gewaltexzesse aus. Es ist 17 Uhr, eine der Hausmütter hat die Schulkinder  vom Bus geholt – und verraten, dass ich da bin. Von weitem höre ich aufgeregte „Ladine-Ladine”-Rufe. Aha, viele der Kinder beherrschen meinen Namen also immer noch nicht richtig. Macht nix. Ich freu mich trotzdem, als sie mir der Reihe nach jubelnd in die Arme fallen.

 

Es hat sich viel getan, seitdem die Ärztin Dr. Vera Fleig und ich während einer gemeinsamen Reise zum ersten Mal auf das Waisenhaus aufmerksam wurden. Damals, im Februar 2010, waren alle Kinder krank und mangelernährt. Sie wohnten in einer heruntergekommenen Baracke ohne Strom und fließendes Wasser. Die hygienischen Zustände waren erschreckend. Ohne finanzielle Unterstützung war es Josephine kaum möglich, die schwer traumatisierten Kinder adäquat zu versorgen. Durch die Unterstützung zahlreicher Menschen aus dem heimischen Landkreis hat sich das Leben der mittlerweile 23 Kinder zum Besseren gewandt. Liebevoll kümmern sich Josephine, drei Hausmütter und ein Koch um das Wohlergehen der Kinder, die auf Müllkippen gefunden, die verstoßen wurden oder verwaist sind.

Mit zum Heimalltag gehören regelmäßige Besuche im Krankenhaus: Sechs Kinder haben wir wenige Tage nach meiner Ankunft ins Auto gepackt und sind ins Krankenhaus gefahren. Gut, dass Josephine vor kurzem einen Siebensitzer von einem amerikanischen Spender gesponsert bekommen hat. Endlich hat das Miro-Heim ein Auto, mit dem ein Teil der Kinder sicher transportiert werden kann. Bislang musste Josephine, wenn zum Beispiel medizinische Notfälle waren, ein Taxi bestellen oder sich mit den Kindern in einen der öffentlichen Kleinbusse quetschen. Das hat stets kostbare Zeit gestohlen.

Erste Patientin ist Abby. Sie hat einen Tischtennisball großen Abszess am Kopf. Die Dreijährige weint, als der Arzt mit einem Skalpell in die Eiterbeule sticht. Vor wenigen Tagen noch hatte sie nur eine winzige Schramme an der Stirn, aber in dem feuchten Klima hier entzünden sich kleine Wunden rasant. Doch Abby wird gut versorgt und ein Lolly lässt den Schmerz schnell vergessen.

Patienten Nr. 2 und 3 sind Moses und Blessing. In der orthopädischen Abteilung des Krankenhauses bekommen die beiden Physiotherapie. „Heute machen wir ernst”, sagt Nyota Munyaka und hievt Moses lachend auf den Behandlungstisch. Der Zweieinhalbjährige kann immer noch nicht stehen – geschweige denn laufen. „Sein Rücken hat sich nicht gerade entwickeln können”, erklärt der Therapeut. Der Grund: Mangelernährung. Moses kam mit eineinhalb Jahren ins Miro-Kinderheim. Er war nur noch Haut und Knochen. Mit Spezialnahrung hat sich sein Zustand mittlerweile zwar verbessert, aber trotzdem leidet er an den Folgen der Mangelernährung. Er hat Rachitis. Aufgrund des Calciummangels sind seine Knochen wie aus Gummi. Moses’ Wirbelsäule ist völlig verkrümmt, er kann sich nicht gerade halten. Deshalb soll er ein Korsett bekommen, das ihm eine aufrechte Haltung ermöglicht. „Sein Rücken wird sich stabilisieren und er wird sicher irgendwann auch laufen können”, prognostiziert Munyaka.

Der Physiotherapeut hat schon wahre Wunder vollbracht. Denn auch Blessing konnte lange nicht  laufen. Heute hüpft die Dreijährige wild durch die Gegend – allerdings auf krummen Füßen. Eine Schiene soll nun helfen, die kleinen Füßchen zu begradigen. Gleich neben dem Therapieraum werden solche Schuhe hergestellt. Mit einfachsten Mitteln. Aus Kunststoffschalen, Lederstücken und Leim bastelt der Experte die Schiene zusammen. „Sieht simpel aus, ist aber genau angepasst und wird helfen”, sagt der Physiotherapeut. 

Am nächsten Tag sind wir wieder mit dem Auto unterwegs. Vorbei an Müllwiesen, auf denen unterernährte Kühe grasen, fahren wir nach Mikinbani. „Wir machen einen Überraschungsbesuch”, erklärt Josephine und zeigt mir das Bild eines Babys. Sein Name ist Favour, zwei Monate lebte das kleine Mädchen im Miro-Kinderheim. Sie war wenige Tage alt, als sie gefunden wurde. In einem Müllcontainer, eingewickelt in eine Plastiktüte. Als Männer den Müll nach Brauchbarem durchwühlten, fing das kleine Bündel Mensch plötzlich an zu wimmern. Ihr Glück. Man brachte sie ins Krankenhaus und anschließend ins  Miro-Kinderheim.

Dort waren allerdings bereits drei Babys untergebracht – und damit die Kapazitäten erschöpft. „Aber ich hätte sie doch nicht ablehnen können, was hätte dann aus ihr werden sollen?”, erinnert sich Josephine. Wochenlang suchte das Jugendamt nach einer anderen Möglichkeit – und fand diese in Thareigter Munyao und ihrem Lebensgefährten. Das Paar versucht seit Jahren, eigenen Nachwuchs zu bekommen. Vergebens. Nun haben sie Favour als Pflegekind aufgenommen. Sie leben in einer kleinen Wohnung mit fließend Wasser und Strom, im Fernseher läuft die Weihe des neuen Papstes in Rom als wir eintreten. Der Familie geht es besser als den meisten Kenianern. Laut der aktuellen Weltbank-Statistik lebt mehr als 45 Prozent der kenianischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze – und haben somit weniger als einen Euro am Tag zur Verfügung.

Pflegemutter Thareigter betreibt einen kleinen Haarsalon, ihr Freund arbeitet am Hafen. Ein Glücksfall, denn in Kenia sind mehr als 40 Prozent der Bevölkerung arbeitslos. Laut Jugendamt mitunter ein Grund, warum so viele Kinder ausgesetzt werden. In Mombasa werden im Monat rund zehn Kinder aufgefunden. Regelmäßig steht das Jugendamt mit hilflosen Kindern vor dem Tor des Miro-Heims. Doch unsere finanziellen Möglichkeiten sind begrenzt, vor allem, weil wir rund 350 Euro Miete zahlen müssen. Wir hoffen, dass wir irgendwann genug Geld gesammelt haben, um den Kindern ein Heim bauen zu können, damit wir nicht Miete zahlen müssen und unabhängig sind. „Es wäre toll, irgendwann eine Farm zu haben, wo wir Gemüse anbauen, Hühner halten und uns selbst versorgen können“, sagt Dr. Vera Fleig. So lange das aber noch nicht der Fall ist, sind wir froh, dass das Jugendamt solche Pflegeeltern findet.

Favour geht es gut, sie ist kugelrund und gluckst zufrieden. „Es ist so schön mit ihr”, strahlt die Pflegemutter und küsst das Baby auf die Stirn. Von nun an wird Josephine regelmäßig nach dem Rechten schauen. Läuft alles gut, kann die Pflegschaft alle drei Jahre erneuert werden. 
 Zurück im Heim: Während der Koch das Abendessen zubereitet, eine Hausmutter den Boden schrubbt, machen die Kinder Hausaufgaben. Die finanzielle Unterstützung aus Deutschland ermöglicht nicht nur die kostspielige Behandlung im Krankenhaus sondern eben auch den Besuch einer Privatschule. Sie lernen unter anderem Kisuaheli, Englisch und sogar  Deutsch.  Joshua ist als Erster fertig. Stolz lässt er mich die Aufgaben abzeichnen. „Wie geht es dir?”, fragt mich der Siebenjährige plötzlich auf deutsch und grinst. Rebecca steht daneben und versucht, die Worte nachzusprechen. Klappt noch nicht so gut. Aber sie lacht und teilt lautstark auf englisch mit: „Nächstes Jahr kann ich das auch!“ Dann hat auch sie Deutschunterricht.

von Nadine Weigel

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