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Der Traum vom Leben in Eigenregie

Altenhilfe in Marburg Der Traum vom Leben in Eigenregie

Die Bevölkerung wird immer älter, die Ansprüche an ein selbstbestimmtes Leben wachsen. Moderne Wohnformen statt Altenheim. Marburg geht mit gutem Beispiel voran.

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Pflege und Wohnen in einem: Im Altenzentrum Stiftung St. Jakob können Senioren selbstbestimmt leben und auf die ambulanten Dienste zurückgreifen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Lebten im Jahr 2009 bundesweit 4,1 Millionen Menschen, die über 80 Jahre alt waren, so prognostizieren Experten bis 2030 einen Zuwachs auf 6,4 Millionen. Bei den Pflegebedürftigen, so die Hochrechnung, wächst die Zahl von 2,2 Millionen (2007) auf 3,4 Millionen (2030).

Das verdeutlicht: die Nachfrage an Versorgungsleistungen nimmt zu, der Wille nach Selbstbestimmung aber ebenso. Stationäre Einrichtungen sind bei Menschen über 65 Jahre keine Alternative. Sie wollen so lange es geht in den eigenen vier Wänden bleiben. Sich nicht vorschreiben lassen, wann es Essen gibt, wann das Licht gelöscht wird, wann sie zu Hause zu sein haben. Für die Altenpflege bedeutet dies: Umdenken, Konzepte entwickeln, Alternativen prüfen. Marburg ist in diesem Prozess, so geht es aus der Anfrage hervor, bereits gut aufgestellt - zumindest was die Erkenntnisse und Planungen im Rahmen des demografischen Wandels angeht. Im Alltag sieht die Situation noch so aus: „Derzeit gibt es einen großen ungedeckten Bedarf an für ältere, behinderte und pflegebedürftige Menschen geeignetem Wohnraum“, heißt es in der Antwort von Stadträtin Kerstin Weinbach.

Anders das Bild bei der stationären Versorgungen. Hier besteht im gesamten Landkreis eine Bedarfsdeckung um die 95 Prozent. Mit 757 Pflegeplätzen herrscht derzeit gar eine Überkapazität für die Altersgruppe über 65. Fazit: „Während es in Marburg keinen pauschalen Bedarf zur Steigerung von Pflegeheimkonzepten gibt, besteht jedoch ein Mangel an spezifisch stationären beziehungsweise ambulanten Plätzen.“

Pflegeheime mutieren also zum Auslaufmodell. Das verdeutlicht Dr. Petra Engel von der Stabsstelle Altenplanung. Ein Grund: die Menschen bleiben länger gesund, wollen sich frei bewegen, in einem Umfeld, das sie kennen. Zudem habe die technische Entwicklung dazu beigetragen, den ambulanten Dienst zu vereinfachen. Es müssen keine komplizierten Techniken in den Wohnungen installiert werden wie es noch früher der Fall war. Das Gesamtziel lautet: Selbstbestimmtes Wohnen mit Versorgungssicherheit.

Aufgabe sei es, interdisziplinäre Angebote und Wohnformen zu schaffen. Mehrgenerationenhäuser, Wohngemeinschaften, die von Pflegedienstleistern betreut werden, Orte der Begegnung statt Ausgrenzung. Und das quartiersbezogen, also für jeden Bedürftigen gut erreichbar. Das soll ein Leben in der gesellschaftlichen Mitte garantieren. Nicht am Rand.

Eine Alternative, die bei vielen Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen noch nicht bekannt sei, ist die Einrichtung der Tagespflege. „Hier gibt es eine große Informationslücke“, sagt Petra Engel. Besonders zur Frage der Finanzierung. Denn, darauf verweist die Expertin, die Leistungen können mit der Pflegekasse abgerechnet werden. Die Vorteile liegen auf der Hand: Nimmt die Nutzung der Tagespflege zu, so heißt es in der Erklärung, könne so oft Heimpflegebedürftigkeit vermieden oder hinausgezögert werden.

Aktuell bieten das Altenhilfezentrum „Auf der Weide“ 16 Plätze bei einer Ausnutzung in 2011 von knapp 74 Prozent an. Die AurA (Aktives und rüstiges Altern) stellt 14 Plätze, die im Durchschnitt zu 85 Prozent ausgelastet sind.

Die Zukunft der Altenpflege sehen die Experten in der Ambulanz. Dafür müssen Infrastrukturen geschaffen werden. In erster Linie barrierefreier oder -armer Wohnraum, der sich an sozial verträglichen Mietpreisen orientiert. Die Dienste sind im Landkreis aktuell ausreichend vorhanden. Alleine in Marburg gibt es keinen Stadtteil, der nicht mindestens von zwei Dienstleistern angefahren wird. Insgesamt gibt es 50 Anbieter, die nach letzten bekannten Zahlen von 2007 genau 1692 Personen ambulant gepflegt haben.

Mustergültiges Beispiel in der Sudetenstraße

Ein bisher nichtbeachtetes Problem: Pflegebedürftige mit Migrationshintergrund, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Alleine in Hessen haben von den sechs Millionen Einwohnern knapp 1,5 Millionen ausländische Wurzeln. 8,4 Prozent von ihnen sind älter als 65 Jahre, im Landkreis Marburg -Biedenkopf liegt die Zahl bei 1523 Menschen. Einen Pflegedienst, der kulturspezifisch ausgerichtet ist, gibt es nicht. Die Pfleger wissen sich aber dennoch zu helfen. Mit nonverbaler Kommunikation werden die Patienten gut versorgt, so steht es im Bericht. Die Marburger Altenhilfe St. Jakob betreut aktuell vier Senioren mit Migrationshintergrund.

Ein Musterbeispiel für ein modernes Wohnkonzept soll in der Sudetenstraße 24 auf dem Richtsberg entstehen. Die Planungen für den Um- und teilweise Neubau laufen seit eineinhalb Jahren. In dem Hochhaus sollen quartiersbezogen, gemeinschaftlich und generationsübergreifend gelebt und gewohnt werden. Mit einem Dringlichkeitsantrag fordern Grüne und SPD den Magistrat auf, die konzeptionelle Planung für das Projekt „Wohnen mit Hilfe und Ausblick“ vorzulegen. So schnell wie möglich. In diesem Haus kommen dann stationäre Pflege, Anlauf- und Beratungsstelle sowie sozialverträglicher Wohnraum für Studenten als auch für Senioren zusammen. Mit dem Antrag wollen die Stadtverordneten ein Signal in Richtung Aufsichtsrat des Altenhilfevereins schicken, der im März unter Leitung von OB Vaupel (SPD) zur Sitzung zusammenkommt. Der Oberbürgermeister verdeutlicht: „Dieses Projekt ist ein Schritt in die nächsten Jahrzehnte.“

von Carsten Bergmann

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