Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 5 ° Regen

Navigation:
Der Stein und der Dolchstoß

Marburger Jäger Der Stein und der Dolchstoß

Eine gemeinsame Aufarbeitung der Geschichte der Marburger Jäger wird es nach Lage der Dinge nicht geben.

Voriger Artikel
Vaupel sagtendgültig Nein
Nächster Artikel
Breite Mehrheit für Breitband-Konzept

Das Archivbild zeigt eine Demo am Kriegsdenkmal in Bortshausen. Im Streit über den Stein entstand die Idee der Geschichtswerkstatt-Ausarbeitung.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Es war ein Versuch: Zur Präsentation der Studie „Zur Geschichte und Nachgeschichte der Marburger Jäger“ war auch die „Kameradschaft Marburger Jäger“ eingeladen. Man wollte miteinander ins Gespräch kommen, Möglichkeiten ausloten, um gegebenenfalls die Geschichte der Marburger Jäger gemeinsam aufzuarbeiten.

Der Versuch ist gescheitert: Der Vertreter der Kameradschaft, ein nicht näher vorgestellter Mensch namens Pilz, eigens von außerhalb angereist, machte in seinem Redebeitrag deutlich, dass es seiner Organisation nicht darum geht, sich auch kritisch mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.

Ergebnisse der Geschichtswerkstatt zusammengefasst:

Die Ausarbeitung wurde von der Geschichtswerkstatt im Auftrag der Stadt Marburg herausgegeben. Ihre Autoren hatten zunächst drei Schlaglichter auf die Geschichte der Marburger Jäger geworfen:

1. Die Rolle der Marburger Jäger bei der Niederschlagung der Pariser Kommune 

Albrecht Kirschner hatte in seinem Beitrag die Rolle der Marburger Jäger bei der Niederschlagung der Pariser Kommune beleuchtet. Nach dem Sieg Deutschlands über Frankreich 1871 beteiligte sich das Marburger Jäger-Bataillon an der Niederschlagung der „Pariser Kommune“. Marburger Soldaten schossen auf Flüchtende oder hinderten sie an der Flucht, berichtete Kirschner, der zu dem Schluss kam: „Die Marburger Jäger waren sicher keine der SS vergleichbare Organisation, aber sie waren eben auch kein Verein für Briefmarkenfreunde.“

2. Die Rolle von Marburger Jägern bei einem Massaker in Dinant

Klaus-Peter Friedrich beleuchtete die Rolle von Marburger Jägern bei einem Massaker an der Zivilbevölkerung in der belgischen Kleinstadt Dinant 1914 und wies deren aktive Beteiligung bei der Ermordung von Zivilisten nach. Die Quellenlage lässt da kein anderes Urteil zu - wie im übrigen auch nicht bei der Bewertung der Rolle der Marburger Jäger bei der Niederschlagung eines Bergarbeiteraufstands 1919 im oberschlesischen Königshütte.

3. Der Einsatz für das Wiedererstarken des Militarismus

Thomas Werther ­befasste sich mit der Traditionspflege der Kameradschaft Marburger Jäger seit Ende des Ersten Weltkriegs und dokumentierte deren Einsatz für das Wiedererstarken des Militarismus vor 1933 bis zur Zusammenarbeit mit anderen Traditionsverbänden im Gefolge der Wehrmachtsausstellung in den 90er Jahren, als die Kameradschaft gegen „Laumänner und Weichspüler“ zu Felde zog.

Unbekannter Pilz redet vom Dolchstoß

Pilz machte sich in seiner Entgegnung nicht einmal die Mühe, die Erkenntnisse der Geschichtswerkstatt zu widerlegen. Er bediente sich stattdessen dreier methodischer Tricks, die gern auch von Rednern aus dem äußersten rechten Spektrum angewandt werden:

Pilz bezeichnete die Autoren der Studie herabsetzend wahl- und wechselweise als Linksextreme, Pazifisten oder Antifaschisten und sprach ihnen daraus schlussfolgernd die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit ab.

Pilz charakterisierte die von den Vertretern der Geschichtswerkstatt aufgeführten Beispiele als „Operationen im urbanen Umfeld“ und damit als besonders gefährlich, weil man es mit Freischärlern oder Partisanen zu tun gehabt habe. „Heute muss die Bundeswehr in Afghanistan unter gleichen Umständen kämpfen“, sagte Pilz, um hinzuzufügen: „Wer sich nicht gegen die Verunglimpfung der Marburger Jäger wehrt, ist mit Schuld an den toten Bundeswehrsoldaten in Afghanistan.“ Diese Argumentation ist in der politischen Auseinandersetzung seit knapp 100 Jahren unter dem Begriff „Dolchstoßlegende“ bekannt.

Nach dem Motto: „Was damals recht war, darf heute nicht unrecht sein“

Pilz fordert, historische Ereignisse nicht im Licht neuerer Erkenntnisse und heutiger moralischer Grundüberzeugungen zu bewerten. „Wer die Geschehnisse mit Völkerrechts- und Menschenrechtskriterien beurteilt, wird der Leistung früherer Generationen nicht gerecht“, sagte er. Auch dies ein beliebtes Argumentationsmuster, das nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Tenor: „Was damals recht war, darf heute nicht unrecht sein“ zur Verniedlichung von Gräueltaten herangezogen wurde.

So kam's zur Geschichtswerkstatt

Die Präsentation der Studie hat eine lange Vorgeschichte: Vor knapp zwei Jahren baute die Traditionsgemeinschaft Marburger Jäger einen alten Gedenkstein auf einem Privatgrundstück in Bortshausen auf. Kritiker sehen in ihm ein Kriegsdenkmal und erinnern an die Geschichte der Traditionsgemeinschaft. Das Stadtparlament beschloss, die Geschichtswerkstatt mit der am Mittwoch vorgestellten Studie zu beauftragen. Indes steht der Stein in Bortshausen trotz eines gegenteiligen Beschlusses immer noch.

von Till Conrad

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Deutsche Kriegsverbrechen in Namibia
Karsten Engewald zeigt Dr. Olga Karumuao aus Namibia das Kriegerdenkmal in Bortshausen. Sie ist entsetzt.

Dr. Olga Karumuao (57) ist eigens nach Marburg gereist, um das Denkmal zu sehen, mit dem auch der Soldaten gedacht wird, die an dem Völkermord an den Herero 1904 bis 1908 beteiligt waren.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr