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Der Spielraum zwischen Leben und Tod

Sterbebegleitung Der Spielraum zwischen Leben und Tod

Soll und darf man, aktiv oder passiv, Menschen beim Sterben helfen, wenn diese es wollen? Eine schwierige Frage, über die Vertreter von Politik, Medizin und Kirche in Marburg diskutierten.

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Dr. Carsten Paul (von links), Vizepräsident am Landgericht Marburg, Bundestagsabgeordneter Michael Brand, Koordinator der CDU/CSU-Fraktion zum Gesetzentwurf zur Sterbebegleitung, der heimische CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Stefan Heck, Hermann Köhler, Dekan des Kirchenkreises Kirchhain, und Dr. Jörg Schwab, Chefarzt der geriatrischen Abteilung am Diakonie-Krankenhaus in Wehrda, diskutierten über Sterbebegleitung.

Quelle: Manfred Schubert

Marburg. Im November will der Bundestag ein Gesetzespaket zu Sterbehilfe und Sterbebegleitung verabschieden, das auch die Palliativ- und Hospizversorgung auf eine neue Grundlage stellen soll. Man brauche eine breite Diskussion in der Gesellschaft zu diesen Themen, „die weit über diese politische Entscheidung hinaus beschäftigen werden“, betonte der Bundestagsabgeordnete Michael Brand, Koordinator der CDU/CSU-Fraktion zum Gesetzentwurf zur Sterbebegleitung.

Auf Einladung des heimischen CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Stefan Heck, der die Moderation übernahm, diskutierten im Technologie- und Tagungszentrum vor 70 Zuhörern aus dem ganzen Landkreis Dr. Carsten Paul, Vizepräsident am Landgericht Marburg, Hermann Köhler, Dekan des Kirchenkreises Kirchhain, und Dr. Jörg Schwab, Chefarzt der geriatrischen Abteilung am Diakonie-Krankenhaus in Wehrda. Sie beleuchteten gesellschaftliche, juristische, ethische und medizinische Aspekte - und etliche Zuhörer meldeten sich sehr engagiert, teils mit recht persönlichen Beiträgen, ebenfalls zu Wort.

„Sterben nicht durch die Hand eines anderen Menschen, sondern an der Hand eines anderen Menschen“, so laute die Zielsetzung in der fraktionenübergreifend zusammengesetzten Bundestagsgruppe, der er angehöre, erklärte Brand. Die Beihilfe zur Selbsttötung solle straffrei bleiben, lediglich die geschäftsmäßige, organisierte Suizidbeihilfe, „Geschäfte mit dem Tod“, wolle man verbieten. Mindestens genauso wichtig wie die Frage der rechtlichen Regelung, darunter der Stopp von Missbrauch, sei ihm der Ausbau von Hilfen wie Palliativmedizin, Geriatrie und Hospizen. Oft hänge es von der „Tagesform“ ab, dass ein Mensch den Wunsch zu sterben entwickle, der hingegen gar nicht erst aufkomme, wenn ihm Hilfen geboten würden, die belastende Umstände leichter machten. Letztlich gelte es, im Blick zu behalten, dass aus „Beihilfe“ ganz schnell „Tötung auf Verlangen“ werden könne. Es dürfe keine „Tür geöffnet werden, durch die am Ende jemand geschoben wird, der es gar nicht will“, mahnte er.

Dr. Carsten Paul machte deutlich, dass die juristischen Begriffe nicht mit den allgemein gebrauchten übereinstimmten und teils auch unter den Juristen umstritten seien. Jedenfalls sei Tötung auf Verlangen strafbar - wer die so genannte Tatherrschaft übernehme, werde zum Täter.

Arzt hält Gesetzesänderung für unnötig

Strafrechtlich werde auch zwischen Handeln und Unterlassen unterschieden. Ein Abbruch einer medizinischen Behandlung könne ein Konglomerat aus beidem sein, dies sei auch von Zufälligkeiten abhängig. „Vielleicht so viel zu Ihrer Verwirrung“, beendete er seine für juristische Laien tatsächlich nicht ganz leicht nachvollziehbaren Erörterungen.

Dr. Jörg Schwab blickte auf die Entwicklung der medizinischen Ethik zurück. 1920 erschien das Buch „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“, das im Dritten Reich eine große Rolle spielte. In der Folge sei die Nachkriegsethik in der Bundesrepublik von der Ehrfurcht vor dem Leben geprägt gewesen. Erst am Ende des vorigen Jahrhunderts sei der Wille des Patienten mehr in den Blick genommen worden, im Laufe der medizinischen Entwicklung rückte dieser in den Vordergrund. Mittlerweile könne jener in seiner Patientenverfügung bestimmen, dass er bestimmte lebensverlängernde Maßnahmen ablehne. Aus Schwabs Sicht gibt es derzeit keine Notwendigkeit zu einer Gesetzesänderung. Er verwies auch auf eine größere Untersuchung, die gezeigt habe, dass die Menschen, die zu sterben wünschten, eigentlich nur mehr Zuwendung, sei es medizinisch, pflegerisch oder sozial, brauchten.

Dekan Hermann Köhler stellte die Sterbebegleitung in den Vordergrund. Die Sterbehilfe in jeder Form bedürfe ethischer Maßstäbe. Aus christlicher Sicht sei das Leben etwas Heiliges, das gegeben und genommen werde. Es komme aber auch auf den Einzelfall an, eine Gewissensentscheidung müsse zulässig sein. Köhler sprach von einem Entscheidungsspielraum, der an der Grenze zwischen Leben und Tod Ärzten und Verwandten ermögliche, verantwortlich zu handeln. Aber auf jeden Fall müsse verhindert werden, dass die Infragestellung des Lebens zu einer Normalität werde.

Einer der Zuhörer, die sich zu Wort meldeten, war Bernd Gökeler, der Leiter der Multiple-Sklerose-Selbsthilfegruppe Marburg-Biedenkopf. Er forderte, dass es über die Sterbebegleitung hinausgehend eine Sterbe-Assistenz geben müsse für Menschen, die unter schwierigsten Umständen leben und keine weitere Verschlechterung ihrer Lebensqualität mehr hinnehmen wollen. Er kritisierte, dass verschiedene Landesärztekammern ihren Mitgliedern eine solche Sterbe-Assistenz verböten.

In der weiteren Diskussion ging es um die Gefahr von Nachahmungstaten, beispielsweise durch medial begleitete Selbsttötungen. Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer, dass es wichtig sei, über die bereits vorhandenen Hilfen, Einrichtungen und medizinischen Möglichkeiten eines weitgehend schmerzfreien Lebens bis zum Ende noch offensiver zu informieren. Der Palliativ- und Hospizbereich müsse weiter verbessert werden, gegen Sterbehilfevereine müsse etwas getan werden, und der in den vergangenen Jahren immer mehr aus dem Alltag verdrängte Tod müsse wieder stärker in Bewusstsein rücken, fasste Heck nach über zwei Stunden zusammen, was er aus der anspruchsvollen Diskussion mitnehme.

von Manfred Schubert

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