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Der Schrankenmann vom Edeka

Kurioser Nebenjob Der Schrankenmann vom Edeka

Schranke auf. Schranke zu. Auf einmal war Ruh. Nach einem technischen Fehler hat die Schranke am Edeka-Markt vor mehr als zehn Jahren ihren Dienst aufgegeben. Den übernehmen jetzt Menschen wie Horst Klein.

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Marburg . Links herum drehen heißt annehmen. Rechts herum heißt herausgeben. In der Mitte stehen bleiben bedeutet: basteln. Mit der großen Schere immer entlang der Linien. Schnipp-Schnapp. Schon ist der nächste Parkzettel fertig. Horst Klein war in seinem Leben schon vieles. Raucher – bis vor vier Wochen. Bauarbeiter – ganze 48 Jahre lang. Vater, Ehemann, Hundebesitzer. Seit vier Jahren ist er noch etwas anderes: eine menschliche Schranke. Mit drei Kollegen arbeitet er für den Edeka-Markt in der Rosenstraße als „Schrankenersatz“. Fährt ein Auto auf den Parkplatz, reicht er ein Ticket aus seinem kleinen Häuschen heraus. Verlässt der Wagen den Parkplatz wieder, kassiert er ab. Zumindest dann, wenn die Kunden die Parkzeit überschritten haben. Links herum drehen: annehmen. Rechts herum: ausgeben. Hin und her. Und immer ein freundliches Lächeln auf dem Gesicht. Immer die Hand zum Gruße gehoben. „Seitdem ich das hier mache, geht es mir gut“, sagt der 72-Jährige.
Er hat wieder eine Aufgabe, wieder etwas zu erzählen zu Hause. „Ich sehe hier Leute, die ich lange nicht mehr gesehen habe.“ Ein kurzer Schnack von Fenster zu Fenster. Eine Hand zum Gruße gehoben. Klein kennt die Stammkunden und Dauerparker – und er kennt die Lieder aus den Charts. Meist jedoch nur Sekundenweise. So lange, wie es eben braucht, um das Fenster an der Fahrerseite herabzulassen, das Ticket abzugeben und davonzubrausen.

Kenner fahren einen großen Bogen

Seit etwa zehn Jahren ist die Schranke nicht mehr in Betrieb. Genau so lange schieben Rentner wie Horst Klein Dienst. „Wenn die Schranke funktionieren würde, hätten wir keine Arbeit. Das ist urig für die Leute, die hier einkaufen. Und das soll so bleiben“, sagt er. „Ich bin seit vier Jahren hier. Seitdem habe ich hier mit meiner Frau wieder mehr Gesprächsstoff“, fügt er hinzu, während er die Hand durch das Schalterfenster in die viel zu warme Februarluft streckt. Ein BMW hält vor dem Kassenhäuschen. Voll besetzt mit jungen Männern mit akkurat rasierten Bärten. Das Fenster wird heruntergelassen. Laute Musik drängt sich nach draußen. Der Fahrer steckt die Hand mit dem Papierzettel heraus. Eine ganze Armlänge fehlt. Schlecht angefahren, kommentiert Klein. „Muss ich jetzt aussteigen? Ernsthaft jetzt?“ – fragt  der Fahrer. Ernsthaft jetzt! Der junge Mann öffnet die Tür, schnallt sich ab, um sich weiter herauslehnen zu können. Aussteigen? Das geht gegen seine Ehre.

Parkzettel schneiden gegen die Nikotinsucht

Irgendwie finden sie zueinander. Horst Klein und der BMW-Fahrer. Ein kurzes „Tschöö“, dann fährt er davon. Manchmal, da halten die Autos gar nicht erst an seinem Fenster an. Prellen die Zeche. Dann blicken die Fahrer stur gerade aus, geben Gas, meiden jeden Blickkontakt mit Klein und seinen Kollegen. „Ich rufe dann ein lautes ‚Hallo, stehen bleiben‘ hinterher. Aber ich rege mich nicht auf. Dafür bin ich nicht hier.“
Nein. Dafür ist er nicht hier. Er ist hier, um seine Arbeit zu machen. Und um nicht so viel an die Raucherei zu denken. Seit einigen Wochen erst hat er den Glimmstängel gegen Nikotinspray getauscht. Ein paar Spritzer gegen die Nervosität – ein paar Parkzettelchen schneiden gegen das Verlangen, wieder zur Zigarette zu greifen. „Früher hab ich auch hier drin geraucht“, sagt er – fast schon ein bisschen wehmütig. Früher ist noch gar nicht so lange her. Während er sich wieder rechts herum – „Hallo“ – links herum  – „Tschüss“ – dreht, kommt er ins Erzählen. Von den ersten Monaten als Rentner, in denen er nichts mit sich anzufangen wusste, von mehr als 45 Jahren harter, körperlicher Arbeit und von zahlreichen netten Autofahrern, die ihm meist ein Lächeln, manchmal – zu Weihnachten – auch kleine Aufmerksamkeiten schenken. Er hat in dem kleinen Häuschen auf dem Parkplatz  gefunden, wonach andere noch suchen: eine Aufgabe.

von Marie Lisa Schulz

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