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Der Schornsteinfeger als Glücksbringer

Der Schornsteinfeger als Glücksbringer

Schornsteinfeger gelten gemeinhin als Glücksbringer - und das schon seit dem frühen Mittelalter. Aber warum eigentlich? Und sind sie es heute auch noch?

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Marburg. Sie tragen schwarze Anzüge mit goldenen Knöpfen. Sie haben einen Kehrbesen und weiteres oft schwarz glänzendes Werkzeug dabei. Oftmals sind sie rußig und voller Dreck. Dennoch wollen viele Menschen sie anfassen: Die Rede ist von Schornsteinfegern. Und einen solchen zu berühren, soll Glück bringen, besagt der Aberglaube.

„Schornsteinfeger machen viel mehr, als nur Kamine zu kehren“, weiß Harald Stehl. Der gebürtige Wohrataler hat das Handwerk selbst von der Pike auf gelernt. Mittlerweile ist er Hauptgeschäftsführer des Landesinnungsverbandes des Schornsteinfegerhandwerks Hessen.

„Die Geschichte des Schornsteinfegers beginnt bereits im Mittelalter“, berichtet Stehl zum heutigen Tag des Schornsteinfegers: Und der Aberglaube sei eng damit verwurzelt. Denn wer im Mittelalter eine Feuerstelle in seinem Haus hatte, musste diese selbst hüten und reinigen. „Es kam häufig zu Bränden. Und wenn erst einmal ein Haus in Flammen stand, brannte wenig später oft die ganze Ortschaft“, so der Schornsteinfegermeister. Schließlich habe es auch noch keine organisierte Feuerwehr gegeben.

Schnell wurde klar, dass sich Fachleute mit dem Thema Schornsteinreinigung befassen müssen. Historische Dokumente belegen, dass Italien das erste Land war, in dem der Berufsstand der Schornsteinfeger offiziell tätig wurde.

Vom Süden Europas aus, eroberte das Handwerk bald den gesamten europäischen Raum. In Deutschland wurden die ersten amtlichen Kehrordnungen Ende des 15. Jahrhunderts erlassen. Bis zur Einführung der festen Kehrbezirke vergingen - je nach Region - jedoch weitere 100 bis 200 Jahre. Im Auftrag des Staates sind die Kaminkehrer seit dem 17. Jahrhundert unterwegs.

Das Glück des sauberen Schornsteins

„Zu Glücksbringern wurden die Schornsteinfeger, weil sie durch das Reinigen der Kamine und Schlote das Glück zurück in die Häuser brachten - eben in Form von funktionierenden Schornsteinen, die das Entstehen von Bränden verhinderten und den rauch nach draußen leiteten“, erklärt Stehl.

Das Kehrmonopol wurde in Deutschland im Jahr 1935 eingeführt - mittlerweile ist es durch die EU zum 1. Januar 2013 aufgehoben worden. Es sollte nach seiner Einführung ein Garant für den qualitativ besten Brandschutz sein, denn es teilte ganz Deutschland in rund 8000 Kehrbezirke ein. „Das Kehrmonopol ist nun zwar aufgehoben“, sagt Stehl. Dennoch gebe es bevollmächtigte Bezirksschornsteinfeger, die die staatlichen Aufgaben im Sinne der Brandsicherheit, die Abnahme von neuen Kaminen und die Kontrolle des Kehrbuches übernehmen. Ein Kehrbezirk wird seit 2013 alle sieben Jahre europaweit neu ausgeschrieben.

Der Bezirksschornsteinfeger muss alle 3,5 Jahre eine Feuerstättenschau in den Häusern seines Bezirks vornehmen. „Dabei wird die Anlage vom Brennraum bis zur Schornsteinkrone begutachtet“, erläutert der Innungs-Geschäftsführer das Vorgehen. Anschließend werde ein Feuerstättenbescheid ausgestellt, in dem auch die Kehrarbeiten festgelegt sind.

„Die Kehrarbeiten unterliegen mittlerweile aber dem freien Wettbewerb“, betont Stehl. Das bedeute, der Kunde könne den Schornsteinfeger dafür frei wählen. „Wir haben allerdings festgestellt, dass die meisten Kunden das nicht tun, sondern bei ihrem angestammten Schornsteinfeger bleiben.“

Job wird vielseitiger

Die Anforderungen an das Schornsteinfegerhandwerk sind in den vergangenen Jahrzehnten stetig gewachsen: „Seit 1973 kontrollieren wir regelmäßig die Heizungsanlagen, messen also die Abgaswerte nach Bundesimmissionsschutzverordnung“, erklärt Stehl. Zudem sei in den vergangenen Jahren auch die Überprüfung der Sicherheitstechnik von Feuerstätten zum Aufgabenbereich des Schornsteinfegers hinzugekommen. „Das heißt, dass wir nun auch verpflichtet sind, darauf zu achten, dass in den Feuerstätten kein Kohlenmonoxid entstehen, geschweige denn entweichen kann“, fügt der Schornsteinfegermeister hinzu. So gesehen sei der Schornsteinfeger auch heute noch ein Glücksbringer: „Denn er verhindert, dass Menschen an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung sterben.“

Weil die Technik immer weiterentwickelt wird und die Aufgaben immer komplexer werden, müssen sich Schornsteinfeger ständig fortbilden. Mindestens fünf Tage im Jahr sind laut Innung Pflicht.

Eine neue Pflicht für Hausbesitzer, die indirekt auch mit dem Schornsteinfeger zu tun hat, kommt ab dem 1. Januar 2015: Dann sind alle Haushalte gesetzlich verpflichtet, Rauchwarnmelder in ihren Räumlichkeiten anzubringen. Mindestens jedes Schlaf- und Kinderzimmer sowie der Flur muss damit ausgestattet werden. „Es gibt zwar die gesetzliche Pflicht, aber eine Kontrolle wird es wohl nicht geben“, berichtet Harald Stehl.

Im hessischen Wirtschaftsministerium bei Minister Tarek Al-Wazir hat er als Geschäftsführer der Innung des Schornsteinfegerhandwerks zwar vorgesprochen und angeboten, dass diese Kontrolle durch die Schornsteinfeger im Rahmen der Feuerstättenschau übernommen werden könne, der Minister lehnte das Angebot aber ab. „Wir hätten das mitmachen können. Das wäre für uns kein Problem und kein Mehraufwand gewesen“, betont Stehl. Auch hier hätten die Schornsteinfeger dann wieder als Glücksbringer agiert - und zwar ganz ohne Aberglaube.

von Katharina Kaufmann

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Von Redakteur Katharina Kaufmann

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