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Der "Regiolekt" ist auf dem Vormarsch

Forschung Marburg Der "Regiolekt" ist auf dem Vormarsch

Der Marburger Sprachwissenschaftler Professor Roland Kehrein erforscht die Dialekte und Regionalsprachen in Deutschland.

Marburg. Ein Auslöser für das im Jahr 2008 gestartete Marburger Langzeit-Forschungsprojekt „Regionalsprache.de“ (siehe Artikel unten) war die in den vergangenen Jahrzehnten häufig geäußerte Befürchtung der Sprachforscher, dass die deutschen Dialekte aussterben. „Mittlerweile sprechen wir nicht mehr vom Aussterben der Dialekte“, berichtet der Marburger Sprachwissenschaftler Professor Roland Kehrein. Aber es sei schon so, dass die Dialekte selbst in Gegenden wie dem hessischen Hinterland zurückgedrängt würden. Also: Der Dialekt lebt noch, wenngleich seine Zukunft ungewiss ist.

Mittlerweile sind die Wissenschaftler um Roland Kehrein vom „Deutschen Sprachatlas“ in Marburg aber auch auf der Spur von neuen Teilen der „Regionalsprachen“, dem sogenannten „Regiolekt“, der den Dialekt auf breiter Front in Deutschland zusehends ablöst. Dieser Regiolekt stellt eine Mischform aus der Hochsprache und Dialekt-Einsprengseln dar. „Das sind andere Arten von regional geprägter Sprechweise. Da versteht auch ein Hamburger, was ein Bayer sagt - und umgekehrt“, berichtet Kehrein.In dem deutschlandweit einmaligen Forschungsprojekt „Regionalsprache.de“ wird die Verbreitung der modernen Regionalsprachen jetzt erstmals systematisch erschlossen.

Die Frage des Verschwindens der Dialekte stellt sich den Sprachforschern auch als eine Generationenfrage dar. Denn während es in der älteren Generation und auch in der mittleren Generation der um die 50-Jährigen Generation in vielen Regionen noch Dialektsprecher gibt, ist das in der jüngeren Generation schon ganz anders. Das hat Roland Kehrein bei den Recherchen für seine Habilitationsschrift am Beispiel der von ihm ausführlich untersuchten Region Waldshut-Tiengen - direkt an der deutsch-schweizerischen Grenze - herausgefunden. Das ist eine Gegend, wo der alemannische Dialekt an sich seit Jahrhunderten tief verwurzelt ist. Doch bei den „Jungen“ im Alter um die 18 Jahre fanden sich nur noch „Dialektspuren“. Die „Waldshut-Erkenntnisse“ trugen dazu bei, die „zusätzliche Generationen-Ebene der Jüngeren in das Forschungsprojekt „Regionalsprache.de“ einzubauen: An 150 Orten in Deutschland wurden für das Projekt insgesamt vier „Sprecher“ aus drei Generationen befragt, und es wurde ihre Sprachkompetenz erhoben. Die von Sprachatlas-Mitarbeitern erhobenen Daten liegen jetzt vor, die wissenschaftliche Auswertung und Darstellung der Daten auch in per Internet zugänglichen Sprachkarten soll in den kommenden Jahren erfolgen.

Neben der Befragung von drei Generationen gibt es noch eine weitere Besonderheit des Projektes: Die 600 „Sprecher“ sind ausschließlich Männer. Das hat einen ganz pragmatischen Grund: Eine der Erhebungssituationen ist die Sprachverwendung bei einer alltäglichen Gesprächssituation am Telefon. Um dieses möglichst vergleichbar zu machen, wurden in einem Kooperationsprojekt mit dem Bundeskriminalamt Notrufannahme-Gespräche analysiert, die Polizeibeamte in den unterschiedlichen Regionen führten. Diese Gruppe, von denen je zwei pro Region stellvertretend für die mittlere Generation ausgewählt wurde, bestand ausschließlich aus Männern, weil Frauen dieser Generation bundesweit diese Aufgabe so gut wie nicht wahrnehmen. Jeweils ein Sprecher pro Region stammte dann aus der Rentner-Generation und einer aus der Generation der 18- bis 20-Jährigen.

Wie hessisch ist eigentlich das Hessische? Auch das ist eine der Fragen, die Kehrein und seine Kollegen im Rahmen des großen Forschungsvorhabens interessiert. Und das ist eine Frage, die gar nicht so trivial ist, wie sie auf den ersten Blick klingt. Denn rein sprachwissenschaftlich betrachtet besteht das in der Mitte Deutschlands gelegene Bundesland Hessen aus fünf verschiedenen Sprachräumen, die Dialekt-Verbände genannt werden und teilweise gravierend in der Dialekt-Ausprägung unterscheiden.

Also lautet das Fazit des Marburger Sprachwissenschaftlers: Hessisch ist nicht gleich hessisch. Und es besteht beileibe nicht nur aus dem typischen Frankfurter Dialekt aus dem Südhessischen, das außerhalb Hessens als typisch für das Bundesland zwischen Darmstadt und Kassel gilt. Allerdings haben sich gerade in Sachen „Regionalsprache“ die Grenzen in den vergangenen Jahren von Süden nach Norden ausgedehnt, so dass beispielsweise in Marburg eher südhessische Wort-Aussprachen wie „Aschebäscher“ gebräuchlich geworden sind - und das nicht nur wegen des Vorbilds des in der Region Marburg ansässigen, aber aus Südhessen stammenden Comedians „Maddin“ Schneider.

Die Marburger Forschungen zum Sprachwandel sind nicht alleine aus akademischer Sicht interessant, sondern könnten sich auch von praktischer Relevanz auf einigen Feldern erweisen wie in der Kriminalistik oder für die Verwendung in industriellen Sprachverarbeitungssystemen.

Als Beispiel nennt Kehrein das Thema „Deutsch als Fremdsprache“. Denn bei der gezielten Vorbereitung von Ausländern auf einen Aufenthalt in einer speziellen Region könnten aus dem Forschungsprojekt gewonnene Online-Sprachaufnahmen wertvolle Hinweise zur Dialektfärbung geben. Ein zweites Beispiel für die Anwendung ist die Eingrenzung von anonymen Anrufern auf eine regionale Herkunft durch Spezialisten des Bundeskriminalamtes.

von Manfred Hitzeroth

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