Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 4 ° Regen

Navigation:
Der Pechvogel, der zum Glückspilz wurde

Explosion überlebt Der Pechvogel, der zum Glückspilz wurde

Als er wieder zu sich kam, war seine Schulter zertrümmert, sein Kopf schmerzte. Hans Unger hat gestern vor 64 Jahren seinen zweiten Geburtstag gefeiert. Er überlebte die Explosion eines Müllwagens im Südviertel - sein Kollege starb.

Voriger Artikel
Jubiläumssingen an historischem Ort
Nächster Artikel
Fahrpreis-Explosion entrüstet Marburg

Vor genau 64 Jahren feierte Hans Unger seinen zweiten Geburtstag. Er überlebte die Explosion, bei der sein Kollege starb.Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Ein Optimist würde Hans Unger als echten Glückspilz bezeichnen. Der Pessimist hingegen wäre da ganz anderer Meinung. Ein Pechvogel sei der Unger. Ein Pechvogel, wie er im Buche steht. Der Realist aber sagt: Hans Unger hat einfach viel erlebt in den vergangenen 89 Jahren. Und jede Erfahrung hat ihm zu dem gemacht, was er heute ist: ein zufriedener und dankbarer Mann mit einer bewegenden Biografie.

Der Pessimist würde die Lebensgeschichte des heute 89-Jährigen so erzählen: Pechvogel Unger musste seinen Traumberuf des Zimmermann an den Nagel hängen. Vier Finger hatte er sich abgeschnitten. Ein Unfall. Der Krieg brach aus, Unger wurde eingezogen. „Mein Vater wusste, was auf uns zukommt. Er hat all seine Söhne aus dem Haus gehen sehen ohne zu wissen, ob sie wiederkommen.“ Es folgte der Dienst als Marinesoldat. Niemals an vorderster Front. Immer in zweiter Reihe. Immer freien Blick auf sterbende und verwundete Kameraden. Und zum Schluss: Kriegsgefangenschaft durch die Amerikaner beim Rückzug aus der Normandie.

„In Marburg-Cappel, gab es später ein Entlassungslager für die, die wieder in den Osten Deutschlands wollten“, erinnert sich Unger. Beispielsweise nach Dresden, seine alte Heimat.

Glühende Asche und Gas lösen Explosion aus

Aber er wollte nicht zurück. Er wollte in der Lahnstadt bleiben. Unger nahm den erstbesten Job an, der ihm angeboten wurde. Müllfahrer. Harte Arbeit. Gutes Geld. Dann, der 25. Juni 1949. Der Tag, an dem Unger wieder einmal Pech hat. Gemeinsam mit seinem Kollegen entleerte er die Mülltonnen in der Biegenstraße in den hohlen Bauch des Entsorgungswagens. Plötzlich gab es eine gewaltigen Explosion. Puff. Knall. Aus.

Ab hier übernimmt der Optimist das Erzählen der Lebensgeschichte des Glückspilzes Unger. Aufwachen in Krankenhaus. Weiße Wände, tiefe Wunden. Die Schulter ist zertrümmert. Der Kopf brummt. Sein Kollege, so erzählen ihm die Schwestern, habe es nicht geschafft. Er sei noch am Unglücksort verstorben. Unger liegt da. Im Krankenbett. Eine Woche. Zwei Wochen. Versucht zu verstehen. Lässt sein Leben Revue passieren. Sein erster Arbeitsunfall hat ihn vier Finger gekostet. Diese vier fehlenden Finger haben ihm später womöglich das Leben gerettet. „Mit dem können wir nichts anfangen“, habe er als junger Soldat oft zu hören bekommen. Er wurde als Sanitäter oder Meldegänger eingesetzt. Nicht als „Kanonenfutter“. Hat so den Krieg überlebt. Und nun das? Eine Explosion - sinnlos und brutal. Auch die hat er überlebt. Wenn auch mit Narben. Äußerlich und seelisch. „Das war schon ein mächtiger Hieb, zu erfahren, dass mein Kollege gestorben ist. Wir waren ein gutes Team“, erinnert sich Unger. Der Realist schaltet sich ins Erzählen der Lebensgeschichte ein. Der, der mit den Begriffen „Glück“ und „Unglück“ nichts anfangen kann. Er spricht von „Unwissenheit“. Von Leichtsinn. Von dem trügerischem „Was soll uns denn schon passieren? Wir haben-den Krieg überstanden“-Glauben. Damals. Gestern genau vor 64 Jahren. „Wir sind damals zweimal pro Woche die Tour gefahren.“ Und zweimal pro Woche kam es vor, dass das ein oder andere Unternehmen ihre mit Karbid gefüllten Gasflaschen entsorgte. Karbid wurde in der Nachkriegszeit zum Schweißen verwendet. Dass Karbid hochgradig explosiv ist, davon hatte er schon gehört. „Sie müssen die damalige Zeit bedenken. Mit so Sorgen hat man sich nicht aufgehalten. Es ging aufwärts.“

Und auch beim Bäcker Schatz in der Biegenstraße ging es aufwärts. Brot und Brötchen wurden ihm förmlich aus der Hand gerissen. Die Asche aus dem Bäckerofen nahmen die Männer der städtischen Müllabfuhr gerne mit. Schmissen sie in den Laderaum. Ungeachtet der Tatsache, dass sie noch glühend heiß war. Puff. Knall. Aus.

64 Jahre später reibt sich Hans Unger über seine Schulter. Fast als erinnere er sich an den Schmerz. Und daran, wie kostbar das Leben ist. „Ich bin einfach ein Optimist. Das kann bei manchen Situationen im Leben helfen.“ Und er, der Optimist, freut sich über sein zweites Leben. Mit drei Kindern und Enkelkindern, mit einer Fortbeschäftigung bei der Stadt, die ihn bis zum Eintritt ins Rentenalter ausfüllte.

Herzlichen Glückwunsch zu 64 Jahren des zweiten Lebens.

von Marie Lisa Schulz

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr