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Der Patient bestimmt den Rhythmus

Palliativ-Station Der Patient bestimmt den Rhythmus

Freundlichkeit, Genuss, Humor und viel Ruhe: Das macht die schwerstkranken Menschen auf der Palliativstation nicht gesünder, aber es erleichtert ihren Alltag. Medikamente und Therapien helfen, die Schmerzen zu lindern.

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Der Onkologe und Palliativmediziner Dr. Jorge Riera-Knorrenschild scherzt gern mit seinem Patienten Gerhard Aßmann.

Quelle: mymedia GmbH

Marburg. Er hat sein Hobby, seine selbst gefertigten Zinnfiguren, mitgebracht: Gerhard Aßmann liegt seit Freitag auf der ersten Palliativstation des Marburger Uni-Klinikums. Ob er seinen 74. Geburtstag im November noch erleben wird, weiß Aßmann nicht. Der Patient aus Bad Endbach-Günterod hat einen Lungentumor, der gestreut hat. „Zu Hause hatte ich ganz starke Schmerzen“, berichtet Aßmann. Am Donnerstag sei er ins Klinikum gekommen, einen Tag und eine Nacht habe er auf einer „normalen“ Station verbracht. Seit Freitag ist er auf der Palliativstation. „Hier haben sie die Schmerzen in den Griff bekommen. Ich fühle mich wie im Sanatorium, nicht mehr wie in der Klinik“, sagt der Patient. Wer ihn besucht, darf sich eine seiner Zinnfiguren aussuchen. Mit neugierigem Blick schaut der 74-Jährige zu, für welche Figur sich der Betrachter entscheidet. Schutzengel sind auch dabei. Symbole gibt es viele in der neuen Station. In seinem Zimmer hat Aßmann Fotos und kleine Kunstwerke von seinen Enkelkindern aufgehängt.

Gerhard Aßmann fühlt sich wohl - er weiß, dass das für Außenstehende seltsam klingt und erklärt: „Hier richtet sich nicht der Patient nach den Pflegern, sondern die Pfleger nach dem Patienten.“ Am Morgen sei er erst um 8 Uhr aufgestanden und habe sich gewundert, dass ihn keiner geweckt habe. Krankenschwester Birgit Becker hatte schon zwei Stunden zuvor ihren Kopf ins Zimmer gesteckt, aber keinen Grund gesehen, den Patienten zu stören. Das Frühstück werde erst dann gebracht, wenn der Patient es möchte, erklärt die Schwester, die noch vor Kurzem in einem ambulanten privaten Pflegedienst gearbeitet hatte und von der neuen Station gehört hatte.

Neues Personal für die Station

13,25 Vollzeitstellen wurden neu geschaffen, um die Palliativstation in Betrieb zu nehmen, erklärt Professor Jochen A. Werner, Ärztlicher Geschäftsführer des UKGM Marburg. Wichtiger als die Zahlen sei das Konzept der neuen Station. Bereits die vorherige Geschäftsführung hatte vor mehr als vier Jahren erste Pläne erstellt, um eine Palliativstation am UKGM in Marburg zu errichten. Ursprünglich war gar ein Neubau eigens für die Palliativmedizin angedacht. Ärzte, Organisationen und Seelsorger forderten seit Jahren die Realisierung.

Die neue Station mit zehn Einzelzimmern befindet sich in einem Abschnitt der Hautklinik - im neuesten Bauabschnitt des Klinik-Komplexes auf den Lahnbergen. Verantwortlich für die Palliativstation sind Professor Hinnerk F. W. Wulf, Direktor der Klinik für Anästhesie und Intensivtherapie, sowie Professor Andreas Neubauer, Direktor der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Immunologie.

"Nicht hier um zu sterben"

„Die Patienten sind nicht hier, um zu sterben, sondern damit wir ihnen helfen, dass sie ihre Leiden ertragen“, erklärt Wulf. Wichtig sei auch, dass die Angehörigen eingebunden werden, jederzeit auch im Zimmer übernachten können - wenn der Patient es wünscht.

Im Schnitt sollen die Patienten sieben Tage auf der Station bleiben und dann zurück nach Hause oder ins Hospiz gehen können. Spezialisten - Ärzte, Pfleger und Therapeuten - aus verschiedenen Fachgebieten arbeiten auf der Station. Aber auch Seelsorger und Psychologen sind auf der Station erwünscht, betonen die Palliativmediziner Dr. Jorge Riera-Knorrenschild und Dr. Andrea Bettina Kussin.

„Ein Riesenunterschied im Vergleich zu anderen Stationen ist die Ruhe auf der Palliativstation“, erklärt Riera. Das mache keinen Menschen gesünder, aber er fühle sich besser. Und dazu trage auch das Ambiente bei. Kussin und Dr. Sylvia Heinis von der Geschäftsführung kauften Möbel ein, entwarfen die Inneneinrichtung: In die Zimmer kommt viel Tageslicht, warme Orangetöne und helles Holz bestimmen das Bild. Auch ein Raum der Stille und ein Wohnzimmer, das Patienten und Angehörige jederzeit nutzen dürfen, gehören zur Ausstattung. „Das ist alles sehr schön. Aber ich bin ein wenig faul, um dorthin zu laufen. Ich möchte Ruhe haben - und die habe ich in meinem Zimmer“, lächelt Gerhard Aßmann und fügt hinzu: Die Kraft, sie lasse nach. Der Humor aber, ist geblieben.

von Anna Ntemiris

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