Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 2 ° Regenschauer

Navigation:
Der Papst kann kein Megastar sein

Dr. Joachim Negel im Interview: Der Papst kann kein Megastar sein

Zum 85. Geburtstag von Benedikt XVI. blickte der katholische Theologe Dr. Joachim Negel für die OP auf das Wirken und die öffentliche Wirkung des Papstes. Der Dozent für Fundamentaltheologie an der Philipps-Universität zog im Interview schon damals ein Fazit des Pontifikats. Dieses Resumee ist mit dem Rücktritt des Papstes aktueller denn je.

Voriger Artikel
Theologen slammen den Kreuzgang
Nächster Artikel
Schweres Erbe für Kirche in der Krise

Marburg. OP: Herr Negel, Papst Benedikt der XVI. bekommt zu seinem 85. Geburtstag Glückwünsche aus aller Welt. Wenn man auf sein siebenjähriges Pontifikat schaut, wozu kann man ihn beglückwünschen?
Joachim Negel: Ob man Joseph Ratzinger dazu beglückwünschen soll, daß er das Amt des römischen Pontifex zu tragen hat, weiß ich nicht. Er selbst wäre sich da vermutlich nicht so sicher. Wohl aber war seine Wahl vor sieben Jahren ein Glücksgriff für die Kirche
insofern, als mit ihm seit langem wieder ein Philosoph auf den Stuhl Petri kam. Das Lebensthema von Papst Benedikt ist ja das Zusammenspiel von Glaube und Vernunft. Weder erschöpft sich der Glaube an Gott in einem subjektiven Gefühl (der Glaube muß kommunikabel, d.h. auf dem Forum der Vernunft ausweisbar sein) noch darf sich die menschliche Vernunft mit ihren szientistischen Schrumpfformen zufriedengeben (wie will man etwa die Würde des Menschen empirisch aufweisen? Wo man so etwas versucht, gerät man schnell in Teufels Küche).

Genau diesen Kreuzpunkt von Glaube und Vernunft durchsichtig zu machen, ist zeitlebens das Anliegen von Joseph Ratzinger gewesen. Und da, meine ich, hat uns dieser Papst etwas Wichtiges zu sagen: Er erinnert uns mit leiser, aber beharrlicher Stimme daran, dass wir mehr sind als anpassungsschlaue Tiere.

OP: Papst Benedikt XVI. ist ein brillanter Theologe. Doch Aussagen, die im wissenschaftlichen Diskurs schlüssig erscheinen mögen, wirken auf die Massen eher befremdlich. Beispielsweise seine Schrift „Dominus Jesus“ aus dem Jahre 2000, in der er dem Protestantismus
bestreitet, Kirche zu sein.

Negel: Darin besteht in der Tat eine gewisse Tragik des derzeitigen Pontifikats. Der Kosmos feingesponnener Argumente ist in einer Eventkultur, wie sie die moderne Mediengesellschaft nun einmal darstellt, nur schwer zu kommunizieren.

OP: Also ein Intellektueller, der es nicht schafft die Massen zu erreichen und zu mobilisieren.

Negel: Man darf Papst Benedikt XVI. nicht auf den unterkühlten Intellektuellen reduzieren. Wenn man seine Predigten hört und mitverfolgt, wie er in den Messen betet, dann bekommt man seine tiefe, bei aller Intellektualität geradezu kindliche Frömmigkeit mit. Allerdings ist auch sein Ekel vor dem Relativismus unserer Zeit deutlich zu spüren; seine Skepsis vor einer Moderne, die etwa Spiritualität als eine neue Form von Wellness betrachtet und in einstündigen Talkshows meint abhandeln zu können.

OP: Was würde der Papst dem denn entgegenhalten wollen?

Negel: Nun, mir scheint, er würde uns etwas sehr Grundsätzliches zu bedenken geben: Religion ist die Hüterin der Seele; in ihr reflektieren sich die unvordenklichen Lebenszusammenhänge von Zeugung und Geburt, Krankheit und Heilung, Schuld und Vergebung, Liebe und Tod. Da werden dicke Bretter gebohrt. Und damit ist sofort ein weiteres klar: Ein Mensch, der sich solchen Fragen aussetzt, kann kein Mega-Star sein. Johannes Paul, der Vorgänger von Benedikt, war da ganz anders gestrickt. Ein Meister der Inszenierung; ein Mann, der alle Termine absagte, um einen sechswöchigen Russisch-Sprachkurs zu absolvieren, weil Michail Gorbatschow um ein Gespräch unter vier Augen gebeten hatte. Dem Parteichef der KPdSU persönlich ins Gewissen zu reden – eine solche Chance ließ sich Johannes Paul II. nicht entgehen. Er hat aktiv Weltpolitik betrieben. Benedikt XVI. ist da ein anderer Typus. Ins Rampenlicht gezerrt zu werden, ist ihm unangenehm. Ein schüchterner
Mensch, der bei großen Events verlegen, bisweilen fast linkisch wirkt. Manche mögen das als Defizit sehen. Mir ist es eher sympathisch.
 

OP: Und doch müsste es auch zur Logik von Papst Benedikt XVI. gehören, dass die Menschen und ihre derzeitige Entwicklung Teil der Schöpfung sind.

Negel: Das weiß der Papst. Nur wie soll man mit den geradezu atemberaubenden Umwälzungen umgehen, die uns die Spätmoderne mit ihren technischen Möglichkeiten, mit der Ökonomisierung unserer Lebenswelt zumutet? Nur ein Beispiel: Noch vor zwei oder drei Generationen dauerte eine Ehe im Durchschnitt etwa 20 Jahre; dann starb einer der Partner. Wenn heute zwei Dreißigjährige heiraten, wissen sie, daß sie wenigstens 50 Jahre miteinander auskommen müssen. Das verändert viel; die Ansprüche an den Partner werden notwendig höher. Wie geht man damit um? Oder nehmen Sie unsere überlange Lebenserwartung. Man muss sich im Laufe eines Lebens, das heute 80 oder 90 Jahre währt, wenigstens dreimal neu erfinden. Wir haben da als Kirche bislang kaum hinreichende Antworten.

OP: Woran liegt das?

Negel: Nun, mir scheint, daß es u.a. an der wechselseitigen Sprachlosigkeit von Religion und Moderne liegt. Man verbittet sich als aufgeklärter Mensch jede Einrede von seiten der Kirche und erwartet dann doch wieder ganz viel von ihr. Und umgekehrt die Kirche nörgelt
wehleidig am Zeitgeist herum und ist nicht selten hemmungslos angepaßt – schauen Sie sich nur den Einfluß an, den man in manchen Diözesen Beratungsfirmen wie Mc Kinsey bei der Neugestaltung sog. „Seelsorgeeinheiten“ einräumt. (Die evangelischen Landeskirchen
machen das im übrigen nicht besser.) Da haben Sie das ganze Dilemma auf den Punkt gebracht.

OP: Was würden Sie sich denn statt dessen wünschen?

Negel: Mir fehlt die vorsichtig ermutigende Stimme der Kirche, die aufgrund ihrer 2000jährigen Tradition doch eigentlich von weit her kommt und deswegen immer noch einmal mehr zu sehen wüßte als die aufgeregten Gegenwartsanalytiker. Was fehlt, ist eine behutsame
und zugleich präzise phänomenologische Beschreibung unserer gegenwärtigen Kultur. Ein guter Beichtvater schaut sich erstmal an, was ist und gibt dann aus seiner geistlichen Erfahrung heraus Hinweise auf ein gelungenes Leben.

Ähnlich hätte man das Amt des Papstes zu verstehen: Er tröstet und mahnt, ermutigt und baut auf – d.h. er wäre tatsächlich ein Pontifex, ein Brückenbauer zwischen den Kulturen. Das alles ist in diesem Pontifikat bislang nicht wirklich geschehen, aber das hängt sicher nicht nur mit der Person von Benedikt und seiner Skepsis gegenüber einer entgleisenden Moderne zusammen, das scheint mir ein grundsätzliches Problem im gegenwärtigen Widerspiel von uralter Kirche und sich ständig neu erfindender Kultur zu sein: Wie können wir bei allen Umwälzungen, die schon der Einzelne lebensmäßig kaum verkraftet, jene Urfragen wachhalten, die Ausweis menschlicher Gottesfähigkeit sind?

Und umgekehrt unsere spät- bzw. neukapitalistische Gesellschaft: Wie will sie verhindern, dass sie einfach nur noch heißläuft und dann irgendwann implodiert? Insofern gilt zweierlei: Auf der einen Seite sollte die Kirche gelassener werden; ihre Botschaft hat den Menschen anderes anzubieten als Wellness und Welfare. Und umgekehrt die Gesellschaft wird sich daran erinnern lassen müssen, daß sie die letzten Fragen nach Heil und Erlösung nicht beantworten kann, es aber höchst fatal wäre, diese Fragen deswegen einfach zu vergessen.

Von Tim Gabel

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Der #Papst ist der neue #Aufschrei

Viele Witze und ein bisschen Respekt für Papst Benedikt. Seit zwei Monaten verschickt Benedikt XVI. @Pontifex_de via Twitter Nachrichten in die Netzgemeinde, am Montag schweigt er eisern gegenüber den 2,7 Millionen Twitter-Nutzern, die ihm folgen. Gleichzeitig läuft das Schlagwort #Papst dem Schlagwort #Aufschrei den Rang ab.

mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr