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Der Nationaldichter und die Religion

Forschung Marburg Der Nationaldichter und die Religion

Die Marburger Anglistin Professorin Sonja Fielitz erforscht das Verhältnis von William Shakespeare zur Religion.

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Shakespeares Dramen sind weltweit bekannt. Unser Bild zeigt den Nachbau des Theaters, in dem sie gezeigt wurden. Archivfoto

Marburg. Hatte William Shakespeare (1564 bis 1626) im anglikanisch-protestantischen England Kontakte zu den damals verbotenen Katholiken? Diese brisante und umstrittene Frage hat Sonja Fielitz in den vergangenen Jahren umfassend untersucht. „Für Kontakte der verfolgten Jesuiten mit dem britischen Nationaldichter William Shakespeare bestehen durchaus Anhaltspunkte“, zieht die Marburger Forscherin eine Bilanz ihrer Recherchen.

Denn entgegen dem vor allem in England bis heute vorherrschenden Bild des Schriftstellers als dem „nationalen britischen Barden“ einer geeinten Nation unter Königin Elizabeth I. und James I. als den jeweiligen Oberhäuptern der anglikanisch-protestantischen Kirche könne man „eine gewisse Affinität Shakespeares zum Katholizismus nicht weiter ignorieren“, meint Fielitz. War Shakespeare gar im Verborgenen ein Katholik? Diese Frage geht Fielitz zu weit. Aber sie stellt aufgrund ihrer Forschungen zumindest in Zweifel, dass Shakespeare der „königstreue Dichter“ war, der „natürlich der Anglikanischen Staatskirche angehörte“ und demzufolge die Religionspolitik der jeweiligen Regenten unterstützte. Dem entgegen stellt sie die These, dass der Dramatiker durchaus in den politischen und religiösen Spannungen seiner Zeit verortet gewesen sei und dabei nicht unbedingt immer für eine Seite Stellung bezogen haben könne.

Es sind verschiedene Puzzlestückchen, die Sonja Fielitz zu ihrer Überzeugung kommen lassen: So weist sie einerseits auf die Familie Shakespeares hin, dessen Mutter Mary Arden bekanntermaßen aus einer katholischen Familie stammte. Auch sei die Region um Stratford-upon-Avon, in der der Dichter aufwuchs, eine Bastion des katholischen Widerstands gewesen. Im Jahr 1585 noch unter der Regentschaft von Elizabeth I. wurde ein Statut erlassen, dass die Gegenwart von Jesuiten und ihren Predigern als Hochverrat bezeichnete und ihre Ausweisung aus England veranlassen sollte. Schon das Beherbergen der Jesuitenprediger wurde hart bestraft, teilweise mit der Todesstrafe. Thesen zur Frage, wo sich Shakespeare in den sogenannten „lost ­years“ zwischen 1585 und 1592 aufgehalten hat, sind zahlreich. Womöglich hat er sich als Bediensteter oder Schauspieler in mehreren katholischen Haushalten aufgehalten. Vor dem Hintergrund von Shakespeares möglichen Kontakten zu den Jesuiten ergeben sich laut Fielitz auch aus seinem Werk Anhaltspunkte seiner Sympathie für die katholische Sache.

Anders als berühmte Zeitgenossen wie Christopher Mar­lowe habe es in Shakespeares Dramen beispielsweise keine Stellen gegeben, in denen der Papst verspottet wird. Hohe katholische Würdenträger wie Kardinäle oder Bischöfe seien zudem nicht so negativ gezeichnet gewesen wie bei anderen Dichtern seiner Zeit.

Wie weit aber die Sympathie Shakespeares für die Katholiken wirklich ging, das ist für die Marburger Wissenschaftlerin noch weitgehend ungeklärt.

Ob er die Jesuiten aktiv unterstützt habe oder nur ein Sympathisant gewesen sei, das könne nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. „Viele Fragestellungen rund um Shakespeare gehen zurück auf seine lückenhafte Biographie“, macht Fielitz klar. Zwar wisse man über Shakespeares Leben mehr als über viele seiner Zeitgenossen, aber es gebe nur wenige schriftliche Zeugnisse als Anhaltspunkte seines Lebenslaufs. Von den Werken auf den Autor zu schließen, sei sehr problematisch. Noch vier Jahrhunderte nach Shakespeares Lebenszeit ergeben sich unter den Shakespeare-Forschern auf der ganzen Welt immer wieder neue Fragestellungen, und teilweise werden sogar noch neue Dokumente wie Rechnungen gefunden, die aus seiner Zeit stammen und möglicherweise weitere Hinweise auf sein Leben geben. Genau diese dafür notwendige detektivische Kleinarbeit ist es, die Sonja Fielitz seit ihrer Studienzeit in München, wo sie auch ihre akademische Karriere startete, zu einer begeisterten Shakespeare-Forscherin werden ließ. Dabei erhielt sie an der international bedeutenden Shakespeare-Forschungsbibliothek an der Universität München wertvolle Impulse.

von Manfred Hitzeroth

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