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„Der Mensch sieht nur bis zum Wasserspiegel“

Verschmutzung von Flüssen „Der Mensch sieht nur bis zum Wasserspiegel“

Schweine am Fluss – es gibt sie nach wie vor. Viele Menschen nutzen die Ufer der Lahn gern für ihr Freizeitvergnügen – und lassen dann andere den Müll wegräumen. Die Mitglieder des Fischereivereins Marburg frustriert das.

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Vom alten Reifen über Plastikmüll bis zu Spritzenkanülen finden die Mitglieder des Fischereivereins Marburg und Umgebung jede Menge Unrat bei ihren Säuberungsaktionen an Lahn, Ohm und Wetschaft. Was davon in den heimischen Flüssen landet, gefährdet im und am Wasser lebende Tiere, unter ihnen den Hecht, den größten Raubfisch der Lahn.

Quelle: Fischereiverein, Armin Trutnau

Marburg. Es ist ein „Schatz“, auf den die Angler des Vereins gut verzichten könnten. Zweimal im Jahr säubern sie zwei Tage lang die Gewässerabschnitte von Lahn, Ohm und Wetschaft, die sie gepachtet haben. Am Ende haben sie stets mindestens eine Lkw-Ladung voller Müll und illegal entsorgter Abfälle zusammen.

Und wer meint, dass sich mit den Jahren auch das Umweltbewusstsein der Menschen weiterentwickelt hätte, sieht sich getäuscht. „Wir machen das jetzt seit Jahrzehnten, aber die Mengen, die wir finden, werden nicht weniger“, sagt Jürgen Schwarz, der Vorsitzende des Fischereivereins Marburg und Umgebung, der sich um etwa43 Flusskilometer kümmert.

Schweine am Fluss – es gibt sie nach wie vor. Viele Menschen nutzen die Ufer der Lahn gern für ihr Freizeitvergnügen – und lassen dann andere den Müll wegräumen. Die Mitglieder des Fischereivereins Marburg frustriert das.

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Schwarz ist, wie viele seiner Vereinskollegen, langsam ratlos. Und auch immer wieder fassungslos, was die Angler am Ufer und im Fluss zutagefördern. Zu den schon „normalen“ Funden zählen alte Autoreifen, schon gefüllte Abfallsäcke und Bauschutt, der einfach abgekippt wird. Alltag, vor allem in den Sommermonaten, sind die Reste der Grillfeiern an den Lahnwiesen oder Fast-Food-Verpackungen, die am Ufer zurückgelassen oder in den Fluss geweht werden. Ein großes Problem sind die beliebten Einweggrills. Fast jeder davon landet am Ende im Uferbereich oder in der Lahn, schimpft Dirk Schrey, der Naturschutzbeauftragte des Vereins.

Gefunden wird auch schon mal entsorgtes Diebesgut wie Zigarettenautomaten, Fahrräder oder Ausweispapiere, sogar ein geknackter Tresor wurde schon vom Grund der Lahn gehoben. Im Bereich des Hauptbahnhofs sind es nicht selten Spritzen und Kanülen von Drogensüchtigen, die an weniger einsehbaren Stellen benutzt und dann am Ufer liegengelassen werden. Weil die Lahn zum Verweilen und Spielen am Ufer förmlich einlädt, ist das eine besonders heimtückische Gefahrenquelle für Kinder, aber auch für die Vereinsmitglieder, die die Flussufer sauber machen.

Angler sind Naturschützer

Auch wenn viele Menschen nur das Angeln mit dem Fischereiverein verbinden – dessen 600 Mitglieder verstehen sich als Umwelt- und Naturschützer – und sie sind auch als solche offiziell anerkannt, wie Johann Kroboth, 2. Vorsitzender des Fischereivereins, betont. Als Pächter der Lahn zwischen Brungershausen und Argenstein, Teilen der Ohm und der Wetschaft sowie einiger Teiche zahlt der Verein nicht nur etwa 20000 Euro Pacht. Für bis zu 25000 Euro setzt er zudem jedes Jahr Jungfische in die Flüsse, damit gefährdete Fischarten wie der Aal bei uns nicht aussterben. Neben dieser Bewirtschaftung durch Fischbesatz (und das Angelhobby) gehören die Hege und Pflege der Gewässer und die Reinerhaltung der Gewässer- und Uferbereiche zu den Aufgaben des Vereins.

Richtig sauer werden die Angler, wenn sie bei ihren Aktionen Ölgebinde oder Behälter für Chemikalien finden. Weil niemand weiß, wie viel von den hochgiftigen Inhalten schon ins Flusswasser gelangt ist. Die Flüsse sind empfindliche Ökosysteme und eine auch nur kleine Verschmutzungsmenge kann zu verheerenden Schäden im Fischbestand, aber auch bei anderen Flußbewohnern wie Insekten oder Wasservögeln führen.

Fremdkörper als Gefahr

Das Problem ist, so Dirk Schrey, „die Menschen schauen nur bis zur Wasseroberfläche, was sich darunter abspielt, das sehen sie dann nicht mehr. Die Fischer berichten zum Beispiel von aufgeschlitzten Kunststoffkabeln in der Lahn, in deren Drähten sich Fische und Vögel verfangen und erheblich verletzt hätten.

Die Aktiven des seit 1882 bestehenden Fischereivereins haben ein Fernziel im Auge – dass sich die Bestände in der Lahn und den Nebenflüssen irgendwann wieder von selbst reproduzieren können. Heute müssen die Fischereivereine mit Nachzüchtungen nachhelfen und gleichzeitig versuchen, die Lebensbedingungen zu erhalten oder verbessern. Einige Erfolge gibt es. In manchen Gewässern leben Flusskrebse und es gibt sogar wertvolle Muschelbestände. Doch Horst Schrey, der Gewässerwart des Vereins, sagt auch: „Das Wasser der Lahn ist zwar heute klarer, aber stärker belastet als vor 20 Jahren.“ Dass und in welcher Menge Dünger und andere Fremdstoffe, sogar Medikamente, in die Gewässer kommen und nachweisbar sind, das können die Fischer allein kaum beeinflussen, sagt Jürgen Schwarz. „Aber wenn sich die Müllmengen reduzieren würden, dann hätten wir schon viel erreicht.“

„Wir wollen uns auch nicht beklagen. Wir Fischer übernehmen die Gewässerreinigung gern, denn sie kommt letztendlich allen Mitbürgern zugute. Und wir profitieren ja mit unserem Hobby auch davon“, sagt Schwarz. Er weist aber auch darauf hin, „dass Fischereivereine die einzigen Gewässernutzer sind, die zur Hege und Pflege der Gewässer verpflichtet werden und dafür auch Pacht zahlen. Weder Ruderer oder Kanuten noch die Bürger, die am Ufer die Natur genießen, müssen dafür bezahlen. „Deshalb appellieren wir an alle Mitmenschen, unsere Gewässer nicht als Mülldeponien zu behandeln“, so Schwarz weiter.

von Michael Agricola

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