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Der „Marburger Zacken“ wird gehegt

Universitätsmuseum Der „Marburger Zacken“ wird gehegt

In mühevoller Kleinarbeit stellen Arbeiter beim Universitätsmuseum für Kunstgeschichte den Zustand so weit wie möglich wieder her, der bei der Eröffnung des Hauses 1927 geherrscht hat.

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Der tiefergelegene Innenhof samt Hofbrunnen wird von prächtigen Fassaden umschlossen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Wenn Museumsdirektor Dr. Christoph Otterbeck vom Universitätsmuseum für Kunstgeschichte spricht, gerät er schnell ins Schwärmen. Er charakterisiert den Bau, der der Universität 1927, also vor 90 Jahren, von Marburger Bürgern geschenkt wurde, als ein Werk, das seine neoklassizistische Fassade vereine mit vielen Baudetails im art-déco-Stil, der an den Jugendstil anknüpft und unter anderem durch die Eleganz seiner Formen auffällt. Im Falle des Marburger Kunstmuseums kommt noch hinzu, so Otterbeck, dass der Bau sich direkt an die Region anschließt: Alle Sockel, Simse, Rahmungen und Ornamente sind aus heimischem Rotsandstein gefertigt. Die Walmdächer sind regionaltypisch mit Schiefer eingedeckt.

Auch der Marburger Kinderarzt Dr. Stephan Heinrich Nolte ist fasziniert von dem Bau und im Besonderen von den vielen Baudetails. Vor allem hat es ihm der „Marburger Zackenstil“ angetan. Damit ist das von Architekt Hubert Lütcke verwendete immer wiederkehrende Stilelement gemeint, das die Gitter vor Fenstern und Türen ziert.

Das Marburger Universitätsmuseum für Kunstgeschichte wird derzeit aufwendig saniert und renoviert.

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Ein solches gezacktes Holzelement fand Nolte vor wenigen Tagen achtlos in einem Bauschutt-Container - und schlug Alarm. Original-Ausstattungsstücke im „Marburger Zackenstil“ würden zerstört und entsorgt“, befürchtete der Mediziner.

Das Gegenteil ist aber der Fall, versicherten bei einem Ortstermin Otterbeck und die Museums-Bauleiterin Ute Kohlhauer. Hunderte von Bauteilen seien restauriert worden, die Fenstergitter von mehr als 330 Fenstern und Türen wiederhergestellt worden, sagt Kohlhauer. Bei dem Teil, das Nolte im Bauschutt gefunden habe, handele es sich um einen Zacken, der nicht mehr zu retten gewesen sei. Pilz und Holzfraß hätten es unbrauchbar gemacht. „Nach reiflicher Überlegung haben wir entschieden, einzelne, nicht mehr funktionsfähige Teile auszusortieren und nachzubauen“, sagt Otterbeck.

Erscheinungsbild von 1927 soll widerhergestellt werden

Der große Innenhof des Universitätsmuseums liegt unter dem Straßenniveau der Biegenstraße - mit dem Ergebnis, dass der Hof nach Starkregen im Wasser stehen kann - und mit ihm zahlreiche der Holztüren. Bei den umfangreichen Sanierungsarbeiten werden natürlich auch diese Teile renoviert. „Bei der Sanierung werden alle Türen ausgebaut, beurteilt und geborgen“, sagt Kohlhauer. Nur da, wo es Dichtigkeit oder die Schließbarkeit der Türen erfordern, werde das Originalteil durch einen Nachbau ersetzt.

„Wir werden das Erscheinungsbild des Hauses so weit wie möglich so wieder herstellen, wie es 1927 war“, sagt Otterbeck. Natürlich gebe es aber auch Erfordernisse der Jetztzeit: Rampen etwa an den Eingangstüren, um einen barriere­freien Zugang zu gewährleisten, oder Wärmedämmung. Außerdem werden ein Aufzug und ein neues Beleuchtungssystem, eine energieeffiziente Heizung und neue sanitäre Anlagen eingebaut.

Um die kostbaren Baustoffe im Innenraum zu schützen, sind Fußböden und Decken während der Bauarbeiten mit einem leichten Holzbezug geschützt.

Unglaublich hoher Bestand an Original-Teilen

Otterbeck gesteht, dass im Verlauf der vergangenen 90 Jahre ein Teil der Original-Bauteile verschwunden ist: Kunstvoll gearbeitete Beschläge an den Toilettentüren etwa, die in den 60er-/70er-Jahren achtlos ausgebaut wurden. „Aber wir haben dennoch einen unglaublich hohen historischen Bestand an Original-Bauteilen, und wir sind uns der Verantwortung für ihn bewusst“, sagt der Museumsdirektor.

Nicht zuletzt deswegen betragen die Baukosten allein für die Innensanierung stolze 3,5 Millionen Euro. Ein Teil davon, rund 1,25 Millionen Euro, soll durch die Spendenkampagne „Kunst braucht Raum“ aufgebracht werden. Ziel ist, das Museum im Frühjahr 2018 wieder zu eröffnen.

Dr. Stephan Heinrich Nolte ist im Übrigen von der Art und Weise, wie das Museum mit den Original-Bauteilen umgeht, überzeugt: „Längst nicht überall wird mit unserem historischen Erbe so verantwortungsbewusst umgegangen.

von Till Conrad

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