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Der Mann, der montags Wache steht

Ronny Geißler Der Mann, der montags Wache steht

Wenn Ronny Geißler eine Rede hält, passiert es, dass ihm niemand zuhört. Passanten würdigen ihn keines Blickes, ignorieren seine Worte. Ronny Geißler stört das wenig. Er weiß: Realität ist manchmal unbequem.

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Jeden Montag steht Ronny Geißler am Augustinerbrunnen, um gemeinsam mit Gleichgesinnten für Frieden in der Welt zu demonstrieren.

Quelle: Florian Gaertner

Marburg. Ronny Geißler hätte sich selbst wohl niemals als „politisch“ beschrieben. Hätte - wohlbemerkt. Wäre da nicht dieser eine Abend im Februar gewesen, an dem er vor dem Laptop saß und Nachrichten las. Wie immer eigentlich. Und doch war an diesem Tag etwas anders.

Die Schlagzeilen über die Krise in der Ukraine und die Antwort der Bundesregierung darauf ließen ihn nicht schlafen. Fraßen sich in seinen Gedanken fest. Machten ihm zum ersten Mal in seinem Leben Angst. Er las weiter. In Foren und Blogs. Informierte sich umfassender.

Nein, uninteressiert - oder schlimmer noch - uninformiert sei er nie gewesen. Aber eben recht unmotiviert wirklich aktiv zu werden. Bis zu diesem Tag im Februar. Als sein Kopf nicht mehr abschalten und die Sorge um eine ungewisse Zukunft sich nicht mehr verdrängen lassen wollte. Also suchte er nach Gleichgesinnten. Nach Menschen, die seine Werte und auch seine Empörung teilten. Und er fand sie. Am Augustiner-brunnen in Marburg. Immer montags. Bei Wind und Wetter.

Es geht um die gemeinsame Richtung

Während sich derzeit in Frankfurt bereits hunderte Bürger Montag für Montag treffen, um für Frieden in der Welt zu demonstrieren, sind es in Marburg ungleich weniger. Mal nur fünf, mal zehn, mal zwanzig. „Wir müssen die Gegenwart sehen und die Zukunft gestalten“, sagt Ronny Geißler, während seine Finger über einen Edward-Snowden-Aufkleber streichen.

„Es geht nicht darum, woher man kommt oder was man beruflich macht. Es geht darum eine gemeinsame Richtung zu finden. Man lernt die Menschen, die hier hinkommen, sehr schnell kennen. Egal ob sie nun gegen die Atompolitik oder für Edward Snowden einstehen. Das Durchhaltevermögen zieht die Menschen einfach an.“

Auch Johannes gesellt sich neuerdings zu der Mahnwache. Beim Einsatz für Frieden, so der 31-Jährige, seien Nachnamen irgendwie unwichtig. Wochenlang fuhr er jeden Montag nach Frankfurt, um sich den Mahnwachen anzuschließen. Erst wollte er sich nur ein eigenes Bild dieser friedlichen Bewegung machen. Dann aber begann er, sich mit den Menschen zusammenzusetzen und zu diskutieren. Wenig über Gott, viel über die Welt.

„Es geht nicht darum, Schuldige ausfindig zu machen und zu bestrafen, sondern alternative Lösungsansätze zu finden. Wir sind ja nicht gegen, sondern für etwas. Und zwar für den Frieden“, erklärt er. Über Umwege hat Johannes von den Mahnwachen in Marburg erfahren. Seither steht er ebenfalls jeden Montag am Augustinerbrunnen.

Das Motto der Sesamstraße treibt ihn an

Johannes und Ronny sind mittlerweile Freunde geworden. Solche, die sich auch mal streiten. Die nicht immer einer Meinung sind. Die die Diskussion jedoch als Bereicherung - niemals als Kritik verstehen. „Die Grundwerte stimmen“, erklärt Geißler.

Der selbstständige Maler und Lackierer hat sich vom passiven Bürger zum aktiven Protestler gewandelt. Oft schon hat er Reden gehalten. „Als ich zum ersten Mal vor Publikum gesprochen habe, hat es mir die Luft genommen“, erinnert er sich. Mittlerweile ist er ein bisschen gelassener geworden. „Wir wollen ja niemandem unsere Meinung aufdrücken. Wir wollen einfach nur Impulse setzen und die Menschen zum Nachdenken bringen. Ich schaufele mir in der Woche einige Stunden frei, um meinem Unmut freien Lauf zu lassen. Das sollte doch jeder tun.“

Tut aber nicht jeder - nur einige wenige, die nicht aufhören wollen zu fragen. „Wer, wie, was? Wieso, weshalb, warum?“ Das Motto der Kindersendung „Sesamstraße“, so scheint es, treibt ihn an. Falsch, widerspricht Ronny Geißler. Es sind seine Kinder, für die er jeden Montag auf der Straße steht. Ihnen will er bieten, was er mit Geld nicht kaufen kann: Leben in einer friedlichen Welt.

von Marie Lisa Schulz

Hintergrund: Montagsdemos

Die politische Situation in der DDR trieb am 4. September 1989 mehr als 500 Menschen in Leipzig auf die Straße. Sie demonstrierten für Meinungsfreiheit und politische Reformen. Einen Monat später immer an einem Montag waren es schon 20000 Protestler, die in zahlreichen Städten der DDR auf die Straße gingen.

Seit dem 17. März 2014 finden in mehr als 100 Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz Mahnwachen statt. Nach der Darstellung der Organisatoren handelt es sich um eine nicht-politische Bewegung, die der Meinungsbildung diene. Die Mahnwachen verstehen sich als weder rechts noch links und orientieren sich an den Montagsdemonstrationen 1989/1990 in der DDR und der Friedensbewegung.

Die Montags-Mahnwachen werden im Internet häufig mit einer politisch rechten Gesinnung in Verbindung gebracht. Ein Sprecher des Verfassungsschutzes Hessen sagte dazu: Bei den Mahnwachen handelt es sich nicht um ein Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes. Es gibt keine Anhaltspunkte extremistischer Bestrebungen. Die Teilnehmer zeichnen sich durch eine gewisse Anti-Haltung aus. Das führt zu einem gesellschaftlich breit aufgestellten Spektrum an Unterstützern. Darunter sind sowohl links- als auch rechtsorientierte Bürger. Es ist aber nicht festzustellen, dass sie einen Einfluss auf die Ausrichtung der Demos haben.

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