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Der Landwirt, der Falter und die Straße

Ortsumgehung Heskem Der Landwirt, der Falter und die Straße

Noch 2016 werden die Bagger anrollen und mit dem Bau der Umgehungsstraße beginnen, schätzt Ebsdorfergrund-Bürgermeister Andreas Schulz. Die Freude in Heskem war gestern riesig - die Enttäuschung in Cappel groß.

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Ein Lastwagen rollt an der Kirche vorbei über die Heskemer Ortsdurchfahrt. Solche Motive gehören bald der Vergangenheit an – das Dorf bekommt eine Umgehungsstraße.

Quelle: Thorsten Richter

Gießen. „Dieses Land in Heskem, es ist das Herzstück unseres Betriebs - und es war das Lebenswerk meines Vaters, diese Flächen zu erwerben“, sagte der Cappeler Landwirt, der gegen den Bau der Ortsumgehung Heskem geklagt hatte, weil die Straße seine Betriebsflächen in wirtschaftlich unbrauchbare Stücke zerteilen würde.

Zu diesem Zeitpunkt am Donnerstagnachmittag stand noch nicht fest, dass seine Klage gegen das Straßenbauvorhaben abgewiesen werden würde. Doch etwa eine Stunde später hatte die vierte Kammer des Verwaltungsgerichts Gießen diese Entscheidung gefällt. „Der Planfeststellungsbeschluss des Landes ist rechtmäßig und verletzt den Kläger nicht in seinen Rechten - die Einwendungen des Kläger greifen nicht.“

So lautete gestern am Spätnachmittag die kurze Begründung der Kammer, die unter Leitung ihres Vorsitzenden Werner Bodenbender getagt hatte. Eine ausführliche Urteilsbegründung ergeht voraussichtlich in einigen Wochen.

Fast fünf Stunden lang dauerte die gestrige Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht Gießen. Das Land Hessen als Beklagte, vertreten durch die Planfeststellungsbehörde des Verkehrsministeriums, nahm mit zwölf Personen an der gerichtlichen Auseinandersetzung teil: ministeriumsinterne und externe Fachleute, Gutachter, Straßenplaner, Verkehrsexperten. Der Cappeler Landwirt wurde unterstützt von seiner Hamburger Anwältin Dr. Roda Verheyen und dem von ihm engagierten Gutachter Wulf Hahn.

Der Zuschauerraum war gut gefüllt. Einige Heskemer Bürger begleiteten die Verhandlung - und an vielen Stellen der teils interessanten, teils aber auch sehr langatmigen Ausführungen zu dem Straßenbauvorhaben hielt es sie kaum mehr auf ihren Stühlen. So während einer einstündigen Diskussion über ausreichende ober eben ungeeignete Ausgleichsmaßnahmen zum Schutz des Wiesenknopf-Ameisenbläulings. Diese unter Artenschutz stehende Falterart wird von dem Straßenbau betroffen sein - doch stehen laut naturschutzrechtlichen Gutachten ausreichend Ausweichflächen für den Ameisenbläuling zur Verfügung. So führte es Kirsten Preetz, Referatsleiterin der Planfeststellungsbehörde, unterstützt von Naturschutz-Gutachtern aus.

Landwirt weiß noch nicht, wie es weitergehen soll

Anwältin Verheyen machte wieder und wieder Druck: Es sei nicht hinreichend erwiesen, dass es keine Verschlechterung für den Falter bedeute, nur weil erwiesen sei, dass es grundsätzlich genug Flächen für ihn gebe. Man solle lieber Gutachten darüber erstellen, wie man an der Ortsdurchfahrt in Heskem leben könne, wo das Geschirr in den Schränken bei jedem vorbeifahrenden Lastwagen laut klirrend durchgerüttelt werde, schimpfte ein Bürger aus dem 850-Einwohner-Dorf im Zuschauerraum.

Detailfragen, Interpretationsfragen, Abwägungsfragen, Fragen von Kosten und Nutzen - und vor allen die Frage: Ist die wirtschaftliche Existenz des Landwirts durch den Bau der Straße gefährdet? Die Erörterungen des Klägers und des Landes als Beklagte gingen ins Detail. Dabei prallte Gutachten auf Gegengutachten, die eine fachliche Analyse entkräftete die andere oder versuchte dies zumindest. „Der Boden, den Sie in Heskem bewirtschaften ist erste Sahne, aber es könnte auch eine geeignete Alternativfläche gefunden werden“, sagte Richter Werner Bodenbender zu dem Landwirt.

Schnelle Anbindung der Dörfer und weniger Verkehr

Ein anderer Richter regte gar an, im bevorstehenden Enteignungsverfahren über die Bereitstellung eines komplett anderen landwirtschaftlichen Betriebs für den Cappeler Landwirt zu sprechen. Welche Wege der 44-Jährige nach verlorenem Klageverfahren beschreiten will, wusste er gestern noch nicht - die Entscheidung war ganz frisch und er wollte sie zunächst verdauen. Bürgermeister Andreas Schulz, der das Straßenbauvorhaben mit viel persönlichem Einsatz vorangetrieben hatte, stand nach Ausgang der Verhandlung förmlich schon in den Startlöchern. „Jetzt müssen wir erst noch die Urteilsfrist abwarten - dann können die Arbeiten ausgeschrieben werden. Und ich bin sicher, dass der Bau noch in diesem Jahr beginnen kann“, erklärte er und meinte, dies sei ein ganz besonderer Tag, ein „echter Freudentag für Heskem“.

Der Entlastung Heskems und Leidenhofens vom Verkehr, einer schnellen Anbindung der Dörfer ringsum an die Verkehrsader Richtung Marburg, die Weiterentwicklung von Schule und Busbahnhof, neue Gestaltungsmöglichkeiten im Ortskern - all dem stehe nun nichts mehr entgegen, führte Schulz aus.

von Carina Becker

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